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Auf den Spuren von …

Miriam Trifoglio, Zugchefin SBB, lebt ein Leben in Gemeinschaft

Vor drei Wochen hat Miriam ihre Uniform als Chefin Kundenbegleitung (Zugchefin) SBB nach über 30 Berufsjahren endgültig in den Schrank gehängt. Sie hat sich gut auf die Pensionierung vorbereitet, aber der Moment ist dennoch besonders. Denn ihr Lebensweg ist aussergewöhnlich: geboren in Argentinien, eher zufällig zur Eisenbahnerin geworden, Gewerkschafterin aus Überzeugung und unbeirrbare Internationalistin. Orientiert hat sie sich immer am Gemeinsinn.

Miriam Trifoglio wird 1962 in Rosario in eine Familie mit italienischer Herkunft geboren, bei der am Sonntag mehrere Generationen am Esstisch zusammenkommen. Ihr Vater arbeitet in der Telekommunikation, die Mutter ist Lehrerin. Miriam studiert Erziehungswissenschaften mit dem Ziel, Forscherin oder Professorin zu werden. Ihre Jugend wird durch die Militärdiktatur in Argentinien geprägt. Sie engagiert sich in der Demokratiebewegung, entkommt mehrere Male Polizeikontrollen, die auch schlecht hätten ausgehen können. Diese Erfahrung stärkt ihre Überzeugung für die Demokratie und das gemeinsame Handeln.

1989, als Argentinien in einer schweren Wirtschaftskrise steckt, bekommt sie Urlaub, um in Neuenburg Französisch zu lernen. Sie will einige Monate dort bleiben – es wird das ganze Leben. Auch ihre Schwester zieht zu ihr. Eine Liebe lässt sie bleiben. Wie viele Migrantinnen muss sie jedoch feststellen, dass ihre Diplome nicht anerkannt werden. Sie muss neu beginnen.

Berufswahl – eher per Zufall

Anfang 90er-Jahre geht sie von Job zu Job, bis sie auf eine SBB-Anzeige stösst. Als sie sich bewirbt, erwartet sie nicht, dass die Bahn ihr künftiger Lebensraum ist. Beim Vorstellungsgespräch sagt man ihr, der Beruf habe keine Zukunft. «Es hiess: Diese Stelle wird bald aufgehoben. Ein oder zwei Jahre, nachher sehen Sie weiter.» Auch 30 Jahre später lacht sie noch darüber. Sie beginnt als Zugassistentin, wird nach 18 Monaten Ausbildung Zugbegleiterin und entdeckt ihre Berufung: «Ich habe mich für alles begeistert, was nötig ist, damit ein Zug fährt.»

Am Anfang ist der Beruf sehr technisch. Sie muss beim Manöver mithelfen, die Weichen überwachen und hat viel Verantwortung. «Wir waren die Augen des Lokführers.» Auch wenn sie Freude an der Technik hatte, war es das Zwischenmenschliche, das sie bleiben liess. Wenn Reisende unzufrieden waren, weil ein Zug verspätet war oder ausfiel, hörte sie erst mal zu. «Ihr Ärger ist berechtigt, ich verstehe Sie», antwortete sie oft. So konnte sie die Spannung herausnehmen, ohne die Verantwortung abzuschieben. «Wenn ich die Uniform trage, repräsentiere ich das Unternehmen.» Der Beruf hat sich stark gewandelt. Technische Aufgaben fallen weg, die Beschimpfungen und Angriffe nehmen zu. Für Miriam ist dies vor allem ein Anzeichen einer zunehmend gestressten und verhärteten Gesellschaft.

Die Gewerkschaft gehört dazu

Bald engagiert sie sich gewerkschaftlich. Wenige Monate nach ihrem Eintritt in die SBB nimmt sie an einer Versammlung der ZPV-Sektion Genf teil. Es wird bereits über die Risiken einer Privatisierung gesprochen. Miriam meldet sich zu Wort und spricht über ihre Erfahrungen in Argentinien. Die Kollegen sind beeindruckt. Wenig später wird sie Mitglied des Vorstands, als erste Frau. «Ich habe die Hand gehoben und gesagt: Ich kenne mich mit solchen Privatisierungen aus.»

Sie entdeckt die Gewerkschaft, die sich an Nähe und Solidarität orientiert. «Allein erreicht man nichts. Der Kampf ist gemeinschaftlich, nicht individuell», betont sie. Sie illustriert diese Überzeugung mit dem Beispiel der Zündhölzer, das sie früh gelernt hat: «Einzeln zerbrechen sie leicht, zusammen halten sie stand. So ist die Gewerkschaft.»

Eine erste Zeit grossen Engagements wird durch den Tod ihrer ältesten Tochter abrupt unterbrochen, doch später wird sie wieder aktiv. Inzwischen hat sich die SBB verändert. Das Unternehmen ist jetzt grösser, betriebswirtschaftliche Prozesse haben mehr Gewicht. Gelegentlich hört sie unpassende sexistische Bemerkungen. Umso mehr setzt sich die Zugchefin für die Gemeinschaft der Kolleg:innen ein, sucht die Nähe zu den Mitgliedern, ist vor Ort präsent. «Sprechen und handeln», betont sie.

Internationalistin

Die Arbeit in der Gewerkschaft ist nur ein Teil ihres Engagements. Sie bezeichnet sich vor allem als «Internationalistin». Sie ist in gesellschaftlichen und politischen Netzwerken aktiv und beteiligt sich an Solidaritätsaktionen für Freiheitskämpfe. Palästinenserinnen, Bolivianerinnen, Dominikanerinnen, Schweizerinnen: Ihr Freundeskreis gleicht einem kleinen Völkerbund. «Ich lebe in der Schweiz den Internationalismus aus, von dem ich immer geträumt habe», sagt sie stolz.

Wenn sie spricht, wird sofort klar, dass ihr Engagement nicht plakativ ist, sondern dem Vertrauen in die Menschen folgt. Dies zeigt sich auch in ihrem Privatleben. Obwohl sie schon lange vom Vater ihrer beiden Töchter getrennt ist, begleitet sie ihn durch eine schwere Krankheit bis zum Tod.

Die Pensionierung ist denn auch kein Ende, sondern vielmehr ein Neustart. Sie hat nun mehr Zeit für ihre Nächsten, fürs Wandern, ihre Engagements und alles, was ihr lieb ist. So wie auf den Schienen, denen sie über drei Jahrzehnte gefolgt ist. Miriam geht so weiter: in Richtung Solidarität, Gemeinschaft und Hoffnung.

Yves Sancey

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