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Branchentagung Bus des Unterverbands des Personals privater Transportunternehmungen (VPT)

Doppelte Solidarität mit René Taglang

Hauptthema der Busbranchentagung VPT vom 25. Februar in Olten war die Entlassung von René Taglang, Chauffeur und Präsident der VPT-Sektion bei den Verkehrsbetrieben Zürichsee und Oberland VZO, wegen Tagesmüdigkeit (siehe Artikel "Entlassung zeigt Versicherungslücke auf" unter "interne Links"). Die rund 60 Tagungsteilnehmenden fühlten mit ihm als Busfahrer/innen und Gewerkschafter/innen gleich doppelt mit und verabschiedeten zwei Resolutionen.

Verabschiedung der «Resolution zur Unterstützung unseres Kollegen René Taglang».

Alarmglocken läuten in den Ohren jedes SEV-Mitglieds, wenn es hört, dass einem SEV-Sektionspräsidenten gekündigt wurde. Denn Sektionspräsident/innen haben naturgemäss in jedem Unternehmen Konflikte mit der Direktion auszufechten und machen sich bei dieser damit kaum beliebt. Wenn sie entlassen werden, steht daher immer die Frage im Raum, wie weit ihre gewerkschaftliche Tätigkeit eine Rolle gespielt hat. Gewerkschaftsvertreter/innen zu entlassen ist denn auch in manchen Ländern schlicht verboten.

In einer ersten Resolution äusserten daher die rund 60 Tagungsteilnehmenden ihren Zorn und ihre Sorge über die Entlassung des Präsidenten der VPT-Sektion VZO und Mitglieds des Branchenvorstandes Bus. Sie fordern darin die VZO-Direktion auf, eine Lösung zu finden, die es René Taglang erlaubt, weiterhin im Unternehmen zu arbeiten. Sie erklären sich «solidarisch mit allen gewerkschaftlichen Aktionen, die der Reintegration des Kollegen dienen», und sind bereit, ihn und die Sektion konkret zu unterstützen. «Mit der Verteidigung unseres Repräsentanten bestätigen wir auch die Entschlossenheit des SEV, alle Mitarbeitenden zu verteidigen, die ihre Gesundheit der Arbeit geopfert haben», betont die Resolution und verurteilt «das mangelnde Verantwortungsgefühl der Direktionen in solchen Fällen».

«Das kann jedem Busfahrer passieren»

Gemeint sind Fälle von Entlassung wegen Fahruntauglichkeit aus gesundheitlichen Gründen, wie sie bei Busbetrieben immer wieder vorkommen. Bei den Verkehrsbetrieben der Region Thun STI z.B. erhielt letztes Jahr ein 53-jähriger Busfahrer nach einem epileptischen Anfall ein ärztliches Fahrverbot und bald darauf auch die Kündigung, trotz fast 30 Dienstjahren, wie ein Kollege berichtete. «Das kann jedem Busfahrer passieren, wir müssen ja auch periodisch Gesundheitschecks machen.» Das Problem betrifft also alle Busfahrer/innen.

Ruf nach Branchenlösung für ein branchenweites Problem

Weil die Unternehmungen in solchen Fällen immer wieder geltend machen, betrieblich und finanziell nicht in der Lage zu sein, die Betroffenen anderweitig zu beschäftigen, ruft die Branche Bus des VPT in einer zweiten Resolution alle Konzessionierten Transportunternehmungen auf, mit dem SEV eine branchenweite Frühpensionierungslösung zu prüfen für Busfahrer/innen, die wenige Jahre vor dem ordentlichen Pensionsalter aus gesundheitlichen Gründen fahruntauglich werden. «Wenn keine interne Wiedereingliederung möglich ist, muss auf eine Lösung zurückgegriffen werden können, wie sie beim Bau existiert oder wie bei der Stiftung Valida der SBB für besonders belastende Berufe wie z.B. Gleisbauer oder Rangierer», fordert die Resolution. Der SEV will in dieser Sache auch den Verband öffentlicher Verkehr (VöV) angehen.

