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Auf den Spuren von…

Stella Knoll, Marketing Tilo

Entschlossen, hartnäckig, direkt. Und voll Leidenschaft, wenn es um Gleichstellung, Gerechtigkeit und Solidarität geht. Aus ihren Augen, die offen in die Welt blicken, leuchten die Flammen der Erkenntnis, dass es einen gemeinsamen Kampf braucht, um eine bessere Welt zu schaffen. Stella Knoll, die am 14. Juni in Mendrisio am Frauenstreik teilnahm, zeigt ihre kämpferische Seite.

Stella Knoll beim Frauenstreik am 14. Juni in Mendrisio.

Sie weiss, dass das nicht der Anfang ist. Aber von hier aus geht es weiter, denn Stella Knoll zeigt eine sehr realistische Sicht: «Der Fortschritt ist nie eine gerade Linie.» Sie ist sich bewusst, dass das Leben, auch das einer Gewerkschaft, aus Errungenschaften und, fast unausweichlich, aus Rückschlägen besteht. Das zeigt ihre Fähigkeit zu guten und auch heiteren Analysen. Aber sie stellt klar, dass man nicht nachgeben kann – und nicht darf. Nie. Auch und vor allem, wenn es um die Rechte der Frauen geht.

Stella hat ihre Laufbahn 2008 bei Tilo als Direktionsassistentin begonnen. Nach den Geburten von Amelia und Dante arbeitet sie zu 50% als Marketingassistentin. Sie ist mit Marco Magistro verheiratet, Lokführer und Vizepräsident des LPV Tessin; eine äusserst einnehmende junge Frau mit einer klaren Haltung. Ihre ersten Schritte in der Gewerkschaftsbewegung hat sie in der SISA (Gewerkschaft der Studierenden und Lernenden) gemacht, die bei diesem Frauenstreik eine fantastische Jugend mobilisieren konnte. «Ich bin ganz mit ihnen einverstanden. Die Jungen haben heute eine Welt voll Ungewissheit und wenig Hoffnung vor sich. Aber sie sind sehr kraftvoll und haben die Fähigkeit, sich den Herausforderungen zu stellen», betont Stella Knoll. «Und sie sind viele. Es geht nicht nur um den Klimanotstand, sondern auch um die soziale Situation und die Altersvorsorge. Nicht zu reden von der Arbeitswelt, die immer unsicherer, flexibler und prekärer wird.»

Stella ist Gewerkschaftsmitglied, seit sie bei Tilo arbeitet, seit einigen Jahren beim SEV. «Es schien mir von Anfang an richtig, dass auch Gewerkschaftsmitglied sein muss, wer im Büro arbeitet.» Dieses reife Verständnis der Rolle der Gewerkschaften hat sie schon aus ihren Zeiten bei der SISA. «Ich finde, dass die Arbeitnehmenden in der Schweiz häufig ihre Rechte nicht kennen. Viele beschränken sich auf die Pflicht, ihre eigene Arbeit gut zu machen. Aber wenn es darum geht, sich zu wehren, werden sie sich bewusst, dass ihnen die Mittel dazu fehlen. Oder sie kennen diese nicht einmal. Nur wenn es gelingt, eine gewerkschaftliche Gemeinschaft aufzubauen, kommt man weiter: Man trifft Menschen, mit denen man die Werte teilt und man kann sich mit ihnen auseinandersetzen.» Stella ist von der Notwendigkeit von Gewerkschaften überzeugt. «Angesichts neuer Formen der Arbeit, etwa die Uberisierung der Arbeitswelt, ist es zwingend nötig, auf eine kämpferische gewerkschaftliche Organisation zählen zu können. Das Uber-Modell lässt dich glauben, freier Unternehmer zu sein, aber tatsächlich nimmt es dir wichtige Sicherheiten, während es eine extreme Flexibilität fordert, von der die andern profitieren, nur nicht jene, die ihre Arbeit machen. Die Zersplitterung der Arbeit ist ein klarer Sieg der Wirtschaft. Eine der grössten Herausforderungen der Gewerkschaft ist die Digitalisierung. Dieser Zug fährt mit Höchstgeschwindigkeit in unser Leben.» Vorab jenes der Frauen, die weiterhin Benachteiligungen aller Art erleben. «Der Verfassungsartikel, der die Gleichstellung garantiert, wurde 1981 angenommen», erinnert Stella. «Und hier sind wir und müssen immer noch für die Einhaltung des Gleichstellungsgesetzes kämpfen, das 1996 in Kraft getreten ist. Ich glaube, dass viele Leute die Gleichstellung als selbstverständlich erachten, aber die alltägliche Realität zeigt uns, dass es nicht so ist. Ich bin überzeugt, dass noch viel zu tun ist, auch weil das Arbeitsleben einer Frau schwer mit jenem eines Mannes vergleichbar ist, besonders wenn Schwangerschaften hinzukommen.»

Oft werden Frauen bei der Rückkehr an die Arbeit aus organisatorischen Gründen schlechter gestellt. «Über die Benachteiligung beim Lohn hinaus tut sich die Gesellschaft auch schwer damit, die unbezahlte Arbeit der Frauen zu würdigen, die Milliarden wert ist!», hält Stella fest. «Man beachtet die Arbeit in Erziehung und Pflege nicht, man beachtet den Wert der Emotionen und Gefühle nicht, die in Bezug zu Kindern und Familie nie fehlen. Eine offene und solidarische Gesellschaft entsteht auch aus der Beziehungsfähigkeit.»

Stella betont aber auch die Bedeutung des Dialogs zwischen den Geschlechtern: «Wir Frauen müssen besser erklären, wie unser Leben ist, das aus Tempo, Aufgaben, Rollen und Gefühlen besteht. Die Frauen müssen an die 1427 Dinge denken, die Familie und Beruf bewegen, und versuchen, alle Teilchen des Mosaiks zusammenzufügen. Im Gespräch, im Dialog, im Austausch ist vieles möglich. Denn die Solidarität beginnt beim Zuhören, beim Respekt und beim gegenseitigen Verständnis.».

Françoise Gehring/Übersetzung: Peter Moor
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