| Interview

Seit 125 Jahren feiert die Arbeiterbewegung weltweit den 1. Mai als Tag der Arbeit

«Der 1. Mai gibt ein Gemeinschaftsgefühl»

1890 wurde der 1. Mai erstmals als Tag der Arbeit begangen. Das 125-Jahr-Jubiläum ist der Anlass, um mit dem Berner Wirtschaftshistoriker Urs Anderegg auf die Geschichte des Feiertags einzugehen, aber auch zu fragen, welche Bedeutung dieser heute hat – und welche Zukunft.

Urs Anderegg, Autor des Buchs «Der 1. Mai in der Schweiz – vom Traum einer besseren Welt», an seinem Arbeitsort in der Berner Fachhochschule

kontakt.sev: Weshalb interessieren Sie sich für den 1.Mai?

Urs Anderegg: Am Beispiel des 1. Mai zeigt sich viel von der Arbeiterbewegung. Ich teile die Meinung, dass er eine Art Seismograph ist, der zeigt, wie sich die Arbeiterbewegung entwickelt hat; sei es kulturell, politisch, in den Zukunftsvisionen oder der sozialen Positionierung. Das trifft sich alles an diesem einzigen Tag.

1890 wurde der Tag der Arbeit erstmals begangen. Der 1. Mai feiert also sein 125-jähriges Bestehen, aber das Jubiläum wird offenbar nicht gross wahrgenommen. Was ist los?

Lange war es üblich, gleich nach der Begrüssung die historische Bedeutung des Tages hervorzuheben. Dieser Rückblick war ein starkes Element. Das war zu einer Zeit, als die Bewegung neu entstand und sich ein Klassenbewusstsein erst noch entwickeln musste. Da war es zentral, auf die Anfänge der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie zurückzublicken. Es gab damit eine «invention of tradition», also eine Begründung der eigenen Geschichte, was auch eine Existenzberechtigung gab. Dieses kollektive Klassenbewusstsein gibt es heute nicht mehr. Für dieses Zurückbesinnen auf die eigenen Wurzeln ist die Arbeiterbewegung heute zu stark durchmischt.

Das würde heissen, der 1.Mai ist ein reines Ritual?

Es ist eindeutig ein Ritual, das aber ganz bestimmte Funktionen hat, die sehr aktuell sind. Noch in den 50er und 60er Jahren war es vor allem ein Ritual der Erinnerungen, aber dieser Aspekt fehlt heute völlig. Am 1. Mai werden politische Themen gesetzt; gerade in diesem Jahr sind viele der Rednerinnen und Redner Personen, die bei den nationalen Wahlen kandidieren. Es ist also eine Mobilisierung der Wählerschaft. Gleichzeitig ist es auch das Klassentreffen der Linken, was diesen ganz verschiedenen linken Gruppierungen ein gewisses Gemeinschaftsbewusstsein gibt.

Der 1. Mai hat also auch heute eine Berechtigung?

Auf jeden Fall! Der 1.Mai dient eindeutig der Mobilisierung der eigenen Basis. Dieses Jahr gerade auch im Zusammenhang mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses, dann aber vor allem mit der Initiative AHVplus und, mit Blick auf den nächsten Abstimmungstermin, mit der Erbschaftssteuerinitiative, die dieses Jahr eines der Hauptthemen ist. Bei aller Verschiedenheit innerhalb der Bewegung gibt es das Bewusstsein einer bipolaren Welt, das Wissen um Privilegierte und Unterprivilegierte. Es gibt ein Gemeinschaftsgefühl der Linken, weil man identische Werte hat und auch das entsprechende Weltbild, beispielsweise in der Solidarität mit Ausländerinnen und Ausländern.

Als Vergleich: Ein paar Wochen vorher sind Karfreitagsprozessionen, etwas später Fronleichnamsprozessionen; dazwischen die Umzüge der Arbeiterinnen und Arbeiter. Ist das eigentlich das Gleiche?

(schmunzelt) Die Umzüge der Arbeiterbewegung haben eine historische Verankerung. In den frühesten Demonstrationszügen, etwa bis zur Jahrhundertwende, gab es Bezüge zur Volkskultur, auch zur zünftischen Kultur, indem die Bäcker als Bäcker angezogen waren, die Schmiede Hammer und Amboss mitführten, nicht im Sinne der späteren kommunistischen Symbole, sondern als ihr Berufswerkzeug. Ein weiteres prägendes Element der frühen 1.-Mai-Umzüge war eine religiöse Erlösungsthematik: Der Frühling, der ins Land zieht mit Blumen und Girlanden. Später entwickelte sich daraus die sozialistische Erlösungsidee des Weltenfrühlings. Alle Umzüge oder Prozessionen hatten die gemeinsame Bedeutung zu zeigen, dass sich eine Gruppe, sei es eine religiöse oder eine soziale Gruppe, in der Öffentlichkeit als Einheit darstellen kann. Das sind identische Funktionen, auch wenn die Prozessionen und Maiumzüge natürlich nicht dasselbe sind.

Ist der 1. Mai also auch ein Frühlingsfest?

Eindeutig. Die Bedeutung des 1. Mai ist immer ein Wechsel zwischen Fest- und Protesttag gewesen. Ein Beispiel: In Bern führte der Umzug anfänglich aus dem Zentrum der Stadt hinaus nach Wabern, wo es ein Frühlingsfest gab, mit Büchsenwerfen und allem drum und dran.

Lässt sich 2015 irgendwie mit 1890 vergleichen?