Studie zu Tagesmüdigkeit, Chronotypen und Diensten

Aufgrund des aktuellen Falls von Tagesmüdigkeit führte der SEV beim VZO-Personal eine anonymisierte, repräsentative Umfrage zu dieser Krankheit, zu den Chronotypen der Fahrer/innen (Morgen- oder Abendtyp), ihren Wunschdiensten und zur Dienstplanung durch. Von den 134 Probanden wiesen 27 einen erhöhten Tagesmüdigkeitswert ESS (Epworth Sleepiness Scale) von 12 und mehr auf. Das heisst, bei ihnen wäre eine ärztliche Untersuchung angezeigt. Wohin eine solche führen kann, hat aber die Kündigung des VZO-Kollegen gezeigt. Darum wurde die Studie anonymisiert durchgeführt.

Eine branchenweite Frühpensionierungslösung würde älteren Chauffeuren, die mit Tagesschläfrigkeit kämpfen, die Angst nehmen, sich ärztlich untersuchen zu lassen, weil sie bei einem allfälligen Fahrverbot und Stellenverlust mit einer finanziell tragbaren Lösung rechnen könnten. Heute aber lassen manche Betroffene eine Untersuchung lieber bleiben und hoffen einfach, dass ihnen kein Unfall passiert.

Gewerkschaftssekretär Arne Hegland

«Mit ärztlicher Hilfe könnten die Betroffenen einiges gegen die Tagesmüdigkeit tun», unterstrich SEV-Gewerkschaftssekretär Arne Hegland, der die Studie mit Beratung des Zentrums für Schlafmedizin am Regionalspital Wetzikon durchführte, auswertete und an der Tagung vorstellte.

Eine prophylaktische Massnahme wäre, wenn die Busfahrer/innen ihre Dienste ihrem Chronotyp entsprechend wählen könnten, wenn also z.B. ein eindeutiger Abendmensch nicht ständig Frühdienste fahren müsste. Die Studie ermittelte daher mit einem Fragebogen auch den Chronotyp der Probanden (rote Säulen in der Grafik), wobei die Befragten ihren Chronotyp auch selbst einzuschätzen hatten (blaue Säulen). Dabei zeigte sich, dass sich etliche zu sehr als Morgentyp einschätzten.

Aufteilung der 134 Befragten auf die Chronotypen eindeutiger (1) und moderater (2) Morgentyp, Neutraltyp (3), moderater (4) und eindeutiger (5) Abendtyp gemäss Selbsteinschätzung (blau) und ermittelt durch den Fragebogen (rot): Es überwiegt der Neutraltyp.

«Diese Differenz dürfte auf gesellschaftliche Konditionierung zurückzuführen sein: nur wer früh auf und aktiv ist, gilt als fleissig und rechtschaffen», erklärte Hegland. Der Vergleich der Chronotypen mit dem Bedarf der VZO an Diensten (5–14 Uhr, 12–22, 15–1.30, 1–6 Uhr und geteilter Dienst 5–9/13–18 Uhr) zeigte, dass sich alle Dienste gut abdecken liessen, wenn die Fahrer/innen ihrem Chronotyp gemäss eingesetzt würden. Dies wäre ihrer Gesundheit förderlich und würde der Entwicklung von Tagesmüdigkeit vorbeugen.

Die Studie erhob auch den Body Mass Index der Probanden und ergab, dass sie diesbezüglich völlig dem Durchschnitt der Bevölkerung entsprechen.

Markus Fischer

Referate, Wahlen, Jahresprogramm 2016 der VPT-Branche Bus und Resolutionstexte

Einleitend machte VPT-Zentralpräsident Gilbert D’Alessandro auf das SEV-Merkblatt «Aggressionen gegen Dienstpersonal» aufmerksam, das in einer Checkliste aufzeigt, was zu tun ist, wenn man als öV-Mitarbeiter/in verbal oder tätlich angegriffen worden ist. Der SEV hat festgestellt, dass der Artikel 18a des Personenbeförderungsgesetzes, der strafbare Handlungen gegen öV-Personal während der Dienstausübung zum Offizialdelikt erklärt hat, sogar bei den Strafverfolgungsbehörden noch zu wenig bekannt ist. Vor allem müssen die Angegriffenen keinen Strafantrag mehr stellen.

Weiter teilten Gilbert D’Alessandro und SEV-Präsident Giorgio Tuti mit, dass der SEV zusammen mit dem SGB im September in Bern eine nationale Kundgebung für die Initiative AHVplus für 10% höhere AHV-Renten und zur «Altersvorsorge 2020» durchführen wird. Beide riefen dazu auf, sich das Datum, das noch nicht genau feststeht, zu reservieren. D’Alessandro hielt zum Thema Werbung fest, dass allzu viele Mitglieder bei der Pensionierung aus dem SEV austreten: Hier sei verstärkt Überzeugungsarbeit zu leisten. Ueli Müller rief als Werbeverantwortlicher des VPT den Sektionsverantwortlichen in Erinnerung, wie wichtig es ist, «zu den Mitgliedern zu gehen, um für sie sichtbar und spürbar zu sein».

