| Aktuell / SEV Zeitung, Frauen

Diversitätstag: Solidarität statt Barbarei

Sibylle Lustenberger, Liija Sejdi, Lucy Oyubo Osterwalder, Tarek Naguib, Lilian Senn und Idil Abdulle diskutieren über Diskriminierung.

Eine Podiumsdiskussion, Workshops und viele persönliche Gespräche haben den Diversitätstag des SEV zu einem besonderen Erlebnis gemacht. Am 22. Mai luden die Frauen-, Jugend- und Migrationskommissionen ihre Mitglieder zu einem reichhaltigen Programm nach Olten ein. Zum ersten Mal seit über zehn Jahren haben die Kommissionen einen gemeinsamen Tag veranstaltet.

«Nähe und Distanz im Arbeitsalltag – ein Balanceakt» heisst das Motto des Diversitätstags. Rund 50 Mitglieder der SEV-Kommissionen und Gäste treffen sich in der Schützi in Olten. Organisiert wurde der Tag von Stefanie Fürst (Gewerkschaftssekretärin Jugend), Besa Mahmuti (Migration) und Sibylle Lustenberger (Gleichstellung und Frauen) sowie zahlreichen Helfer:innen aus dem Zentralsekretariat und der Miliz. Besa Mahmuti eröffnet den Tag: «Heute sprechen wir über etwas, was uns alle betrifft, egal ob im Zug, im Büro, in der Familie oder im Alltag. Wir sprechen darüber, wie wir zusammenleben, obwohl wir so unterschiedlich sind. Die Frage ist: Sind wir wirklich so unterschiedlich? Gibt es Gemeinsamkeiten?»

Ein alltäglicher Balanceakt

Hanny Weissmüller, Vizepräsidentin des SEV-Vorstands, hält das erste Grusswort: «Nähe stärkt uns. Sie schafft Solidarität, Vertrauen und gibt Halt in schwierigen Momenten. Gleichzeitig aber kann sie auch kippen – insbesondere für Migrant:innen, Frauen und junge Arbeitnehmer:innen, die häufiger als Andere Grenzüberschreitungen erleben. Für den SEV ist klar: Wir müssen Diskriminierung klar benennen, Betroffene ernst nehmen und Strukturen wo nötig verändern.»

SEV-Präsident Matthias Hartwich ruft in seinem Grusswort auf: «Lasst uns Solidarität der Barbarei entgegensetzen.» Damit kritisiert er die Tendenz gewisser politischer Parteien und Bewegungen, Menschen auszugrenzen. «Wir müssen uns daran erinnern, dass Gewerkschaften immer für Gleichwertigkeit aller Arbeitnehmer:innen eingestanden sind – unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung.»

Diskriminierung sichtbar machen

Die Podiumsdiskussion schliesst nahtlos an die Reden an. Sibylle Lustenberger moderiert ein Gespräch mit verschiedenen Expert:innen zu Diskriminierungsfragen: «Das Thema geht uns alle an», sagt sie. Die Gäste beleuchten verschiedene Aspekte, persönliche Erlebnisse und Überlegungen, wie man gegen Diskriminierung vorgehen kann.

Die Podiumsdiskussion berührt und bewegt das Publikum.

Besonders beeindruckend sind die Erfahrungsberichte von Lilian Senn und Lucy Oyubo Osterwalder vom Verein Surprise. Beide haben Erfahrungen am Rand der Gesellschaft gesammelt, die sie mit den Anwesenden teilen. Rassistische Diskriminierung erlebt die gebürtige Kenianerin und Stadtführerin Lucy Oyubo Osterwalder wegen ihrer Hautfarbe fast täglich: «Wenn ich zum Beispiel jemanden auf der Strasse nach dem Weg frage, laufen viele einfach weg.» Auch auf dem Arbeitsmarkt spürt die langjährige Lehrerin und Dolmetscherin verschiedene Formen der Ausgrenzung. Lilian Senn, ehemalige Busfahrerin und heute ebenfalls Surprise-Stadtführerin, war lange obdachlos. Als Obdachlose war sie sehr verletzlich und focht tagtäglich einen Kampf ums Überleben, selbst in der vermeintlich reichen Schweiz: «Wenn du nichts mehr hast, hast du auch keine Stimme mehr.»

«Diskriminierung und Privilegien sind zwei Seiten derselben Realität», sagt Idil Abdulle von der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. «Man hat keine Wahl, in welchem Umfeld man geboren wird. Lebt man als Kind im Krieg oder im Wohlstand. Man wählt das nicht aus.  Wer privilegiert ist, bemerkt oft nicht, wie andere systematische benachteiligt werden.» Tarek Naguib von der Fachstelle Migration isa stellt fest, Diskriminierung ist kein individuelles Problem, sondern ein gesellschaftliches: «Es braucht klare Strukturen, die Betroffene schützen – und Institutionen, die Verantwortung übernehmen.» Für die Gewerkschafterin Lirija Sejdi liegt es auch an den Gewerkschaften, den Kampf gegen Diskriminierung voranzutreiben. «Es ist eine Baustelle, bei der noch viel Arbeit getan werden muss.»

