Auf den Spuren von …
Schiffsführer Björn Petersen

Nur sechs Menschen dürfen auf dem Zürichsee ein Dampfschiff führen. Einer von ihnen ist Björn Petersen. Der 55-Jährige arbeitet als Schiffsführer bei der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) und präsidiert gleichzeitig die VPT-Sektion Zürichsee. Ob auf der Brücke oder am Verhandlungstisch – für ihn gilt derselbe Grundsatz: In der Ruhe liegt die Kraft.
Fünf Kursschiffe der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft liegen im Hafen von Wollishofen vor Anker. Es ist kurz vor elf Uhr. Der leicht bewölkte Sommermorgen verspricht Temperaturen von über 30 Grad. Vereinzelt gleiten Stand-up-Paddler über das spiegelglatte Wasser, während an Bord der Kursschiffe die letzten Vorbereitungen für den Tag laufen. Auf dem ältesten Dampfschiff des Zürichsees, der «Stadt Zürich», macht Björn Petersen seinen Kontrollgang, begrüsst die Crew und erinnert in ein paar Worten an die Schwerpunkte des Tages. Rund 150 bis 200 Passagiere werden heute erwartet – zugelassen wäre das 119-jährige Dampfschiff für 750 Personen.
Dass Petersen heute die «Stadt Zürich» kommandieren darf, erfüllt ihn mit sichtlichem Stolz. Schliesslich gehört er zu nur sechs Menschen weltweit, die dieses historische Dampfschiff führen dürfen. «Für mich ist das die Königsklasse unseres Berufs», sagt er. «Auf diesem Schiff sind der Kommandoraum und der Maschinenraum voneinander getrennt. Deshalb braucht es ein besonders grosses Vertrauen innerhalb der Crew.» Bis er das Schiff vollständig beherrschte, verging allerdings einige Zeit. «Ich musste die ‹Stadt Zürich› zuerst kennenlernen und ein Gefühl für sie entwickeln. Erst dann kam die Freude am Fahren voll auf.»
Einmal Wasser, immer Wasser
Seit 25 Jahren arbeitet Petersen für die ZSG. Im Winter sorgt er als Mechaniker für den Unterhalt der Schiffsmotoren. Während der Sommersaison übernimmt er das Steuer eines Kursschiffes und ist zusätzlich für die Teamleitung der Schiffsführer mitverantwortlich.
Der Ostschweizer mit dänischen Wurzeln lernte ursprünglich Mechaniker in der Maschinenindustrie. Nach zwei Jahren im Beruf wechselte er auf Frachtschiffe in der Hochseeschifffahrt und arbeitete dort im Maschinendienst. Als der Bund die Subventionen für die Schweizer Hochseeschifffahrt strich, kehrte er in die Schweiz zurück. Wieder arbeitete er als Mechaniker und übernahm zeitweise Führungsaufgaben. Doch vollends glücklich wurde er damit nicht. «Ich hatte immer mehr das Gefühl, dass mir die Decke auf den Kopf fällt. Ich wollte wieder draussen arbeiten.» Ein Stelleninserat der ZSG kam deshalb genau zur richtigen Zeit. «Einmal Wasser, immer Wasser», erinnert er sich schmunzelnd und bewarb sich.
Besonders schätzt Petersen den direkten Kontakt mit den Fahrgästen. «Wir erleben unsere Passagiere viel näher als jemand, der Tram, Bus oder Zug fährt. Wir begrüssen sie beim Einsteigen und verabschieden sie wieder. Aus diesen Begegnungen entstehen viele schöne Momente.»
Kommunikation als Schlüssel
Mit seinem Stellenantritt trat Petersen auch dem SEV bei. Damals gehörte die Mitgliedschaft in der Sektion praktisch selbstverständlich dazu. Heute sei das anders. «Die Mitgliedschaft wird nicht mehr erwartet. Deshalb informieren wir neue Mitarbeitende über die Gewerkschaft und versuchen sie zu motivieren – ohne Erwartungshaltung.» Die Gewerkschaftsarbeit empfindet Petersen heute als sehr bereichernd. «Ich lerne beide Perspektiven kennen: jene der Geschäftsleitung, die ein Unternehmen führen muss, und jene der Mitarbeitenden, die den Betrieb täglich am Laufen halten und oft unter Druck stehen.» Zwischen diesen Interessen einen Konsens zu finden, empfindet er als eine der spannendsten Aufgaben seines Engagements. «Entscheidend ist die Kommunikation. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen auf Augenhöhe miteinander sprechen können. Wo die Kommunikation fehlt, verlieren am Ende beide Seiten.»
Seit etwa zehn Jahren steht Petersen der VPT-Sektion Zürichsee als Präsident vor. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit wurde der Firmenarbeitsvertrag eingeführt. «Seither ist es mein Ziel, diesen Vertrag laufend weiterzuentwickeln und an die heutigen Gegebenheiten anzupassen. Er schafft Verlässlichkeit – für die Geschäftsleitung, vor allem aber für unsere Mitarbeitenden.»
Keine Hektik an Bord
Kurz darauf heisst es: Leinen los. Ruhig gibt Petersen seine Kommandos. Meter für Meter verlässt der 59 Meter lange Dampfer rückwärts den Hafen. Jeder Handgriff der Crew sitzt. Hektik sucht man an Bord vergebens. «Auch wenn wir unter Zeitdruck stehen, nehmen wir uns die nötige Zeit. Hektik führt zu Unachtsamkeit – und Unachtsamkeit kann Unfälle verursachen.» Für Petersen ist Ruhe deshalb weit mehr als eine Charaktereigenschaft. Sie gehört zur Sicherheit auf dem Wasser.
Inzwischen haben sich die Wolken verzogen. Die «Stadt Zürich» gleitet über den Zürichsee Richtung Bürkliplatz. An der Gangway warten bereits Dutzende Fahrgäste auf den traditionsreichen Dampfer – und auf einen Sommertag auf dem Wasser.
Renato Barnetta
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