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Gleichstellung

«Es ist unsere Pflicht, dass es weitergeht»

Die SEV-Zeitung traf zwei Frauengenerationen zum Gespräch über Gleichstellung und Diskriminierung.

Zwei Frauen-Generationen im Gespräch: Andrea-Ursula Leuzinger (PV, links) und Xenja Widmer, SEV-Gewerkschaftssekretärin.

Wie habt ihr den Frauenstreik 2.0 vom 14. Juni erlebt?

Andrea-Ursula: Am Morgen im Bahnhof Bern, als wir Flyer verteilt haben, sind mir natürlich viele Frauen begegnet, die auf dem Weg zur Arbeit waren. Das war 1991 anders, als sie an diesem Tag einfach nicht arbeiten gingen. Das Hauptprogramm auf dem Bundesplatz mit dem anschliessenden Demonstrationszug war denn auch auf 17.00 -17.30 Uhr terminiert, und da waren sie natürlich präsent die Frauen.
Aber es gab auch am frühen Morgen schon einzelne Frauengruppen, die gewisse Aktivitäten gezeigt haben. So zum Beispiel eine kleine Gruppe, die im Bahnhof Bern unterwegs war und einfach geputzt hat. Damit haben sie darauf aufmerksam gemacht, was Frauen alles tun.
Es gab selten Diskussionen. Und ich erlebte von der vollen Unterstützung – auch von Männern – bis zur totalen Ablehnung alles.

Xenja: Ich war am Greenfield-Festival und kleidete mich in violett. Grundsätzlich gab es aber nicht viele Leute, die sich entsprechend angezogen oder sich sonst exponiert hätten. Ich selber habe aber viel Zuspruch erhalten, einige wollten gar ein Foto mit mir. Diejenigen, die reagiert haben, waren alle positiv. Und auch gewisse Bands haben auf den Streik aufmerksam gemacht, amerikanische, die hatten es mitbekommen und gesagt «it’s women’s strike today!». Und da sah man wirklich auch Fahnen aus dem Publikum.
Es fällt natürlich auf, dass das Musikbusiness extrem geprägt ist von Diskriminierung gegenüber Frauen, auch an einem solchen Rockfestival wie das Greenfield.
Der Anklang war sicher kleiner als im Rest der Schweiz, aber der Frauenstreik hatte doch auch seine Sichtbarkeit.

Andrea-Ursula: Im Vergleich mit 1991 gab es am 14. Juni 2019 wesentlich mehr Frauen auf den Strassen, auf den Plätzen. 1991 waren wir zehn Jahre nach der Abstimmung über den Gleichstellungsartikel und es gab nach wie vor kein Gesetz. Dies war denn auch der Hauptgrund für den Streik. Damals herrschte eine ganz andere Mentalität. Man hatte einfach genug! Der Slogan war ja auch: «Wenn Frau will, steht alles still». Es war wirklich ein Streik. Aber auch dieses Jahr gab es z.B. in Zürich gewisse Streikaktionen, als beim Central für einen Moment alles stillstand. Auch heute sind die meisten Frauen auf irgendeine Art benachteiligt, diskriminiert.

Xenja: Ich fand ausserdem schön – vielleicht war das 1991 auch schon so – dass sich auch sehr viele Männer am Frauen*streik solidarisiert haben. Ich wurde von Kollegen oft angesprochen, ob sie denn überhaupt mitmachen dürfen. Es freut mich sehr, dass viele Männer das Thema erkannt haben. Denn so lange wir die Männer nicht an Bord haben, wird es nie Gleichstellung geben.

Andrea-Ursula: Im 1991 waren Männer auch vor Ort, aber eher im Hintergrund, haben sich den Kindern angenommen, gekocht…

Wo habt ihr persönlich schon Diskriminierung erfahren?

Xenja: Ich bin sehr froh, dass ich bisher keine offensichtliche Diskriminierung wie z.B. beim Lohn erleben musste. Und dafür bin ich auch dankbar. Ich glaube aber auch, dass wir Frauen uns oft selber diskriminieren auf eine gewisse Art. Weil wir uns unnötig Geschlechterrollen zuordnen.

Andrea-Ursula: Bei meiner Generation und derjenigen meiner Eltern waren die Geschlechterrollen sicher noch viel ausgeprägter. Als Frau musste man sich oft fragen: «Darf ich denn das überhaupt? Kann ich das?». Ich habe mir schon bald mal gesagt «ich will das!». Ich habe dann in klaren Männerdomänen gearbeitet, sei es in der Werkstatt oder dann als Lokführerin sowieso. Dort hat man entweder sehr positiv reagiert, oder mich abgelehnt. Es gab dann schon Kollegen, die mich nicht im Führerstand sehen wollten, sondern zu Hause am Herd. Ich stieg dann einfach wieder aus der Lok. Der Kollege wurde dann aber unsicher und liess mich in Ruhe. Später war das dann kaum mehr ein Thema.

