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Rottenköchinnen

Bei der SBB geht eine Ära zu Ende

Violette Wicky mit ihrem Bauteam vor ihrem Speisewagen im Jahr 2003. Ende 2020 schloss die letzte SBB-Rottenküche. Foto: Alexander Egger.

Die letzten Rottenköchinnen traten Ende 2020 in den Ruhestand – ein trauriger Moment für all jene, die diese einzigartige, 100-jährige soziale Einrichtung miterlebt haben. Dank einer gewerkschaftlichen Mobilisierung konnte die Lebensdauer dieser besonderen Speisewagen um zehn Jahre verlängert werden.

«Einige unserer Ältesten mit über 40 Dienstjahren in Delémont hatten Tränen in den Augen, als im Januar der Küchenwagen auf einen Lkw verladen wurde, um ihn zum Schrottplatz zu fahren», sagt Thierry Burnier, B100Triebfahrzeugführer in Lausanne, traurig. «In meinen 33 Jahren bei der SBB waren die Rottenküchen immer da. Wir hatten unseren Speisewagen und daneben den Werkstattwagen. Wir waren alle zusammen. Mit diesem grossen Verlust endet eine Ära.»

Der Beruf war nomadisch, aber er schuf Verbindungen, weil die Köchin ihren eigenen Wagen und ihr fixes Team hatte, dem sie von Ort zu Ort folgte. «Ich erinnere mich gerne an meine Zeit bei der SBB», sagt Violette Wicky, 76, die bis Ende 2006 während 28 Jahren als Rottenköchin gearbeitet hat. «Die Arbeiter haben sich mir anvertraut, wir haben zusammen gelacht! Sie konnten eine Stunde mit einem heissen Menu in der Wärme verbringen. Wo sollen sie jetzt hin?», fragt sie. Die Wut über dieses brutale Ende ist immer noch gross: «Ich darf gar nicht daran denken, sonst nervt es mich nur! Es frisst mich auf. Ehrlich gesagt finde ich es widerlich, eine untragbare Entscheidung.» «Wir waren wirklich eine Familie, wir haben uns sehr gut verstanden», erzählt Silvia Thomet, die ehemalige Rottenköchin von Delémont. «Unvorstellbar, dass manche glauben, ein Apfel und ein Balisto seien genug für die ganze Nacht …». Nach 30 Jahren in der Küche war sie mit 53 Jahren noch zu jung, um in Pension zu gehen. In Rekordzeit hat sie alle Prüfungen für die Tätigkeit als Sicherheitswärterin bestanden, um bei der SBB bleiben zu können.

Das Bau- und Unterhaltspersonal arbeitet bei jedem Wetter hart im Freien. Ein beheiztes Esszimmer mit Tischen, Stühlen und heimeligen Vorhängen an den Fenstern war für sie ein kleines Stück Zuhause. Es duftete immer nach ausgewogenen Mahlzeiten, zubereitet von der mobilen Köchin, die sich um Einkäufe, Essenszubereitung, Service, Abwasch, Reinigung und die Abrechnung kümmerte. Das alles fand man in den Rottenwagen, die auf den früher noch zahlreicheren Abstellgleisen standen, um Mägen und Herzen zu wärmen. «Was mir besonders gefiel, waren die familiäre Atmosphäre, die Kollegialität und die gute Stimmung am Ende des Tages», erzählt Isabelle Locher, die 35 Jahre Rottenköchin war. Sie ging am 1. Dezember vorzeitig in Pension. «Im Lauf der Jahre änderte sich mein Status: von der Freundin zur grossen Schwester und zur Mutter.»

Mobile Küchen tauchten erstmals während des Ersten Weltkriegs auf, zu einer Zeit, als das Essen rationiert wurde. 1985 gab es 120 Stück, 2007 nur noch 51. Mit den Restrukturierungsprogrammen wurden sie wegrationalisiert. Die SBB-Spitze war der Meinung, dass moderne Container mit Mikrowellenöfen ausreichen würden, transportiert von einem Lkw. Durch die veränderten Berufsbilder, die zunehmende Arbeitsbelastung und immer kürzere Bauintervalle in der Nacht haben sich die Pausen verkürzt. Auch deshalb isst die neue Generation lieber ein Picknick aus der Tasche, als zehn Franken für eine warme Mahlzeit mit Suppe, Getränk, Dessert und Kaffee zu bezahlen.

Schon zweimal wollte die SBB die alten Wagen mit ihren Köchinnen loswerden. 1998 marschierten diese vor der Geschäftsleitung auf. Und 2010 forderten 1000 Unterschriften ein zehnjähriges Moratorium, das in einen schrittweisen Abbau mündete. Diesmal konnte Benedikt Weibels Mutter das Ende der mobilen Küchen nicht mehr verhindern. Der Ex-Chef der SBB schrieb im Vorwort des Rezeptbuchs der SBB-Rottenköchinnen von 2005, dass er 1998 auf seine Mutter gehört und die Rottenköchinnen beibehalten habe, weil sie «zur SBB gehören und für unser Unternehmen wichtig sind». Jetzt blättern wir im Geschichtsbuch eine Seite weiter. Aber die Frage bleibt offen, was die SBB nun für die Verpflegung und den Zusammenhalt ihrer Bauteams tut.

Yves Sancey / Übers. Karin Taglang

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