Léman Express vor dem Start: Und das Personal?

Am 15. Dezember geht im Raum Genf das grösste grenzüberschreitende S-Bahn-Netz Europas in Betrieb. Das Projekt hiess zuerst CEVA, nach den Bahnhöfen (Genf) Cornavin – Eaux-Vives – Annemasse (F) der neuen Verbindungslinie. Die ganze S-Bahn heisst heute Léman Express und umfasst sechs Linien von total 230 Kilometern Länge mit 45 Stationen in den Kantonen Genf und Waadt und in den französischen Departementen Haute-Savoie und Ain. Fast 10 Jahre lang wurde am Netz gebaut, für rund 2 Mia. Franken. Es soll täglich 50000 Personen transportieren und so das Genfer Strassennetz, das zurzeit durch den Pendlerverkehr stark überlastet ist, um 12% entlasten, wie der Kanton hoffnungsvoll prognostiziert. Dazu beitragen sollen auch P+R- und Veloparkings an den Stationen, die neue Tramlinie 17 von Lancy-Pont-Rouge nach Annemasse sowie Velowege.
Streik am ersten Tag?
Doch schon zur Eröffnung droht ein Streik des französischen Bahnpersonals, das in der Haute-Savoie bereits am 23. November einen Warnstreik durchführte. «Man hat uns in den letzten zwei Jahren bei der Vorbereitung des Léman Express viel abverlangt. Doch weder wurden unsere tiefen Löhne erhöht noch unsere besonderen Anstrengungen mit einer Prämie abgegolten», erklärt Philippe Gauthier, SNCF-Mitarbeiter und Mitglied der Gewerkschaft Sud Rail. «Dabei steigen die Lebenskosten laufend, vor allem das Wohnen ist sehr teuer.» Ob er und seine Kolleginnen und Kollegen wirklich streiken werden, hänge davon ab, ob die SNCF-Direktion ernsthaft auf ihre legitimen Forderungen eingehe, sagt der Gewerkschafter.
Der Arbeitskonflikt rückt jene ins Rampenlicht, die den Léman Express betreiben – dies- und jenseits der Grenze. Weil das Preisniveau und daher auch das Lohnniveau in der Schweiz beträchtlich höher ist als in Frankreich, hat sich von Anfang an die Frage gestellt, wie der S-Bahn-Betrieb organisiert und die Arbeitsbedingungen geregelt werden sollen, damit es nicht zu Dumping kommt, vor allem auf Kosten des Schweizer Personals.
Schutz während 6 bis 10 Jahren
«Bereits im November 2015 hat der SEV mit den französischen Kollegen von Sud Rail und CGT der Projektleitung ein Weissbuch der Arbeitsbedingungen überreicht», berichtet SEV-Gewerkschaftssekretärin Valérie Solano. «Damals schlug man vor, für den Betrieb des Léman Express eine 100% private Tochterfirma zu gründen, deren Anstellungs- und Arbeitsbedingungen inakzeptabel gewesen wären.»
Das frühe, starke, gemeinsame Vorgehen der Gewerkschaften beider Länder zwang SBB, SNCF und Behörden zu einer raschen Klärung: Betreiberin der S-Bahn ist vorerst Lémanis, eine gemeinsame AG von SBB (60%) und SNCF (40%) nach Schweizer Recht. Das Lokpersonal hat zwar Lizenzen für beide Länder, fährt aber grundsätzlich nur im eigenen Land und wechselt in Annemasse.
Zudem hielten die Behörden beider Länder am 1. Februar in einer Absichtserklärung fest, dass es während 10 Jahren keine Ausschreibung geben soll, wobei eine Klausel den Ausstieg nach sechs Jahren erlaubt. Das heisst, dass es zwischen 2025 und 2029 eine Ausschreibung geben könnte. Mitbieten könnte etwa der französische Gigant RATP oder – für den Betrieb der Züge in der Schweiz – die RegionAlps SA, die zu 70% der SBB, zu 18% der TMR und zu 12% dem Kanton Wallis gehört. «Sie hat zwar korrekte Löhne, aber tiefere als die SBB», sagt Valérie Solano.
Yves Sancey/Übersetzung: Fi
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