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Unicef – WHO

Kleine Fortschritte bei der Kindersterblichkeit durch Covid-19 bedroht

Gemäss neuen Schätzungen zur Kindersterblichkeit, die von der Unicef, der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und anderen UN-Organisationen veröffentlicht wurden, ist die Zahl der Todesfälle von Kindern zwischen 0 und 5 Jahren im Jahr 2019 weltweit auf den bisher niedrigsten Stand gesunken. Die Zahl der Todesopfer lag bei 5,2 Millionen; im Durchschnitt starben 2019 jeden Tag 14000 Kinder vor ihrem 5. Geburtstag.

Zwischen 1990 und 2019 sank die Gesamtsterblichkeitsrate der unter Fünfjährigen um etwa 60%, gleichzeitig stieg aber ihre Armutsrate. So leben heute 1,2 Milliarden Kinder dieser Welt in Armut, was einem Anstieg von 15% in 30 Jahren entspricht, wie anlässlich des 30. Jahrestages des ersten «World Summit for Children» in einer Pressemitteilung bekannt gegeben wurde. Die Generaldirektorin der Unicef, Henrietta Fore, hob zwar «die in den letzten dreissig Jahren erzielten Fortschritte» hinsichtlich der Senkung der Kindersterblichkeit hervor, warnte aber gleichzeitig auch davor, dass Covid-19 «uns zurückwerfen könnte». Tatsächlich zeigen Analysen von Unicef und WHO, dass die Covid-19-Pandemie schwerwiegende Einschränkungen oder Zusammenbrüche der nationalen Gesundheitssysteme verursacht hat, die den jahrzehntelang hart erkämpften Fortschritt zu gefährden drohen. In Kamerun zum Beispiel, wo eines von 38 Neugeborenen stirbt, schätzt die Unicef, dass bis zu 75% der lebensnotwendigen Neugeborenenversorgung, der pränatalen Kontrolluntersuchungen, der geburtshilflichen Versorgung und der postnatalen Pflege unterbrochen werden.

Im Mai zeigte eine erste Studie der Johns Hopkins University, dass fast 6000 Kinder pro Tag zusätzlich sterben könnten aufgrund von Versorgungsunterbrüchen durch Covid-19. Die Direktorin der Unicef nahm kein Blatt vor den Mund: «Wenn Kindern der Zugang zu Gesundheitsdiensten verweigert wird, weil das System überlastet ist, und wenn Frauen wegen der Infektionsgefahr Angst haben, im Krankenhaus zu gebären, können auch sie Opfer von Covid-19 werden. Ohne sofortige Investitionen, um die Gesundheitssysteme und -dienste wieder auf den richtigen Weg zu bringen, könnten Millionen von Kindern unter fünf Jahren, insbesondere Säuglinge, sterben.» Tedros Adhanom Ghebreyesus, der Generaldirektor der WHO, schloss sich ihr an: «Die Tatsache, dass heute die Zahl der Kinder, die ihren ersten Geburtstag feiern können, grösser ist als zu jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte, ist ein deutliches Zeichen dafür, was erreicht werden kann, wenn die Welt Gesundheit und Wohlbefinden in den Mittelpunkt ihres Handelns stellt. Nun dürfen wir nicht zulassen, dass die Covid-19-Pandemie die beträchtlichen Fortschritte, die für unsere Kinder und künftige Generationen erzielt wurden, wieder zunichte macht. Vielmehr ist es an der Zeit, unser erworbenes Wissen zu nutzen, um Leben zu retten und weiterhin in stärkere, widerstandsfähigere Gesundheitssysteme zu investieren.»

«Dreissig Jahre nach diesem historischen Treffen», so die Pressemitteilung weiter, «kann die Unicef mit Genugtuung feststellen, dass die Zahl der Kinder im Grundschulalter, die keine Schule besuchen, von 100 Millionen im Jahr 2000 auf 59 Millionen im Jahr 2018 gesunken ist.» «Allerdings», heisst es weiter, «gelten diese Ergebnisse noch immer als fragil, und die Rechte der Kinder sind durch Probleme wie Ungleichheit, Klimawandel und anhaltende Konflikte bedroht (die Zahl der Länder, die sich im Krieg befinden, ist heute die höchste seit 30 Jahren, und die Folge davon ist, dass mehr als 30 Millionen Kinder vertrieben werden).» Nun hat die Covid-19-Krise mit ihren Bewegungseinschränkungen und Schulschliessungen dazu geführt, dass die Kinder auch von ihren Lehrern, Freunden und sozialen Gruppen ferngehalten und einem erhöhten Risiko von Gewalt, Menschenhandel, Missbrauch und Ausbeutung ausgesetzt werden. «Nicht nur das», so Henrietta Fore, «viele von ihnen haben weder einen offiziellen Migrationsstatus noch Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung. Wegen der Pandemie könnten jeden Tag Tausende von Kindern sterben, wenn die Gesundheitssysteme weiter geschwächt und die Dienstleistungen unterbrochen werden. Wenn wir jetzt nicht handeln, riskieren wir nicht nur irreversible Schäden an ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung, am Lernen und Verhalten einer ganzen Generation, sondern auch, um dreissig Jahre zurückgeworfen zu werden.»

Françoise Gehring/Agenturen
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Kinder auf der Flucht

Im vergangenen Jahr war rund 1% der Weltbevölkerung gezwungen, ihr Land aufgrund von Konflikten, Verfolgung oder schweren Menschenrechtsverletzungen zu verlassen. Ende 2019 waren 79,5 Millionen Menschen auf der Flucht, davon rund 40% Kinder. Nach Schätzungen des UNHCR hat die Zahl der Flüchtlinge im Vergleich zum Vorjahr um fast neun Millionen zugenommen, und die Covid-19-Krise wird wohl einen weiteren Anstieg verursachen.

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