Branchenvorstand Bus (von links): Jacques Leibzig (neu, TPF), Vincenzo Leggiero (TPG), Peter Bernet (TPL), Carmelo Scuderi (TL), Elisabeth Küng (STI) und René Taglang (VZO).

Als Nachfolger von Claude Tollet, der nicht mehr als Busfahrer arbeitet, wurde Jacques Leibzig (TPF) in den Branchenvorstand gewählt. René Taglang erstattete als Mitglied des Branchenvorstands Bericht zur Tätigkeit der Branche Bus im Jahr 2015. Dabei standen vier Kampagnen im Vordergrund:

  • «Zehn Stunden sind genug» zur Sensibilisierung für die Nachteile allzu langer Dienstschichten,
  • «Toiletten an allen Endstationen» (für deren Benützung auch Zeit zur Verfügung stehen muss),
  • «Gegen Müdigkeit am Steuer»
  • sowie eine Informationskampagne zu den Anpassungen des Strassenverkehrsgesetzes mit dem Programm «Via sicura».

Diese Kampagnen würden dieses Jahr weitergeführt, sagte Branchen- und Tagungspräsident Peter Bernet.

Zur «Via sicura» referierte SEV-Vertrauensanwalt Valentin Aebischer. Der SEV hat ein neues Faltblatt «Strassenverkehrsgesetz: Via sicura» erstellt.

SEV-Vizepräsidentin Barbara Spalinger stellte zur laufenden Reform des Arbeitszeitgesetzes AZG klar, dass sich die Mitglieder gegen Verschlechterungen wehren würden und dass es der SEV nicht duldet, dass Personalkommissionen nur zum Durchwinken von Ausnahmen zum AZG gebildet und missbraucht werden. Fi


RESOLUTION 1:

Olten, 25. Februar 2016

Resolution zur Unterstützung unseres Kollegen René Taglang

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Branchentagung Bus GATU des SEV-VPT haben mit Zorn die Entlassung ihres Kollegen René Taglang, Präsident der Sektion VPT/VZO, zur Kenntnis genommen.

Sie fordert die Direktion der VZO auf, eine Lösung zu finden, die es dem Kollegen René Taglang erlaubt, weiterhin in der Unternehmung zu arbeiten.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erklären sich solidarisch mit allen gewerkschaftlichen Aktionen, die der Reintegration ihres Kollegen dienen und sind bereit, ihm und der Sektion ihre konkrete Unterstützung zu bieten.

Mit der Verteidigung unseres Repräsentanten René Taglang bestätigen sie auch die Entschlossenheit des SEV, alle Mitarbeitenden zu verteidigen, die ihre Gesundheit der Arbeit geopfert haben. Und sie verurteilen das mangelnde Verantwortungsgefühl der Direktionen in solchen Fällen.


RESOLUTION 2:

Olten, 25. Februar 2016

Resolution für eine branchenweite Frühpensionierungslösung

Wir appellieren an alle Konzessionierten Transportunternehmungen im Land, zusammen mit dem SEV eine branchenweite Frühpensionierungslösung zu prüfen für Busfahrer/innen, die wenige Jahre vor dem ordentlichen Pensionsalter aus gesundheitlichen Gründen fahruntauglich werden.

Wenn keine interne Wiedereingliederung möglich ist, muss auf eine Lösung zurückgegriffen werden können, wie sie beim Bau existiert oder wie die Stiftung Valida der SBB für besonders belastende Berufe wie z.B. Gleisbauer oder Rangierer.

Kommentare

  • Imfeld Daniel

    Imfeld Daniel 19/03/2016 13:37:48

    Auch ich bin ein Buschauffeur ,dem mit 60 Jahren aus gesundheitlichen Gründen gekündigt
    wurde. Ich arbeitete in der Stadt Luzern und kann mich sehr schlecht mit der Situation zurecht finden. Es wird sehr schwierig noch eine stelle zu finden.

    Mit freundlichen Grüssen

    Daniel Imfeld

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