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Landwirtschaft: Keine Spur von Idylle bei der Arbeit

Die Schweiz? Ein Volk von Hirten und Bauern, die glücklich mit ihren Kühen zusammenleben und Käse und Schokolade herstellen... Dieses Postkartenidyll lockte im 19. Jahrhundert die reichen englischen Touristen an, heute jene aus Indien und China. Es mag im 13. Jahrhundert zugetroffen haben, ist jedoch längst Vergangenheit. Im 19. Jahrhundert war der Mythos sicher nützlich, um den Übergang zu einem industriellen Land und seinen fordernden gewerkschaftlichen Bewegungen vor dem Volk zu verbergen. Die Bauern, lange Zeit Teil des bürgerlichen Blocks, haben im Lauf des 20. Jahrhunderts mengenmässig und politisch an Bedeutung verloren.

Innert hundert Jahren, von 1920 bis 2018, hat der Anteil von Personen, die in der Landwirtschaft arbeiten, von 25% der aktiven Bevölkerung auf … unter 3% abgenommen! Zudem, was kaum sichtbar und höchst problematisch ist: Die Arbeit in der Landwirtschaft, die alleweil für unsere Ernährung sorgt, erfolgt zu äusserst fragwürdigen Bedingungen: «Die Beschäftigten, die für den Fortbestand der Schweizer Landwirtschaft sorgen, arbeiten über 53 Stunden pro Woche zu einem durchschnittlichen Stundenlohn von weniger als 14 Franken, der ihnen schlicht kein menschenwürdiges Leben erlaubt.» Das sind Aussagen aus dem Buch «Landarbeiter und Landarbeiterinnen in Not», das soeben von der «Plattform für eine sozial nachhaltige Landwirtschaft» bei Cetim Genf herausgegeben wurde. Im zweisprachigen Werk (deutsch/französisch) vergleichen die zwei Historiker Gilles Bourquin und Jan Chiarell neun Kantone in der Zeit von 2000 bis 2018. Sie heben die harten Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in der Landwirtschaft hervor.

Ein düsteres Bild

Der Durchschnittslohn im ersten Wirtschaftssektor erreicht nicht einmal die Hälfte jenes im zweiten und dritten Sektor: 3251 Franken brutto für durchschnittlich über 53 Wochenstunden (wovon rund 990 Franken für Kost und Logis abgezogen werden). Die Landarbeiterinnen und Landarbeiter unterstehen nach wie vor nicht dem Arbeitsgesetz. Wenn man ihre Arbeitsbedingungen betrachtet, zeigt sich ein Patchwork: Jeder Kanton hat einen eigenen Musterarbeitsvertrag. Dabei gibt es grosse Unterschiede. Die Arbeitszeit geht von 45 Stunden in Genf bis 66 Stunden in Glarus. Die Lohnspanne reicht von 11.85 bis 17.50 Franken pro Stunde. Überstunden sind möglich ohne weitere Bewilligung und bei Bedarf ohne zeitliche Beschränkung. Für die Plattform für eine sozial nachhaltige Landwirtschaft und die Gewerkschaft Uniterre würde «die Unterstellung der Landwirtschaft unter das Arbeitsrecht eine wöchentliche Arbeitszeit von 45 Stunden festlegen, was eine erste Verbesserung wäre».

Die Landwirtschaft ist zu drei Vierteln von Familienbetrieben geprägt, die im Besitz des Bauern sind. Das letzte Viertel sind Angestellte ausserhalb der Familie, die zur einen Hälfte aus der Schweiz, zur andern aus dem Ausland kommen. Die äusserst heiklen Arbeitsbedingungen, die das Buch aufzeichnet, sind jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Ein wesentlicher Teil der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, deren Arbeits- und Lohnverhältnisse noch schlechter sind, erscheint nicht in den offiziellen Statistiken.

Einerseits hat es rund 8000 Papierlose in der Landwirtschaft, die meisten aus dem Ausland, wie die Autoren betonen. Andererseits «erscheinen die saisonalen Arbeitskräfte mit kantonalen Kurzaufenthaltsbewilligungen (3 bis 4 Monate) nicht in dieser Statistik, die jährlich am 1.Januar erhoben wird», erläutert Philippe Sauvin, Sekretär der Plattform für eine sozial nachhaltige Landwirtschaft.

