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Markus Jordi, Personalchef SBB

«Ein wirklich guter GAV»

© SBB CFF FFS

Ein Interview mit Markus Jordi, dem Personalchef der SBB.

Sie sind seit 2007 Personalchef der SBB und haben bei den letzten drei GAV-Verhandlungen die Arbeitgeberseite angeführt. Wie beurteilen Sie den aktuellen GAV SBB?

Er ist nach wie vor der Taktgeber in der Branche, der im Mobilitätsbereich den Standard setzt. Es ist aber auch einer der führenden GAV allgemein, bezüglich der arbeitsvertraglichen Bestimmungen, bezüglich des Arbeitnehmerschutzes, aber auch bezüglich der sozialen Sicherheit. Es ist ein wirklich guter GAV, auf den man auf beiden Seiten stolz sein darf.

Als Sie zur SBB kamen, gab es da im GAV Sachen, die Sie richtig gut, und anderes, das Sie richtig schlecht fanden?

Sehr gut gefunden habe ich die Standards in der gegenseitigen Zusammenarbeit, das Selbstverständnis der Sozialpartner. Eher problematisch fand ich eine gewisse Mentalität, dass alles für die Eisenbahnerinnen und Eisenbahner besorgt werde, und auch die Anspruchshaltung war zum Teil sehr ausgeprägt.

Hat sich das in der Zwischenzeit geändert?

Ja. Ich glaube, bei der SBB hat das Verständnis für solche Regelungen zugenommen. Ich glaube aber auch, dass das unternehmerische Bewusstsein auf Seiten der Sozialpartner gestiegen ist und dass die Mitarbeitenden heute unternehmerischer denken als vor 20 Jahren.

Wenn Sie den heutigen GAV anschauen, gibt es etwas, das Ihnen fehlt oder etwas, das Sie gerne hinausstreichen würden?

Die Regelungsdichte ist ja sehr hoch, insofern fehlt nicht so viel darin… Es gibt natürlich Themen, an denen wir uns reiben. Der Contrat social hat die Stärke, dass man grosse Veränderungen sozialverträglich durchziehen kann. Er könnte aber vereinzelt auch dazu führen, dass man sich in einer falschen Sicherheit wähnt. Nun haben wir das gemeinsam weiterentwickelt und auch etwas an das öffentliche Auffangnetz angenähert. Heute ist es eigentlich ein sehr gut ausgebauter Sozialplan.

Der SEV ist in den letzten 20 Jahren deutlich kämpferischer geworden; für einen GAV braucht es offensichtlich immer öffentliche Auseinandersetzungen. Wie empfinden Sie das?

Ich hatte am Anfang mehr Mühe damit als heute. Eine Gewerkschaft muss ihre Mittel nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen und Stärke zu zeigen. Der Arbeitgeber hat per se eine Machtposition, entsprechend müssen die Gewerkschaften Meinungen und Haltungen beeinflussen; das geht nur über die Öffentlichkeit. Im Kampagnenmanagement sind die Gewerkschaften besser als die Firmen, unbestritten.

Jetzt wird erstmals der GAV SBB Cargo separat verhandelt. Was bedeutet das für das Stammhaus?

Wir verfolgen das mit gemischten Gefühlen. In der Güterverkehrsbranche gibt es spezifische Spielregeln und Standards. Insofern ist ein Verständnis da, dass es eine gewisse Flexibilisierung geben muss. Auf der anderen Seite sind die Cargo-Kolleginnen und -Kollegen mit unseren Leuten im Gleisfeld, es sind nach wie vor SBB Leute, der personalpolitische Rahmen ist somit nicht unendlich. Ich kann mir Differenzierungen vorstellen, aber es muss weiterhin erkennbar sein, dass Cargo eine bedeutende Tochtergesellschaft der SBB ist.

Der Frauenanteil in der Konzernleitung SBB ist heute null*. Was ist da bei der Personalplanung schief gelaufen?

Wir haben im Moment keine gute Situation, das ist klar. Das Ziel ist, dass wir etwa 30 Prozent Frauenanteil haben. Das ist ein Auftrag. Zumindest haben wir als CEO von Cargo Schweiz, als CEO von Thurbo und als CEO von Elvetino alles Frauen. Im Topkader haben wir aktuell etwa 25 Prozent.

Könnte über die Anstellungsbedingungen, über den GAV, der Frauenanteil bei der SBB generell erhöht werden?

Da sind wir seit Jahren dran. Als ich eingetreten bin, hatten wir einen Gesamtfrauenanteil von 12 Prozent, jetzt sind wir unternehmensweit bei 18 Prozent. Pro Jahr steigen wir im Moment so zwischen 0,6 und 0,8 Prozent, das ist viel zu langsam! Da herrscht Handlungsbedarf.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was würden Sie in den GAV schreiben, ohne dass die Gegenseite etwas dazu sagen dürfte?

(Überlegt lange) Ich würde mir wünschen, dass die Art und Weise, wie Sozialpartnerschaft betrieben wird, beibehalten werden kann. Gleichzeitig aber, dass sich der GAV den sich verändernden Rahmenbedingungen, beispielsweise durch die Digitalisierung anpassen kann. Die Arbeitswelt verändert sich unglaublich schnell. Unsere Rahmenbedingungen sind dem nicht mehr überall gewachsen, die Flexibilität müsste zunehmen. Es wäre mein Wunsch, Strukturen zu pflegen, um dem gerecht werden zu können. Der Digitalisierungsfonds ist ein gutes Beispiel, wie wir das machen können. Also kein Feindbild, sondern versuchen, den regulatorischen Rahmen mitzuentwickeln.

* Das Gespräch wurde Ende 2020 geführt.

Peter Moor
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