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SBB unterläuft Vereinbarung zur Anstellung der temporären Mitarbeitenden systematisch

Temporäre bei der SBB: Ein Drama ohne Ende

Die Liste ist lang, und sie wird laufend länger: Die Liste der Kollegen, die dem SEV berichten, wie die SBB sie als Temporäre behandelt: «Zufällige» Kündigungen nach dreieinhalb Jahren, verweigerte Festanstellungen, Schikanen. Dabei hatte es im letzten Herbst nach einer klaren Regelung ausgesehen.

Der Zug fährt ab und die temporären Reiniger bleiben auf der Strecke.

Jeder könnte ein Einzelfall sein: G.* in der Region Bern erhält nach dreieinhalb Jahren als Reiniger einfach kein Aufgebot mehr, O. arbeitet in Zürich seit 15 Jahren ohne Festanstellung, E. in der Ostschweiz wird kurz vor Ablauf der vier Jahre als Temporär gekündigt. Nur weil der SEV die Namen und die Fälle zusammenträgt, wird das Bild klar. Die SBB unterläuft die Vereinbarung zur Festanstellung der Temporären systematisch und versteckt sich bei jedem Versuch des SEV, die Einzelnen zu schützen, hinter neuen Ausreden. Weitaus am stärksten betroffen ist die Wagenreinigung, diese aber dafür gleich in der ganzen Schweiz.

Dabei scheint der Fall klar: Mit dem Abschluss des Gesamtarbeitsvertrags 2015 wurde bei vier Jahren Tätigkeit für die SBB eine klare Linie gezogen – sowohl bei Festangestellten als auch bei Temporären. In den ersten vier Anstellungsjahren kann die SBB aus wirtschaftlichen Gründen auch bei unbefristeten Anstellungen eine Kündigung aussprechen, und im Gegenzug gilt für Temporäre: Wer vier Jahre bei der SBB im Einsatz stand, bekommt eine feste Stelle angeboten.

Lange Ausnahmeliste

Hier gilt es eine Klammer zu öffnen: Die Vereinbarung enthält eine lange Liste von Ausnahmen. Kein Anrecht auf ein Stellenangebot haben:

- externe Arbeitskräfte in Rottenverstärkungen (dabei handelt es sich um rund 500 Temporäre, die vor allem bei Gleisbaufirmen angestellt sind, aber dauerhaft bei der SBB im Einsatz stehen)

- Temporärmitarbeitende bei Railclean

- Personen im Ad-interim-Management

- Temporärarbeitende in Spezialistenfunktionen (IT, Ingenieure)

- Angestellte von Drittfirmen mit Verträgen mit der SBB.

Konkret sind es also vor allem Leute bei der Wagenreinigung und in den Industriewerken, die von der Vereinbarung profitieren können – oder eben könnten, wenn die SBB sich denn daran halten würde.

Kurz nach Bekanntwerden der Vereinbarung wurde der SEV schon mit Kündigungen von Temporären konfrontiert, die über vier Jahre im Einsatz waren, oder eben knapp darunter. Häufig wurden diese Kündigungen mit mangelhafter Leistung begründet. Nur stellt sich die Frage, weshalb die Leistung dreieinhalb Jahre lang genügt haben soll und genau in dem Moment ungenügend wurde, als es um eine Festanstellung ging.

15 Jahre gelten nichts

Der eingangs genannte O. wurde 1999 als Hilfsangestellter in der Wagenreinigung angestellt, befristet bis 30. September 1999. Er arbeitet noch immer dort, eine feste Anstellung erhielt er nie. Auf Bewerbungen erhielt er so nette Schreiben wie: «Vielen Dank, dass Sie mit uns die Schweiz bewegen wollen. (...) Wir können Sie jedoch nicht berücksichtigen, weil wir Kandidaten/innen haben, die unseren Vorstellungen besser entsprechen. (...) Vielleicht möchten Sie sich zu einem späteren Zeitpunkt für ein anderes Stellenangebot bei der SBB bewerben?» Was er dann drei Jahre später wieder machte und erneut eine Absage erhielt …

Ebenfalls in Zürich arbeitet K., seit 14 Jahren ohne Festanstellung, aber zur vollen Zufriedenheit der SBB. Nun sollte er einer der ersten sein, die tatsächlich fest angestellt werden, und was findet die SBB heraus: Er ist «aus medizinischen Gründen für die Funktion als Reiniger untauglich». Daran gilt es nicht zu rütteln; störend ist, dass es nicht früher untersucht wurde, vor allem aber stellt sich die Frage: Wird die SBB hier ihre soziale Verantwortung wahrnehmen, zu der sie sich gegenüber ihrem Personal in solchen Fällen verpflichtet hat, oder heisst es einfach «dumm gelaufen»?

