Vorstand SEV
«Der soziale Frieden ist keine Einbahnstrasse»

Massimo Brigatti unterstützt ab sofort das Präsidium des SEV-Vorstands. Der Vorstand diskutierte an seiner Sitzung am 16. Oktober den Einsatz von Bodycams und Tasern im öffentlichen Verkehr. Zudem spricht er sich für ein Ja zur Volksabstimmung am 29. November über die AHV-Finanzierung aus.
Seit dem Rücktritt von Hanny Weissmüller als Vizepräsidentin des SEV-Vorstands ist dieses Amt vakant. Um den Vorstandspräsidenten René Schnegg zu unterstützen, hat der Vorstand beschlossen, bereits ab sofort Massimo Brigatti als Vorstandsvizepräsidenten interimistisch bis zur Delegiertenversammlung SEV am 10. Juni 2027 einzusetzen. Dann erfolgt die formelle interimistische Wahl für die befristete Amtsdauer bis zum nächsten Kongress 2029.
Massimo Brigatti ist Kundenbegleiter bei der SBB und Vizepräsident des Zugpersonalsverbands ZPV. 2012 begann der Tessiner seine Laufbahn bei der SBB als Zugverkehrsleiter. «Ich bin gleich zu Beginn meiner Ausbildung der grossen SEV-Familie beigetreten. Damals war mir absolut klar, dass die einzig vernünftige Entscheidung darin bestand, der stärksten Gewerkschaft beizutreten», sagt Massimo Brigatti, der neben seiner Muttersprache Italienisch fliessend Deutsch und Französisch spricht. 2022 wurde er Sekretär der Sektion Tessin und 2024 Vizepräsident des ZPV. «Man könnte sich fragen, warum man sich exponieren will, um die Rechte der Kolleginnen und Kollegen zu verteidigen; schliesslich leben wir in einer Zeit, in der Individualismus und rein persönliche Interessen vorherrschen. Was mich betrifft, so hat mich schon immer ein starker Gerechtigkeitssinn und der Wunsch, anderen zu helfen, geprägt. Es war für mich ganz selbstverständlich, mich zunächst für die Kundenbegleiter:innen und nun auch für alle Mitglieder der grossen SEV-Familie einzusetzen.» Er gibt sich kämpferisch: «An alle, die dafür sorgen, dass die Schweiz in Bewegung bleibt, sage ich: Ihr seid nicht allein. An alle Unternehmen, die denken, wir seien nur Ressourcen und keine Menschen, sage ich: Respektiert und kümmert euch um diejenigen, die es euch ermöglichen, eure Verträge und Konzessionen zu erfüllen. Der soziale Frieden ist keine Einbahnstrasse, geschweige denn ein Konzept, an das man sich nur klammert, wenn es einem gerade passt.»
Taser und Bodycams
Massimo Brigatti erzählt auch, wie er immer wieder von Aggressionen von Reisenden betroffen ist. Er ist nicht das einzige Vorstandsmitglied, das mit zunehmenden Übergriffen zu kämpfen hat. Entsprechend emotional ist die Diskussion im Vorstand, wie die Sicherheit des Personals verbessert werden kann. Konkret dreht sich die Diskussion um den Einsatz von Tasern und Bodycams. Um für mehr Sicherheit im öV zu sorgen, will der Bundesrat zwei Verordnungen revidieren: die Verordnung über die Sicherheitsorgane der Transportunternehmen im öV und die Verordnung über die Videoüberwachung im öV. Die erste Verordnung soll es der Transportpolizei erlauben, Destabilisierungswaffen wie zum Beispiel Taser einzusetzen. Die zweite Verordnung will den Einsatz von Bodycams regeln. Viele betroffene SEV-Mitglieder begrüssen die Anpassungen der Verordnungen. Es ist jedoch klar, dass sowohl Bodycams als auch Taser nicht ausreichen, um für mehr Sicherheit im öV zu sorgen. Nach wie vor fordert der SEV genügend Personal, um die Sicherheit zu verbessern. Der Vorstand spricht sich dafür aus, dass der SEV eine Vernehmlassungsantwort an den Bundesrat verfasst.
Warum sagt der SEV Ja zur AHV-Finanzierung?
2024 haben die Gewerkschaften mit der Einführung einer 13. AHV-Rente einen historischen Sieg an der Urne gewonnen. Ende 2026 wird diese Rente zum ersten Mal ausbezahlt, was für viele Menschen mit einer kleinen Pension sehr wichtig ist. Damit die 13.AHV-Rente langfristig finanziert werden kann, wurde eine zusätzliche Finanzierung beschlossen. Die Gewerkschaften und der Bundesrat haben sich für eine Mischfinanzierung aus Lohnprozenten und Mehrwertsteuererhöhung ausgesprochen. Die Mehrheit im Parlament hat diesen Vorschlag jedoch versenkt. Schliesslich einigte sich das Parlament auf eine unbefristete Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,4 % auf nicht lebenswichtige Güter.
Warum sagt der Vorstand Ja zur Vorlage, die am 29. November zur Abstimmung kommt?
- Die AHV ist für Millionen Menschen die Haupt-Einkommensquelle im Alter. Ohne zusätzliche Einnahmen kann die Finanzierung der 13. AHV-Rente langfristig nicht sichergestellt werden. Die Erhöhung lohnt sich: 7 Franken mehr Mehrwertsteuer pro Monat bedeuten durchschnittlich 2000 Franken mehr Rente pro Jahr (gemäss Berechnung des SGB).
- Jeder Franken in der AHV schafft sozialen Ausgleich: Güter des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel und Medikamente bleiben von der Mehrwertsteuererhöhung ausgenommen. Tiefe und mittlere Einkommen profitieren überproportional von jedem Franken, der in die AHV fliesst. Ein Einkommensmillionär erhält nach 44 Beitragsjahren die gleiche AHV-Rente wie ein Lokführer oder eine Busfahrerin, obwohl er ein Vielfaches mehr eingezahlt hat.
- Ohne Zusatzfinanzierung droht ein höheres Rentenalter. Das geben die Gegner der Vorlage unumwunden zu. Sie wollen eine stabile Finanzierung verhindern und statt dessen ein höheres Rentenalter oder Renten-Kürzungen.
Michael Spahr