(denkt lange nach) Ja, von den Forderungen her. Eine der ersten Forderungen war jene nach dem Acht-Stunden-Tag. Das war überhaupt der Ursprung: die Acht-Stunden-Bewegung in Australien und Amerika, die bereits vor 1890 aktiv war. Solche Forderungen bestehen immer noch, heute vielleicht eher für gute Gesamtarbeitsverträge, wo wiederum die Begrenzung der Arbeitszeit ein wichtiges Thema ist. Es gibt also gewisse Parallelen, aber man darf diese nicht überbewerten: Die Arbeiterbewegung 1890 und heute, das ist völlig etwas anderes. Eine Arbeiterklasse mit einer kollektiven Identität, die gegenkulturelle Ansprüche hat, gibt es kaum mehr.

Und trotzdem sagen Sie, dass der 1. Mai seine Berechtigung hat.

Genau, denn die Unsicherheit der Lohnarbeit besteht nach wie vor. Von Anfang an bis heute war der 1. Mai auch eine Plattform der Leute, die ihre Anliegen nicht auf parlamentarischem Weg einbringen können, heute beispielsweise Migrantinnen und Migranten. Anfänglich war das die Linke an sich, die damals in den Parlamenten noch nicht vertreten war. Da war der 1. Mai eine der wenigen Möglichkeiten, um einer breiten Öffentlichkeit überhaupt die Forderungen präsentieren zu können. Und die öffentliche Aufmerksamkeit ist an diesem Tag nach wie vor relativ gross.

Zeitweise berichteten die Medien aber fast nur über die Nebenerscheinungen…

…genau, Zürich und die Krawalle. Aber wenn ich jetzt ein Jahr zurückdenken, dann war der Tag der Arbeit das Hauptthema in Tagesschau und «10 vor 10». Im Mittelpunkt stand dabei nicht der Anlass mit den Umzügen, sondern Fragen zur Arbeit an sich, also: was ist Arbeit heute, welche Wertschätzung hat die Arbeit als solche.

Ihr Buch zum 1. Mai trägt den Untertitel «Vom Traum einer besseren Welt»; ist es nur ein Traum?

Früher war die Haltung sehr idealistisch. Die Idee des Sozialismus als Weltenfrühling und die Erlösung des Proletariats hatten etwas sehr Utopisches. Es ging darum, eine neue Gesellschaftsordnung zu schaffen. Solche Ideen gibt es heute nur noch am Rand. Das Klassenkämpferische lebt wohl noch ganz links aussen, etwa beim Revolutionären Aufbau und der Antifa-Bewegung: Da besteht dieser ursprüngliche gegenkulturelle Ansatz noch.

Das tönt danach, dass die Theorie von Marx erfüllt wurde, wonach man den Arbeitern immer so viel zugestehen muss, dass sie brav bleiben.

Der Sozialstaat hat viele Forderungen der Arbeiterbewegung umgesetzt. Das hat viel Radikalität absorbiert. Dazu kam während des Kalten Krieges der Antikommunismus, und so sind die ganz radikalen Forderungen in den Hintergrund getreten. Die klassische Arbeiterbewegung hatte insgesamt Freude an der Konsumkultur. In den 60er Jahren ist ein VW an der Spitze des Zürcher Umzugs am 1. Mai mitgefahren. Das hiess: «Wir sind jemand geworden, wir sind in der Gesellschaft akzeptiert». Das Auto symbolisierte diesen Aufstieg, das Dazugehören zur Konsumgesellschaft.

Vor sieben Jahren, als Sie Ihr Buch veröffentlichten, stellten Sie einen klaren Rückgang der Beteiligung am 1. Mai fest. In der Zwischenzeit hat es sich wohl eher wieder umgekehrt entwickelt. Woran liegt das?

Ich teile diese Meinung nicht. In Zürich gab es auch damals eine sehr gute Beteiligung, aber die Aufmerksamkeit war stärker bei den Krawallen. An vielen Orten sind die Umzüge verschwunden, und ich stelle keine Zunahme der Beteiligung fest. Was man jedoch sagen kann: Seit den 90er Jahren hat sich die Rhetorik entwickelt, die Tonalität ist schärfer geworden. Es zeigt sich auch in den Initiativen: Mindestlohn-, 1:12-, Abzockerinitiative: Da ist die Haltung pointierter geworden; es wäre jedoch übertrieben, radikalisiert zu sagen – und diese Entwicklung ist vor allem verbal.

Ist der 1. Mai ein Abbild der Gewerkschaftsbewegung?

Sicher. Die Gewerkschaften sind die Organisatoren. Sie haben gemerkt: Wenn wir die neuen sozialen Bewegungen, aber auch Jugendbewegungen und nicht politisch gebundene linke Organisationen nicht in den 1. Mai einbinden, dann verliert er an Bedeutung. Gerade diese neueren Bewegungen wollen aber mit den traditionellen Gewerkschaften weniger zu tun haben. Heute gibt es häufig überparteiliche Organisationskomitees; das ist ein gutes Rezept, den 1.Mai auf eine breitere soziale Basis zu stellen. Die Position innerhalb der Linken, die die Gewerkschaften jeweils hatten, lässt sich sehr gut am 1. Mai ablesen.

Mit andern Worten: Nicht nur der 1. Mai, sondern auch die Gewerkschaften haben eine Zukunft?

Davon bin ich überzeugt. Es gibt selbst gesetzte Themen und es gibt die Wahlen, die diese Plattform brauchen.

Interview: Peter Moor

Bio

Alter 45

Familie verheiratet, drei Kinder

Beruf Dozent für Wirtschaftsgeschichte an der Berner Fachhochschule

Werdegang Sekundarlehrer, danach Studium der Geschichte, Volkswirtschaft und Kulturwissenschaft; Dissertation zum 1.Mai und der Entwicklung der Arbeitgeber-/Arbeitnehmer-Beziehungen

Freizeit viel Sport, um den Kopf zu leeren, Kanu fahren

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