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Schifffahrtsgesellschaft SNL

Lago Maggiore: Personal und Angebot weiterhin unter Druck

Die Gewässer im Schweizer Teil des Lago Maggiore sind weiterhin aufgewühlt. Nicht nur wegen des Windes, sondern auch wegen einer Reihe von Verstössen seitens der Società Navigazione Lago di Lugano (SNL). Wir ziehen Bilanz mit SEV-Gewerkschaftssekretär Angelo Stroppini.

© Antonio Leucci

Fangen wir von vorne an: Was ist im Sommer 2025 am Lago Maggiore passiert?

Anfang Sommer 2025 hat die SNL mit sofortiger Wirkung den GAV gekündigt, den sie nach den Streiks von 2017 mit dem SEV, der Unia und der Ocst für die Mitarbeitenden auf dem Lago Maggiore ausgehandelt und unterzeichnet hatte. Die Leitung begründete den Schritt mit angeblichen«unfairen Medienangriffen» der Gewerkschaften, die ihrer Meinung nach dem Image des Unternehmens geschadet hätten.

Was antworten die Gewerkschaften auf diesen Vorwurf?

Diese Darstellung weisen wir Gewerkschaften ausdrücklich zurück: Wir haben nur unsere Rolle wahrgenommen und eine Reihe von Problemen erst dann öffentlich angeprangert, nachdem wir vergeblich versucht hatten, mit der SNL ins Gespräch zu kommen. Es geht um Verstösse gegen das Arbeitszeitgesetz (AZG) und die zugehörige Verordnung (AZGV), um Fragen der Transparenz bei der Verwaltung der Pensionskasse und um offensichtliche Umgehungen des GAV für die SNL-Mitarbeitenden auf dem Lago Maggiore. Die Rechte der Arbeitnehmenden zu verteidigen ist kein Angriff, sondern unser Auftrag.

Zugleich gab es Entlassungen?

Ja, und das war kein Zufall. Ebenfalls Anfang Sommer 2025 entliess die SNL unter dem Vorwand einer Umstrukturierung drei Mitarbeiter. Für uns handelt es sich eindeutig um gewerkschaftsfeindliche Entlassungen: Einer der Arbeitnehmer war Mitglied der Personalkommission und gewerkschaftlich aktiv, einer war Vertrauensmann und kritische Stimme innerhalb des Unternehmens, und der dritte hatte den SEV wegen Nichteinhaltung des AZG um Intervention gebeten.

Wie sieht die Situation einige Monate später aktuell aus?

Heute haben wir noch drei offene Streitfälle. Der erste ist eine Klage, welche die SNL gegen die Gewerkschaften SEV, Unia und Ocst wegen unseres Vorgehens eingereicht hat. Der zweite betrifft die fristlose Kündigung des GAV Lago Maggiore, die wir entschieden anfechten. Der dritte ist eine Meldung des SEV an die Aufsichtsbehörde des Kantons Zürich bezüglich der Verwaltung der SNL-Pensionskasse Valitas.

Was war aus deiner Sicht das eigentliche Ziel der SNL-Führung?

Die Gewerkschaften mundtot zu machen und zu versuchen, ihr Image in der Öffentlichkeit und gegenüber der Kantonspolitik aufzupolieren. Wir lassen uns sicher nicht den Mund verbieten und führen unsere Arbeit fort, ohne uns einschüchtern zu lassen. Trotz dem repressiven Klima im Betrieb vertrauen immer mehr Mitglieder uns historischen Gewerkschaften, auch weil sie erkannt haben, wie wenig solide der neu egründete Personalverband (APTL) ist, der Hand in Hand mit dem Arbeitgeber arbeitet.

Am Heiligabend stellte die SNL ein neues Betriebsreglement für alle Mitarbeitenden vor und behauptete, es sei besser als der «alte» GAV. Ist das wirklich so?

