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Ken LoAch

Stopp prekäre Arbeitsverhältnisse!

In «Sorry We Missed You» zeigt Ken Loach den Verlust des Zusammenhalts zwischen den Menschen, ausgelöst durch die prekären Arbeitssituationen. Ein kraftvolles Sozialdrama.

In «Sorry We Missed You» zeigt Ken Loach den Verlust des Zusammenhalts zwischen den Menschen, ausgelöst durch die prekären Arbeitssituationen. Ein kraftvolles Sozialdrama.

Sorry We Missed You widmet sich dem Zerfall eines Menschen und seiner Familie durch die Arbeit. Genauer genommen durch diese neue Form von Arbeit, die vorgeblich «unabhängig» ist – als Uberisierung bekannt. Nie zuvor hat man den Begriff der Freiheit missbräuchlicher verwendet. Ricky Turner (Kris Hitchen), in Newcastle zu Hause, hat schon verschiedene Arbeitsstellen hinter sich, als er in einem Kurierunternehmen auf eigene Rechnung zu fahren beginnt. Dabei muss er nicht nur unsinnige Vorgaben zum Ertrag einhalten, sondern auch alle Unkosten selber übernehmen. Um den Lieferwagen zu kaufen, hat er das Auto seiner Frau Abby (Debbie Honeywood) verkauft. Diese arbeitet als Haushalt-hilfe, wozu sie stundenlang – unbezahlt – in den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist. Ricky und Abby haben neben der sterbenslangweiligen Arbeit kein Leben mehr.
Rickys endlose, erschöpfende Tage sind geprägt vom Stress, der sich aus dem Zwang der Vorgaben ergibt, die die Software laufend erzeugt, und die sein unnachgiebiger Chef durchsetzen muss. Abby hingegen bewegt sich in einer Welt von bettlägerigen und behinderten Menschen und gibt ihnen die Menschlichkeit und Zuwendung, die sie von niemandem sonst erhalten. Die beiden sind nie zuhause und würden sich völlig auseinanderleben, hätten sie nicht zwei Kinder, Seb (Rhys Stone), in der Pubertät, und die kleine Liza Jane (Katie Proctor). Sie lieben sie zwar, aber aufgrund der Umstände vernachlässigen sie sie. Seb ist der Erste, der in dieser Situation zu rebellieren beginnt und die Schule schwänzt.

Ken Loach zeigt die Verkettung von Erschöpfung, Missverständnissen und Gewalt, in der die Familie gefangen ist, wie auch ihre Anstrengungen, sich gegen diesen fortschreitenden Zerfall zu wehren, indem sie sich an die gegenseitige Liebe klammern. Sie ist die letzte Festung, die ihnen bleibt. Nach einen Diebstahl gerät Seb an einen Polizisten, der ihm dies aufzeigt: «Du hast Glück, dass deine Eltern dich lieben», erklärt er ihm, «die meisten Jungen, die bei mir landen, haben nicht einmal das.» In einer wunderbaren Einstellung begleitet Liza Jane ihren Vater bei der Arbeit; die Zärtlichkeit zwischen den beiden verwandelt die Fahrten in spielerische Momente und die harte Arbeit in ein sanftes Intermezzo. Dass dies die einzigen Kontakte sind, auf die die Turners noch zählen können, verrät einen epochalen Zeitenwandel und den Verlust an Gemeinschaft. Eine der alten Damen, die Abby besucht, zeigt ihr ihre wichtigsten Erinnerungsfotos: Sie ist darauf als Beteiligte eines Arbeitskampfs in den 80er Jahren zu sehen. Abbys Lieblingsbilder sind ihre Familienfotos…

Die Stärke von Sorry We Missed You liegt darin, dass der Film immer auf der Gefühlsebene bleibt, während er gleichzeitig eine zerstörerische Logik aufzeigt: jene der neoliberalen Organisation der Arbeitswelt. Die Darsteller erbringen eine bemerkenswerte Leistung mit einer herausragenden, betroffen machenden Debbie Honeywood. Sie zeigen ihre Figuren als hoch empfindlich, in Verbindung mit Ratlosigkeit und einem Sinn für Bewahrendes. Das Politische des Films dringt durch Haut und Haare von Ricky und seinen Lieben. Man müsste sich schon blind stellen, würde man behaupten, Ken Loach wolle hier die Ideologie über das s-ziale Drama stellen. Sorry We Missed You ist durch und durch Kino. Und dieses Kino zeigt das Ausmass unserer Not.

Sorry We Missed You, Ken Loach, 100 Minuten, zurzeit in den Kinos.

Christophe Kantcheff, Übersetzung: Peter Moor
Artikel erschienen in«Politis», Nr. 1573, 16. Oktober 2019

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