Workshops zu Nähe und Distanz

Im zweiten Teil des Diversitätstag, am Nachmittag, teilen sich die Teilnehmer:innen auf vier Gruppen auf. Sie besuchen abwechselnd vier Workshops, sogenannte World Cafés zu den Themen Rassismus, Grenzüberschreitungen, Generationendialog und Berührungsängste. Der letzte Workshop wird von SEV-Vizepräsidentin Barbara Keller geleitet und sie ist begeistert von den Teilnehmer:innen: «Mich hat besonders beeindruckt, wie offen über Distanz, Unsicherheiten und Berührungsängste gesprochen wurde. Der Austausch zeigte, dass Nähe und Vertrauen aktiv geschaffen werden müssen und dass persönliche Gespräche dabei eine zentrale Rolle spielen.»

Gewerkschaftssekretärin Besa Mahmuti lädt zu spannenden Workshops ein.
 

Persönliche Gespräche, Zuhören und Nachdenken über die eigene Rolle und Position in einer vielfältigen Gesellschaft haben den Diversitätstag geprägt. «Der Diversitätstag war ein Erfolg», sagt Mitorganisatorin Stefanie Fürst. Für sie und ihre Kolleginnen ist klar, es geht weiter. Voraussichtlich 2028 wollen sie wieder einen gemeinsamen Tag organisieren, an dem der SEV kritisch seine Vielfalt unter die Lupe nimmt – eine Vielfalt, die am Schluss trotz Unterschieden die Gewerkschaft stärkt. Gestärkt werden die Teilnehmer:innen des Diversitätstags in Olten am Ende des Tages mit einem Apéro, Musik und Tanz. Gelebte Vielfalt in der Gewerkschaft bedeutet auch Freundschaft und Spass.

Michael Spahr

Unsere Vielfalt ist unsere Stärke

Aktion gegen die Chaos-Initiative der SVP

Ob im Führerstand, am Steuer eines Busses, in der Werkstatt, im Rangierdienst, im Kundendienst oder in vielen weiteren Bereichen: Der öffentliche Verkehr funktioniert nur, weil unterschiedlichste Menschen täglich zusammenarbeiten. Am Diversitätstag, den wir soeben zum ersten Mal durchgeführt haben, wurde sichtbar, was uns stark macht: Unsere Vielfalt. Und die Fähigkeit, trotz Unterschieden solidarisch zu handeln.

Nähe im Arbeitsalltag kann verbinden. Sie schafft Vertrauen, Zusammenhalt und gibt Halt in schwierigen Situationen. Gleichzeitig erleben viele Kolleg:innen auch die Schattenseiten: Vorurteile, Ausgrenzung, respektlose Grenzüberschreitungen oder Misstrauen. Besonders betroffen sind oft Migrant:innen, Frauen und junge Arbeitnehmer:innen. Vielfalt bedeutet nicht nur, Unterschiede zu akzeptieren, sondern auch, einander zuzuhören, Respekt zu zeigen und persönliche Grenzen zu wahren. Miteinander statt gegeneinander – das ist keine Floskel, sondern Voraussetzung für einen starken Service public.

Gerade die aktuellen Herausforderungen zeigen, wie wichtig Zusammenhalt ist. Die Gesundheitsprobleme sind alarmierend. Lange Arbeitstage, hoher Druck, Übergriffe, fehlende Erholung und mangelnde Anerkennung belasten die Menschen, die täglich Verantwortung für Tausende Fahrgäste tragen. Wenn ein Drittel des Buspersonals ein Burnout-Risiko trägt, dann ist das kein individuelles Problem mehr. Es ist ein strukturelles Problem, für das es gemeinschaftliche Lösungen braucht: bessere Arbeitsbedingungen, genügend Personal und echte Wertschätzung.

Auch der laufende Abbau bei SBB Cargo zeigt, wohin kurzfristiges Denken führt. Der Schienengüterverkehr gehört zur Grundversorgung unseres Landes. Wer Stellen abbaut, verschärft den Fachkräftemangel und schwächt die Verlagerungspolitik. Eine nachhaltige Zukunft braucht eine starke Bahn – und die Menschen, die sie täglich am Laufen halten.

Hinzu kommen politische Angriffe auf Arbeitsrechte und Lohnschutz. Die Chaos-Initiative der SVP bedroht Solidarität, Sicherheit und gute Arbeitsbedingungen im öffentlichen Verkehr. Gerade in unsicheren Zeiten dürfen wir uns nicht spalten lassen.

Unsere Stärke liegt im Zusammenhalt. Vielfalt ist keine Schwäche. Vielfalt ist die Grundlage dafür, Krisen gemeinsam zu bewältigen und die Zukunft solidarisch zu gestalten.

Barbara Keller

Hast du einen Kommentar oder eine Frage zum Artikel? Schicke eine Mail an den/die Autor:in oder an