Absolut nicht. Nach wenigen Monaten haben wir festgestellt, dass die Realität ganz anders aussieht. In Wahrheit haben sich die Löhne der Mitarbeitenden, die unserem inzwischen von der SNL gekündigten GAV unterstehen, verschlechtert. Die Kolleg:innen in den untersten Lohnklassen, die theoretisch mit dem neuen Dokument zur Regelung der Arbeitsbedingungen eine beträchtliche Lohnerhöhung hätten erhalten sollen, haben in Wirklichkeit denselben oder einen tieferen Lohn, weil ihnen ein tieferer Anstellungsgrad auferlegt wurde. Es ist daher kein Zufall, dass die «Kollegin» Natalia Ferrara während einer vom Personalverband (APTL) einberufenen Frühjahrsversammlung von den anwesenden Mitarbeitenden ordentlich die Leviten gelesen bekam. Gewerkschaftsarbeit bedeutet, am Ball zu bleiben: zu verhandeln, nachdem man ein Mandat erhalten hat, und die Umsetzung zu des Vereinbarten zu überwachen. Wenn man das nicht tut, verliert man an Glaubwürdigkeit. Im Februar haben wir dann den x-ten Verstoss gegen das AZG und die AZGV festgestellt. Wir haben den Fall der SNL gemeldet, mit Kopie ans Bundesamt für Verkehr (BAV) und an den Tessiner Staatsrat. Wie so oft hat das Unternehmen zunächst die Fakten geleugnet, um den Verstoss dann in aller Eile heimlich zu korrigieren. Die Tatsache, dass wir sie erneut bei der Nichteinhaltung des Gesetzes auf frischer Tat ertappt haben, bedeutet, dass wir unsere Arbeit bestmöglich machen und dass sie sich gewaltig getäuscht haben, wenn sie gedacht haben, sie hätten uns aus dem Weg geräumt.

Wie steht es um die PK, die von der Copernicus Wealth Management AG verwaltet wird, die dem SNL-Präsidenten Agostino Ferrazzini zuzuordnen ist?

Wie gesagt ist eine Anzeige von uns bei der Aufsichtsbehörde für Pensionskassen in Zürich hängig. Zudem herrscht zur Performance der Pensionskasse im Jahr 2025 komplettes Schweigen. Auf ausdrückliche Nachfragen haben weder der SEV noch die Mitarbeitenden eine Antwort erhalten, obwohl die Mitarbeitenden Anrecht darauf haben zu erfahren, wie ihre Vorsorgeguthaben verwaltet werden. Aus den uns vorliegenden Informationen geht hervor, dass die Performance per 30. September 2025 sehr schlecht war - und das in einem Jahr, in dem die Börsenentwicklung top war und die meisten Pensionskassen positive Ergebnisse verzeichneten. Im Bereich der Vorsorge ist Transparenz kein Luxus, sondern eine Pflicht. Wenn Informationen vorenthalten werden, kommen unweigerlich Zweifel auf. Die Rolle von Valitas ist überraschend: Wenn nicht einmal die Pensionskasse in der Lage oder bereit ist, klare und überprüfbare Daten zur Jahresperformance zu liefern, versagt die eigentliche Garantie- und Kontrollfunktion. Das ist besorgniserregend.

Betrifft diese SNL-Affäre neben dem Personal auch den Service public und das touristische Angebot am Lago Maggiore?

Genau so ist es. Im Jahr 2016 wurde ein italienisch-schweizerisches Abkommen unterzeichnet, um den Schiffsverkehr auf dem Schweizer Teil des Lago Maggiore zu verbessern. Auf dieses Abkommen folgte eine neue Konzession, die die Grundlage für eine Verbesserung des Schiffsangebots auf dem Schweizer Teil des Lago Maggiore schaffen sollte. Diese Vereinbarungen waren wichtig, doch vergass man die Mitarbeitenden auf dem Schweizer Teil des Lago Maggiore, die vom damaligen italienischen Schiffsbetrieb entlassen worden waren. Sie erreichten mit einem dreiwöchigen Streik, dass sie alle bei der SNL eingestellt wurden. Und sie lancierten während dem Streik die Petition «Wir verteidigen den öffentlichen Dienst und die Arbeitsplätze», die in weniger als drei Wochen von über 10 000 Menschen unterzeichnet wurde! Heute aber stellen wir eine Verschlechterung an beiden Fronten fest: beim Schiffsangebot und bei den Arbeitsbedingungen für das Personal. Es ist eine negative Bilanz, die angesichts der anstehenden Erneuerng der Konzession weder die Politik noch die Öffentlichkeit gleichgültig lassen darf. Für die Verschlechterung verantwortlich sind weder das Personal noch die Gewerkschaften.

Veronica Galster

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