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Kampf gegen Unsicherheit und Aggressionen im öffentlichen Verkehr

Die Kantone sind in der Pflicht

Der Kanton Neuenburg erlebte im Sommer 2007 eine Welle von Übergriffen auf Buschauffeure. Gewerkschaftssekretär Jean-Pierre Etique spricht über die Massnahmen, die in der Folge getroffen wurden. Nun verlangt der SEV auch die Schaffung eines Sicherheitszirkels im Kanton Waadt, wo die Zahl der Übergriffe im öffentlichen Verkehr mit zu den höchsten zählt.

Vandalismus, Bedrohungen, Beschimpfungen und Angriffe auf Personal und andere Reisende, Leute, die die Gleise überqueren… Dies und vieles mehr verzeichnet die SBB regelmässig in ihren Statistiken. In einem Jahr sind so über 2000 Vorfälle im Kanton Waadt zusammengekommen.

Der Staat muss an den Tisch

Die Sicherheitsprobleme dauern an, auch bei städtischen Verkehrsbetrieben. 2008 erreichten die Übergriffe einen Höhepunkt, seither sind sie auf hohem Niveau geblieben. Deshalb verlangt der SEV nun öffentlich die Schaffung eines Sicherheitszirkels in der Waadt, an welchem sich drei Parteien beteiligen sollen. «Wir haben die Möglichkeiten zusammen mit den Verkehrsunternehmen ausgeschöpft; die Aggressionen sind ein gesellschaftliches Problem, und die Kantone müssen sich an der Lösung beteiligen», hielt SEV-Präsident Giorgio Tuti an einer Medienkonferenz in Lausanne fest.

Problemzonen

«Probleme mit Aggressionen gibt es in der ganzen Schweiz, aber zwei Zonen sind besonders betroffen: Die S-Bahn Zürich und die Romandie », erläuterte Gewerkschaftssekretär Jürg Hurni. In 30 Jahren als Zugbegleiter hat er selbst Übergriffe erlebt und mitverfolgt, wie Kollegen den Beruf aufgaben, weil sie den Stress wegen der Aggressionen nicht mehr ertrugen.

In der Westschweiz ist das Problem im Waadtland am grössten. «Lausanne ist zur Drehscheibe der Kleinkriminellen geworden», betont Arnaud Lehro, Vizepräsident des ZPV Léman. Es kommen Gruppen aus Morges, Gland, Yverdon, Bex, Aigle oder Montreux und treffen sich im Bahnhof Lausanne. «Einzelne kommen sogar aus Zürich. Lausanne ist zudem das Zentrum aller Feste der Westschweiz », ergänzt Arnaud Lehro.

Problemzeiten

Zwar gibt es auf einzelnen Linien mehr Probleme als auf andern, aber ins Auge stechen vor allem bestimmte Zeiten. Vor allem der Samstag- und Sonntagmorgen sind die Perioden mit den grössten Risiken für die Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter, denn dann reisen die Betrunkenen nach durchzechten Nächten heim. Ganz allgemein sind die Wochenenden eher heikel: «Einzelne Jugendliche steigen schon beschwipst in den Zug und trinken unterwegs weiter, bevor sie in den Ausgang gehen, denn dort ist es teurer», stellt Arnaud Lehro fest.

Auch die Gruppendynamik wirkt sich aus: «In Gland und Renens hat es Gruppen, die es auf die Kondukteure abgesehen haben. In Montreux wurden Kollegen angegriffen », fährt Lehro fort. Wie häufig kommt es zu Beschimpfungen? «Jeden zweiten Tag, eher mehr!» Er wurde selbst einmal bei einer Billettkontrolle körperlich angegriffen. Er wurde aus dem Zug gestossen, während andere Jugendliche zuschauten und sich amüsierten. Für den Zugbegleiter blieben Verletzungen an Rücken und Arm sowie eine Woche Arbeitsunfähigkeit. «Von gewissen Reisenden wird man gar belästigt, selbst wenn man sie nicht einmal kontrolliert; wir wissen nicht mehr, wie wir arbeiten sollen », stellt Arnaud Lehro abschliessend fest.

Gegen das Schwarzpeterspiel

Der SEV verlangt nun eine tripartite Kommission, damit alle Betroffenen an einem Tisch sitzen, von den Verkehrsunternehmen über die Gemeinde- und Kantonsbehörden bis zu den Polizeikorps. «Die SBB gehört dem Bund, dann gibt es eine Kantonspolizei, mehrere Gemeindepolizeikorps und die Bahnpolizei. Die Abstimmung unter diesen verschiedenen Akteuren ist nicht immer gut erkennbar», stellt SEV-Regionalsekretär Olivier Barraud fest. Er schaut auch eher kritisch auf Massnahmen wie Railfair: «Man hat entlöhntes Personal abgeschafft und ersetzt es nun durch freiwillige Helfer; diese sind in den Stosszeiten vor Ort, aber nicht zu den kritischen Zeiten.»

Vorab geht es darum zu verhindern, dass sich die verschiedenen Parteien einfach den Ball zuschieben, wie das in Gland der Fall war, wo die Gemeinde- und Kantonsbehörden fanden, es sei ausschliesslich Sache der SBB, die Probleme am Bahnhof zu lösen.

hk / pmo

kontakt.sev: Welche konkreten Massnahmen wurden in Neuenburg ergriffen, um den Sicherheitsproblemen zu begegnen?

