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Auf den Spuren von…

Marie-Jo Juillet, Kundenberaterin

SBB-Kundenberaterin Marie-Jo Juillet wurde eher zufällig zu einer gewerkschaftlichen Kämpferin und Mitglied der Peko sowie des Vorstands ihrer SEV-Sektion AS Ouest. Ihre Geschichte.

Marie-Jo Juillet ist ein positiver Mensch. Sie setzt sich für ihren Beruf und ihre Kolleginnen und Kollegen ein.

Marie-José Juillet, die von allen Marie-Jo gerufen wird, verbreitet sofort gute Laune, wenn man sie trifft. Unterwegs mit ihr im Bahnhof Genf Cornavin, wo sie am SBB-Schalter arbeitet, wird sie von vielen gegrüsst und angelächelt. Sie verbreitet fröhliche Offenheit. Marie-Jo ist sehr aktiv im SEV und eine Bezugsperson für ihre Kolleginnen und Kollegen des Verkaufs, die wissen, dass sie «eher auf Verhandlung als auf Konflikt» setzt.

Ihre Charakterstärke verdankt Marie-Jo möglicherweise den Widrigkeiten, denen sie sehr früh im Leben begegnet ist. Sie erlebte anfänglich eine glückliche Kindheit in La Chaux-de-Fonds (NE). «Ich erinnere mich mit Rührung. Kind sein war super. Wir waren die ganze Zeit draussen, spielten im Schnee.» Doch als sie neun war, starb ihre Mutter, und es kam zu einem «Bruch» mit der Schule. Der Unterricht war nicht mehr das Wichtigste für sie.

Sie bekommt wieder Boden unter den Füssen dank der Lehre in einem Reisebüro. «Ich sah wieder einen Sinn in dem, was ich tat, und bekam wieder gute Noten.» Mit wenig Geld reist sie umher, ihre Leidenschaft. Portugal, Griechenland, mit Interrail und Zelt. Nach der Lehre geht sie 1987 in die Deutschschweiz, «um herauszufinden, ob ich allein im Leben bestehe». Geplant ist ein Jahr, doch sie bleibt drei in einem Verlag in Altstätten (SG). Sie kann dort ihre zweite Leidenschaft ausleben, das Lesen. Als dritte Leidenschaft kommt später der Gesang dazu.

Zufällig entdeckt sie auf einer Zugfahrt die Ausschreibung einer Reiseverkäuferinnenstelle bei der SBB. Betriebssekretärin in der offiziellen Terminologie. In Genf. «Ich hatte dort Verwandte, das passte gut. Das waren schöne Jahre», erinnert sie sich. Natürlich hat sich der Beruf verändert. «Damals haben wir ohne die elektronischen Hilfsmittel von heute Zugbillette verkauft. Wir mussten vieles von Hand berechnen können. Es war viel entspannter, ohne Verkaufsziele.» Bei der SBB bewegte sich vieles: «Zuerst war ich am Schalter, dann musste ich in den Kundendienst wechseln, dann in die Buchhaltung. Das war der Vorteil bei der SBB: Man konnte viel Verschiedenes machen. Ich schätze die unterschiedlichen Situationen, in denen wir uns bewegen. Wir haben Kontakt zu Menschen aus vielen Ländern, und ich liebe Kontakte.»

1996 eröffnet die SBB eigene Reisebüros. «Ich war glücklich, wieder in meinen ersten Beruf zurückzukehren.» 2002 beginnt Marie-Jo im Reisebüro im Stadtzentrum von Genf, an der Place Longemalle. Eine kleine Aussenstelle der SBB, die Zugbillette verkauft, aber auch das gesamte Sortiment, Zug-Hotel, Gruppenreisen… «Das lief gut. Wir machten alles. Wir kannten die Leute. Eine treue Kundschaft.»

Und die Gewerkschaft? «Das kam mit der Schliessung der Filiale 2012. Natürlich wurden wir nicht entlassen, aber es gab keine Wertschätzung unserer Arbeit. Die unerträgliche Kommunikation des Unternehmens hat mich verletzt. Wir waren verzweifelt. Wütend. Hilflos. Da ist der SEV gekommen und hat uns Hilfe angeboten. Zuerst machte es mir Angst, ich weiss nicht warum. Im Verkauf macht man nicht so Sachen! Aber wir haben Ja gesagt. Alle waren einverstanden. Wenn man in so eine Restrukturierung gerät, gibt es Gespräche. Also haben wir uns alle begleiten lassen. Und das hat wirklich eine Gemeinschaft geschaffen. Wir starteten eine Petition gegen die Schliessung, die von gegen 3800 Kunden unterschrieben wurde. Wir übergaben sie unserem damaligen Chef im Bahnhof, ohne ihn vorzuwarnen, begleitet von wütenden Kunden. Das gab ganz schön Lärm. Wir reichten sie auch beim Grossen Rat ein.»

Die SBB liess sich nicht von der Schliessung abbringen, aber der Psyche hat es gut getan: «Sie wussten nun, dass wir nicht einverstanden sind. So habe ich den gewerkschaftlichen Kampf gelernt, dass man sich wehren muss. Den Mut haben zu sagen, dass man nicht einverstanden ist. Das hat mich stark gemacht. Heute hilft es mir, andern zu helfen, wenn ich von der Personalkommission aus jemanden begleite. Denn ich war in der gleichen Lage.» So ist Marie-Jo neben ihrer Tätigkeit in der Gewerkschaft auch Mitglied der Peko Division. Der Kampf für die SBB-Filiale ist in Genf nicht unbemerkt geblieben. Und auch darüber hinaus. «Im Flughafen und später im Bahnhof haben mich viele gefragt, wie wir das gemacht haben. Das weckte Neugier.» Ende 2015 hat die SBB alle ihre Reisebüros geschlossen. Das war erneut schmerzhaft. «Sie sagten, es rentiere nicht, man müsse sich anpassen. Wir haben alles gegeben, für nichts. Mein Engagement für die Gewerkschaft wurde dadurch noch stärker.»

Sind die Automaten, die Ticket-Apps eine Bedrohung? «Ich tue das alles, weil ich in die Zukunft schaue und gute Arbeitsbedingungen bewahren will, gute Dienstleistungen für die Kundschaft, eine Zukunft für unsern Beruf und für die Jungen, die uns ablösen werden. Die Leute werden immer persönliche Beratung brauchen! Man muss in den Bahnhöfen Kontaktpersonen haben. Wir sind die Vertreterinnen der SBB vor Ort. Lösungen zu finden bleibt eine Aufgabe.»

Yves Sancey/pmo

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Kommentare

  • Brasey

    Brasey 12/10/2018 12:59:11

    Un tout grand BRAVO Marie-Jo à toi et toute ton équipe pour votre engagement! En tant qu’ancienne « cheminote » je me reconnais dans ces valeurs défendues. Merci pour ce bel article. Béatrice

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