Das Bild der Landwirtschaft ist aber auch auf der Seite der Arbeitgeber alles andere als idyllisch. Hunderte von Bauernbetrieben verschwinden jedes Jahr (drei pro Tag seit 2000), meistens kleine Höfe. Es gibt also eine Konzentration des Bodens. Der Milchpreis zerfällt. Die Bauern verschulden sich. Es gibt viele Burn-outs, und die Suizide nehmen zu.

Die Dominanz der Grossverteiler

Obwohl der Bund jährlich 3,5 Milliarden Franken in den Sektor steckt, landet laut der Studie lediglich die Hälfte davon wirklich in der Landwirtschaft, «die andere Hälfte wird von den grossen Ketten in der Verarbeitung und Distribution geschluckt», in erster Linie Coop und Migros, die zunehmend Druck auf die Preise machen. «Die Bauern sind dem Druck der Grossverteiler und der Hypothekarkredite aus-geliefert. Indirekt werden damit also auch die Banken subventioniert», klagt Sekretär Philippe Sauvin. Die Plattform für eine sozial nachhaltige Landwirtschaft unterstreicht im Buch: «Die Grossverteiler tragen stark dazu bei, dass die unhaltbare Situation der Landarbeiter weiterbesteht! Die Grossverteiler haben eine wesentliche Verantwortung für die Situation der schweizerischen Landwirtschaft, indem sie den Produzenten, die beim Absatz der Produkte von ihnen abhängig sind, die Preise vorgeben und selbst die Gewinne einkassieren.» Weniger Gewinne auf den landwirtschaftlichen Produkten würde dem Sektor neue Luft verschaffen.

Die soziale Gerechtigkeit, die Klimakrise, die Schwankungen des internationalen Handels, die Bedeutung kurzer Verteilwege, wie die Corona-Krise aufgezeigt hat: All das spricht für eine Verbesserung der Situation der Landarbeiterinnen und Landarbeiter. Die politische Rechte, mit ihrer Besessenheit für den freien Handel, hat die Landwirtschaft längst aufgegeben, fährt aber fort damit, sie in den Stammtischreden zu glorifizieren. Eine Verbesserung hängt also von den Aktivistinnen und Aktivisten der Branche ab, von den Gewerkschaften und von den Konsumentinnen und Konsumenten, denen dabei eine Schlüsselrolle zukommt.

Die Plattform für eine sozial nachhaltige Landwirtschaft ruft deshalb in ihrem Buch dazu auf, «vom Vormarsch der grünen Politik auf nationaler Ebene zu profitieren, um den Grundsatz der nachhaltigen Entwicklung in seinen drei Ausrichtungen aufzuwerten: ökonomisch, ökologisch und vor allem sozial. Die Solidarität mit den Landarbeiterinnen und Landarbeitern ist aktueller denn je.»

«Landarbeiter und Landarbeiterinnen in Not», mit einem Vorwort von Anne-Catherine Menétrey (ehem. Nationalrätin Grüne/VD, 1999–2007), Plattform für eine sozial nachhaltige Landwirtschaft, Ed. Cetim, 2020, 80 Seiten, ISBN 978-2-88053-138-6

Yves Sancey mit «L’Evénement syndical»; Übersetzung: Peter Moor

Kommentare

  • Martin

    Martin09/07/2020 18:49:53

    Très bon article, il touche là où ça fait mal.
    Une fois de plus, on remarque que c'est le secteur ouvrier le plus péjoré.
    Manque de valorisation et manque de volonté pour une politique agricole suisse qui laisse mourir un secteur ô combien important pour tous.
    Dans le mot paysan, il y a le mot Pays !
    Le paysan ne doit pas devenir le jardinier de la Suisse, mais doit pouvoir vivre décemment de son métier qui est de nourrir notre population, notre Pays.
    Oui mais voilà, il semble que sous la coupole fédérale, les soucis sont plus tournés vers le libre échange que vers la protection de notre agriculture.
    Nous pouvons, chacun à notre manière et selon nos moyens, soutenir ce secteur en consommant local.
    Pendant la 2ème guerre mondiale, le chef de la production agricole, M. Wahlen, créa le plan "Wahlen", qui était un programme d'autosuffisance alimentaire et qui consistait à cultiver partout où l'on pouvait afin que la population suisse puisse manger convenablement.
    Merci à nos paysans d'alors….
    La pandémie que nous vivons actuellement avec fermeture des frontières, devraient faire réfléchir nos dirigeants pour mettre en place une véritable politique afin que chacun y retrouve son compte.
    Vaste débat, à chacun d'entres-nous d'y réfléchir, voir d'influencer dans ce sens.
    Bien des bonnes choses à toutes et tous, bel été…... en Suisse !....

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