Für den SEV ist es häufig schwierig, den Betroffenen konkret zu helfen, da die SBB nicht als handelnde Firma auftritt, sondern die Temporärfirma vorschiebt. Immerhin versuchen die Gewerkschaftssekretäre vor Ort, den Langzeittemporären beim Gesuch um Festanstellung zu helfen, und bei den kurz vor Fristablauf Gekündigten gibt es die Möglichkeit, eine neue Anstellung (allenfalls über eine andere Temporärfirma!) zu erreichen.

Erste Anstellungen

In diesen Tagen sollen erstmals rund ein Dutzend temporär Angestellte von der SBB ein Stellenangebot erhalten, nochmals so viele sollen in einem Monat folgen. Man darf gespannt sein.

Peter Moor

* Alle Namen sind der Redaktion bekannt.

Die Entwicklung der Interpretation anhand der verfügbaren Dokumente

So stand es in der Medienmitteilung vom 17. September 2014 zum GAV-Abschluss: «Weiter beinhaltet das Gesamtverhandlungsergebnis Regelungen für temporäre Mitarbeitende, die länger als vier Jahre bei der SBB tätig sind. Sie erhalten neu ein Angebot für eine Festanstellung. Voraussetzungen sind eine bestandene Prüfung und/oder ein entsprechender Eignungstest.»

Die Interpretation ist klar: Wer zu diesem Zeitpunkt vier Jahre temporär bei der SBB tätig war, erhält in nächster Zeit das Angebot einer Festanstellung.

Zudem steht in der Vereinbarung zwischen SBB und Gewerkschaften: «Die vorliegende Vereinbarung tritt mit ihrer Unterzeichnung in Kraft und gilt während der Laufzeit des GAV 2015. (...) Die SBB und SBB Cargo sorgen innerhalb einer Frist von zwei Jahren ab Inkrafttreten für die vollständige Umsetzung dieser Vereinbarung.»

Die Interpretation ist klar: Wer zu diesem Zeitpunkt bei der SBB seit vier Jahren temporär im Einsatz war, erhält in den nächsten zwei Jahren ein Stellenangebot.

Und das schreibt die SBB am 15. Juni 2015 in einem Mail an den SEV: «Wie in der Vereinbarung festgehalten, werden die temporären Mitarbeitenden, die mehr als vier Jahre bei der SBB im Einsatz stehen, innerhalb der Übergangsfrist von zwei Jahren von uns ein Stellenangebot erhalten, wenn wir freie Stellen haben» (kursive Auszeichnungen im Original; Anm. d. Red.).

Die Auslegung hat geändert: Immer noch scheint der Vereinbarungszeitpunkt als Stichtag zu gelten, neu soll die Anstellung aber daran gebunden sein, dass eine Stelle vorhanden ist.

Kommentare

  • Mouss

    Mouss 16/04/2016 08:20:40

    Je travaille chez CFF depuis 2009 jusqu'à maintenant. Je suis toujours temporaire. Il y a des moments que je demande la place fixe. La réponse c'est la menace si vous n'êtes pas content cherchez ailleurs.

  • Joao

    Joao 12/07/2016 11:21:13

    Ich arbeite bei Adecco seit 7 Jahren für die SBB; 2009 Rail Clean Bahnhof Bern, seit 2010 Wagenreinigung.
    Im Januar 2015 erhielt ich den Vorschlag für einen festen Vertrag, und alles schien gut. Dann gab es eine Verzögerung für mehr als 3 Monate und nochmals mehr als 3 Monate... Letzte Woche wurde mir mitgeteilt, dass sie mich feuern wollen... 6 Jahre Arbeit ohne Beschwerden – erniedrigend, frustrierend, unmenschlich, was sie mir angetan haben.

  • stiw

    stiw 03/09/2016 07:31:16

    Je travaille chez CFF depuis 2009 jusqu'à maintenant. Je suis toujours temporaire. Il y a des moments que je demande la place fixe. La réponse c'est la menace si vous n'êtes pas content cherchez ailleurs.

  • Marc

    Marc 22/08/2017 12:12:23

    Dazu könnte mann noch die Tatsache des Mobbings hinzufugen und die (Entschuldigung für den Ausdruck) Führungsinkompetenz. Wenn Mitarbeiter ihre Arbeit machen und die Kunden zufrieden sind aber die andere Mitarbeiter sagen dass die Arbeit nicht gemacht wird, geht der Chef 2 Tage später kontrollieren ob es wirklich geputzt wurde. Dies zeigt das die Führung keine Ahnung von Putzen hat (nach 2 Tagen im öffentlichen Raum ist es wieder schmutzig). Wenn man sie darauf anspricht und sogar fotos zeigt wird das einfach ignoriert. Eigentlich traurig das so eine Organisation worauf man eigentlich stolz sein darf so schlecht geführt wird, mit alle Konsequenzen für sowohl den Mitarbeitern als auch schlussendlich ihre Kunden.

  • Cristy  Zürich

    Cristy Zürich 29/09/2017 18:22:58

    (…)
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