Jean-Pierre Etique: In allen obligatorischen Schulen des Kantons treten Mitarbeitende der Verkehrsunternehmen auf, um den Schülerinnen und Schülern zu erklären, wie sie sich zu benehmen haben. Auch die Polizeipräsenz wurde erhöht. Zum Beispiel in La Chaux-de-Fonds: Da benutzt die Polizei sogar vermehrt die öffentlichen Verkehrsmittel für ihre Verschiebungen. Zudem galt es, gewisse Informationen zu verbreiten, so etwa, dass Angriffe auf Personal des öffentlichen Verkehrs als Offizialdelikt verfolgt werden. Den Fahrern wurde immer noch gesagt, dass sie eine Anzeige machen müssten. Nun sind die Bestimmungen von Artikel 59 des Personenbeförderungsgesetzes besser bekannt.

Wer sollte alles in der Arbeitsgruppe des Kantons Neuenburg dabei sein, die sich um die Sicherheit im öffentlichen Verkehr kümmert?

Der Kanton muss dabei sein, zudem die Kantonspolizei, die Vertreter der Transportunternehmen und der SEV. Wir möchten aber später weitere Gruppen einbeziehen wie die Opferhilfestelle und Sozialarbeiter. Um eine wirkungsvolle Prävention machen zu können, brauchen wir Leute, die die Situation auf der Strasse kennen. Es genügt nicht zu sagen, es sei Sache der Eltern oder allenfalls der Schule, die Kinder zu erziehen, wie das einige meinen.

Weshalb?

Ich finde es wichtig, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Zirkels erkennen, welche Folgen Beschimpfungen und Aggressionen haben. Zudem ist es wichtig, die Beteiligten zu konkreten Massnahmen zu verpflichten; beispielsweise könnten sie bekannten Tätern die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel verbieten. Das ist eine Forderung des Neuenburger Personals.

Welcher Art sind die Informationen, die bei diesen Treffen ausgetauscht werden?

Im Kanton Neuenburg hat es organisatorische Änderungen bei der Polizei gegeben. Nun hat ein Verantwortlicher der Polizei Vertreter der regionalen Verkehrsbetriebe getroffen, um ihnen zu erklären, wie jetzt die Alarmzentrale funktioniert. Das ermöglicht dem Personal eine wirkungsvolle Alarmierung, sobald es nötig ist.

Hat es in jüngster Zeit in Neuenburg Probleme gegeben?

Ja, die Direktion der TN, der TRN und Vertreter des SEV sind kürzlich zu den Verantwortlichen des Asylbewerberzentrum im Valde- Ruz gegangen, denn gewisse Bewohner hielten sich nicht immer an die Spielregeln.

Nun verlangt der SEV, dass im Kanton Waadt ein Sicherheitszirkel gebildet wird. Wer müsste dabei sein?

Wie in Neuenburg braucht es Vertretungen des Kantons, des Personals und der verschiedenen Transportunternehmen. Wir würden uns zudem wünschen, dass gewisse Gemeinden dabei sind sowie Gruppen, die eine Aussensicht einbringen können. Wichtig ist auch, dass Spezialisten der Opferbetreuung einbezogen sind.

Es gibt Leute, die eine solche Kommission überflüssig finden. Was antwortest du ihnen?

Das empfinde ich als Respektlosigkeit gegenüber den Menschen, die hier Steuern zahlen. Die Zahlen, die wir für die SBB-Linien präsentiert haben, liegen immer noch eher tief, weil die Zugbegleiter noch immer nicht alle Vorfälle melden, vor allem die verbalen Aggressionen, die man aber nicht herabspielen darf. Auch sie führen zu psychischen Störungen, die bis zur Arbeitsunfähigkeit führen können. Eine solche Kommission liegt also ebenso im Interesse der Arbeitgeber als des Staats wie auch des Personals.

Welches ist das konkrete Ziel, das eine solche Kommission erreichen sollte?

Die «Entmenschlichung» des öffentlichen Verkehrs ist der Ausgangspunkt der Unsicherheit. In vielen Bahnhöfen arbeitet abends kein Mensch mehr. Es gilt zu vermeiden, dass sich die einen und die andern den Ball zuschieben, wie das in Gland der Fall war, wo junge Leute die Lokführer verängstigen, indem sie sich scheinbar aufs Gleis werfen. Der SEV hat dem Gemeindepräsidenten von Gland geschrieben, aber dieser spielt den Ball ins Aus. Er hat geantwortet, es handle sich um SBB-Gebiet, es sei an ihr zu handeln. Seit letztem Sommer, als dies geschehen ist, hat sich nichts geändert. Die Lokführer fahren mit geschlossenen Augen durch Gland, weil sie befürchten, dass doch einmal jemand vom Zug erfasst wird.

Was erwartest du nun vom Kanton Waadt?

Dass er die Situation endlich ernst nimmt. Angesichts der Reaktionen in den Medien ist zu befürchten, dass die Vertreter des Kantons dieses Thema nicht als vordringlich erachten. Vielleicht müssen wir zusätzlich gewerkschaftliche Aktionen durchführen. Das Personal des öffentlichen Verkehrs will nicht mehr mit Angst im Bauch arbeiten gehen!

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