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Interview Vizepräsidium KTU

Die Sparpolitik bedroht den öV massiv

Vor rund einem halben Jahr, am SEV-Kongress 2025, haben die Delegierten Barbara Keller und Pablo Guarino zur Vizepräsidentin bzw. zum Vizepräsidenten gewählt. Sie sind beide verantwortlich für die Konzessionierten Transportunternehmungen (KTU) beim SEV. Wie haben sie dieses intensive erste halbe Jahr im Amt erlebt?

Barbara Keller: Für mich war der Einstieg sehr positiv. Ich habe viel Unterstützung erhalten, sowohl von den Kolleginnen und Kollegen als auch von Pablo. Die Zusammenarbeit hat von Anfang an gut funktioniert, wir haben uns schnell eingespielt. Obwohl ich noch nicht sehr lange hier bin, habe ich das Gefühl, dass ich bereits einen guten Überblick über die Dossiers habe. Das ist sicher auch dem Team zu verdanken, das mich sehr getragen hat.

Pablo Guarino: Ich habe den Start ebenfalls sehr gut erlebt. Die Einarbeitung war intensiv, aber gut begleitet. Die Zusammenarbeit mit Barbara ist wirklich sehr angenehm. Wir tauschen uns viel aus, diskutieren offen und konstruktiv. Das Arbeitstempo ist hoch, aber auch sehr stimulierend. Zudem können wir uns auf eine Organisation stützen, die gut strukturiert ist und über starke Grundlagen verfügt.

Barbara, deine Situation war speziell, weil Pablo die Branche schon gut kennt. Was war für dich am schwierigsten beim Einstieg?

Barbara: Sicherlich der Umstand, dass ich nicht aus der Verkehrsbranche komme. Es gibt sehr viele Begriffe, Abkürzungen und branchenspezifische Eigenheiten. Oft weiss man nicht sofort, wovon gesprochen wird. Mir wurde gesagt, das sei normal und brauche seine Zeit.

Ihr seid je 50 % für das Vizepräsidium angestellt und übernehmt daneben noch zusätzliche Aufgaben im SEV. Wie habt ihr euch die Arbeit aufgeteilt?

Pablo: Ich spreche bewusst nicht von einer 50/50-Aufteilung. Das wäre zu vereinfachend. Wir tragen die gemeinsame strategische Verantwortung für den Bereich KTU. Intern teilen wir uns die Dossiers auf, aber wir bleiben gemeinsam verantwortlich. Zusätzlich sind wir für weitere Aufgaben innerhalb des SEV verantwortlich.

Barbara: Konkret ist es so, dass Pablo hauptsächlich die Romandie und das Tessin betreut und ich die Deutschschweiz. Aber das ist kein harter Schnitt. Wir besprechen die Themen gemeinsam, stimmen uns ab und entscheiden zusammen. Es ist uns wichtig zu betonen, dass wir nicht nebeneinander, sondern miteinander arbeiten.

Barbara betreut zusätzlich zum Vizepräsidium einzelne Dossiers. Pablo, für welche Zusatzaufgaben bist du zuständig?

Pablo: Ich bin zusätzlich für den Rechtsdienst des SEV verantwortlich. Das ist ein sehr zentraler Bereich, weil rechtliche Unterstützung für viele Mitglieder entscheidend ist. Das Recht ist auch ein wichtiges Instrument im gewerkschaftlichen Kampf. Dieser Bereich nimmt viel Zeit in Anspruch, ist mir aber sehr wichtig.

Welche Herausforderungen stehen in nächster Zeit an?

Barbara: Auf nationaler Ebene drohen Sparmassnahmen, etwa mit dem Entlastungspaket 27. Diese werden den öffentlichen Verkehr massiv betreffen. Auch in den Kantonen wird zunehmend gespart. Das hat direkte Auswirkungen auf die Unternehmungen – oft bei den Löhnen. Deshalb wollen wir die Lohnrunden künftig besser koordinieren, mit klaren gemeinsamen Zielen und Argumenten.

Pablo: Wir befinden uns generell in einem Kontext der Sparpolitik. Als Gewerkschaft müssen wir darauf reagieren, den Ton verschärfen und unsere Mobilisierungsfähigkeit stärken. Gleichzeitig stehen viele Erneuerungen von Gesamtarbeitsverträgen an. Da müssen wir überall präsent sein.

Gab es im letzten Jahr Momente, an die ihr euch gerne erinnert?

Barbara: Für mich war das 40-Jahr-Jubiläum der Frauenkommission ein sehr bewegender Moment. Es hat gezeigt, wie weit wir gekommen sind – dank der Pionierinnen, die uns mit ihrem Engagement den Weg bereitet haben. Auch der Aktionstag gegen Gewalt hat mir viel Kraft gegeben. Solche Momente zeigen, wofür wir arbeiten. Wichtig sind für mich aber auch die persönlichen Begegnungen vor Ort - bei den Mitgliedern und in den Sektionen.

Pablo: Ein sehr starker Moment war die Mobilisierung der Sektion tl in Lausanne. Hunderte Kolleginnen und Kollegen gingen gemeinsam mit über 25 000 Menschen auf die Strasse. Diese Solidarität hatte Wirkung, die Unternehmung musste ihre Positionen anpassen. Das zeigt, dass Mobilisierung etwas bewirken kann.

Euer Ausblick für das Jahr 2026?

Barbara: Die Mitgliedergewinnung wird zentral bleiben. Stark sind wir nur gemeinsam, aber wir müssen auch sichtbar machen, was wir tun – in den Sektionen, in der Öffentlichkeit und in der Politik. Es geht darum, dass unsere Arbeit und unser Engagement auch wirklich wahrgenommen werden.

Pablo: Wir haben engagierte Mitglieder und starke Sektionen. Darauf müssen wir uns stützen, um unsere Sichtbarkeit als Gewerkschaft des Verkehrspersonals weiter zu stärken und bereit zu sein, überall dort, wo es notwendig ist, unsere Stärke zu zeigen.

Michael Spahr