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SEV kritisiert Auftrag an McKinsey

Die SBB-Pläne sind unrealistisch

Entgegen dem Trend und den Prognosen zur Verkehrsentwicklung will die SBB im grossen Stil Stellen abbauen. Das ist für die Gewerkschaft SEV unverständlich.

Die SBB will sich von McKinsey ein Abbaupaket schnüren lassen, das in den nächsten Jahren einen Stellenabbau im vierstelligen Bereich vorsieht. Dies erachtet die Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV als völlig unrealistisch: «Sowohl die aktuellen Mobilitätsprognosen als auch die bereits beschlossenen Ausbauten bei Infrastruktur und Angebot zeigen, dass in Zukunft sicher nicht weniger Personal im öffentlichen Verkehr nötig sein wird», hält SEV-Präsident Giorgio Tuti fest. Es ist zwar verständlich, dass die SBB ihre Strukturen und Abläufe überprüfen will; das ist Teil einer seriösen Unternehmensführung. Die SBB gibt aber bereits einen Stellenabbau vor, statt sich offen mit der Situation auseinanderzusetzen.

«Wir werden diesen Auftrag sehr kritisch beobachten und uns einmischen, sobald wir eine falsche Entwicklung feststellen», ergänzt Tuti. Er betont, dass dank dem Gesamtarbeitsvertrag Kündigungen ausgeschlossen sind, doch damit ist es nicht getan. «Die SBB ist in der Pflicht, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu befähigen, dass sie die technische und strukturelle Entwicklung mitmachen können», streicht Tuti heraus. Mit den bevorstehenden Pensionierungswellen grosser Jahrgänge einerseits und dem anhaltenden Unterbestand in wesentlichen Berufsgruppen andererseits ist die SBB gefordert, qualifiziertes Personal für einen Service public auf hohem Niveau bereit zu halten.

Es ist unvermeidlich, dass die technische Entwicklung auch die Arbeitsplätze beeinflusst. Die Lösung führt aber nicht über Entlassungen und Neueinstellungen, sondern nur über die kontinuierliche Weiterbildung und Laufbahnplanung beim bestehenden Personal.

Die Abbauideen, die die SBB zudem für 2030 aufzeigt, sind erst recht unverständlich: Eben erst hat das Schweizervolk Ja gesagt zu FABI, das eine nachhaltige Weiterentwicklung des Schienenverkehrs vorsieht. « Wenn sich die SBB richtigerweise mit den sich abzeichnenden Veränderungen bei der Mobilität beschäftigt, sollte sie nicht fantastische Einsparideen in die Luft setzen, sondern für alle Entwicklungen offen sein und sich diesen Herausforderungen offensiv stellen», betont Tuti.

«Der ‹Contrat social› gibt uns Rückhalt, aber er blockiert uns nicht.»

Es ist keine zwei Jahre her, seit das Schweizervolk deutlich Ja gesagt hat zu Fabi, der Finanzierung und dem Ausbau der Bahninfrastruktur. Wie es der Name sagt, war damit ein Ausbauprogramm verbunden. Dieses trägt den Prognosen Rechnung, die regelmässig rund um die Verkehrsentwicklung präsentiert werden. Sie alle sagen dasselbe: Der Verkehr wird in den nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen, etwa um 30 Prozent, und zwar stärker auf der Schiene als auf der Strasse.

Da fragt man sich schon, welcher Teufel die SBB geritten hat, dass sie in die Luft posaunt, im Jahr 2030 wolle sie ihre Aufgaben billiger erledigen. Und mit billiger meint sie nicht etwa reduziertes Wachstum, sondern sie setzt sich zum Ziel, gegenüber heute die Kosten um 20 Prozent zu senken.

Selbstverständlich wird das Leben im Jahr 2030 anders sein als heute; eine weitere digitale Revolution steht bevor. Aber weder Menschen noch Waren werden sich im Jahr 2030 per W-LAN oder durch Lichtleiter transportieren lassen. Transport bleibt ein grobes Geschäft, die Bahn wird weiterhin auf Schienen fahren.

Wir begegnen deshalb den Plänen der SBB mit allergrösster Skepsis. Wir haben aber vorerst nicht zu Protesten oder gar Kampfmassnahmen aufgerufen, weil wir sehen wollen, was die Analysen von McKinsey ergeben werden. Im nächsten Sommer wird es so weit sein. Dann wird sich zeigen, welche Mittel wir einsetzen müssen. Wir nützen die Zeit, um uns darauf vorzubereiten.

Dabei befinden wir uns in einer besonderen Situation: Viele unserer Schwesterorganisationen reagieren auf solche Ankündigungen mit der Forderung nach einem Sozialplan, um die Folgen der Entlassungen abzufedern. Das müssen wir nicht, das können wir nicht! Wir haben den «Contrat social», der weit mehr ist als ein Sozialplan, nämlich eine Arbeitsplatzgarantie. Auch wenn wir mit dem neuen GAV eine minimale Ausdünnung zugelassen haben, bleibt der Grundsatz bestehen: Wer bei der SBB im GAV angestellt ist, kann bei einer Reorganisation nicht entlassen werden.

Das ist eine Sicherheit, die uns grossen Rückhalt gibt. Sie blockiert uns aber nicht. Wir sind überzeugt, dass die SBB die Verkehrsentwicklung nur mit mehr und nicht mit weniger Personal bewältigen kann. Und dafür sind wir auch bereit zu kämpfen.

Giorgio Tuti, Präsident SEV

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