Ist Diskriminierung aufgrund des Geschlechts heute denn noch ein Thema?

Xenja: Heute fühle ich mich eher diskriminiert aufgrund meines jungen Alters. Sonst glaube ich schon, dass wir Frauen weniger diskriminiert werden, als früher.

Andrea-Ursula: Heute beginnt Gleichstellung schon in der Erziehung der Kinder. So wie sich die Eltern geben, Gleichstellung leben. Dementsprechend sind die Kinder besser gewappnet für solche Themen. Bei mir war es so, dass der Vater krank im Bett lag und meine Mutter sehr viel stemmen musste. Und dies unter dem alten Ehegesetz, noch ohne Stimm- und Wahlrecht bis 1971. Da hatte es meine Mutter manchmal sehr schwer, v.a. auch auf den Ämtern. Als der Vater dann gestorben ist, war die Situation anders.
Ich finde aber grundsätzlich, dass Diskriminierung nicht weniger geworden ist. Denn das traditionelle Familienbild – Mutter, Vater, Kind – besteht noch immer, auch wenn es sich immer mehr aufzuweichen beginnt. Bei gleichgeschlechtlichen Paaren mit Kinderwunsch tut sich die Gesellschaft nach wie vor schwer. Die Diskriminierung verändert sich wohl einfach.
Ich glaube ausserdem, dass in der heutigen Zeit die unbezahlte Arbeit in der Gesellschaft besser kommuniziert wird und sichtbarer ist. Und es findet ja sehr viel unbezahlte Arbeit statt. Früher war das selbstverständlich, und klar Aufgabe der Frauen. In der heutigen Zeit übernehmen auch Männer einen rechten Teil davon, wie bei der Kindererziehung.

Xenja: Die Herausforderung für junge Menschen ist auch, weiterzuführen, was angefangen wurde. Wir haben es jetzt in der Hand. Und wie du, Andrea, es schon erwähnt hast, müssen wir bei der Erziehung unserer Kinder darauf achten, dass wir die klassischen Geschlechterrollen nicht mehr anerziehen. Wir bahnen den Weg für die nächsten Generationen, wie es bisher immer gemacht wurde. Damit kann es auch schneller gehen, bis die Gleichstellung dann wirklich mal komplett umgesetzt ist. Sicher müssen wir selber auch mit offenen Augen durch die Welt gehen und über die gesellschaftlichen Geschlechternormen hinausdenken. Es ist unsere Aufgabe, als offene, kämpferische und visionäre Generation durchs Leben zu gehen.

Andrea-Ursula: Ihr baut am Haus «Gleichstellung» weiter.

Wofür setzt ihr euch den konkret ein?

Andrea-Ursula: Ich bin jetzt im dritten Lebensabschnitt und höre von Frauen, die mit der Rente nicht auskommen. Das Problem ist gross, vor allem bei Kolleginnen, die nicht immer gearbeitet haben, um sich den Kindern zu widmen. Armut im Alter ist nach wie vor bei Frauen ein grösseres Thema als bei Männern. Bei den jetzigen Rentnerinnen und Rentnern lässt sich wohl kaum mehr etwas ändern. Aber wir müssen weiterkämpfen. Und gerade ihr Jungen habt die Chance, dass ihr im Alter nicht wegen Armut Sozialleistungen beziehen müsst.

Xenja: Die Meinung unter sehr vielen Jungen ist allerdings, dass wir im Alter wohl kaum mehr etwas erhalten.

Andrea-Ursula: Ich rede jetzt vor allem über die AHV. Und es wird sicher in irgendeiner Form auch weiterhin eine Rente geben, da ist sich das Parlament einig. Die grosse Frage ist natürlich, wie das konkret ausgestaltet wird.

Xenja: Am Wochenende nach dem Frauenstreik war in Zürich auch die Pride. Das ist für mich ein persönliches Anliegen, dass Gleichstellung auch über die Geschlechterrollen hinaus umgesetzt wird. Und was ich mir wirklich fest wünsche ist, dass endlich die Ehe für alle geöffnet wird.

Wie schaut ihr auf die jeweils andere Frauengeneration?

Andrea-Ursula: Als junge Person musst du nach wie vor kämpfen, egal welchen Geschlechts du bist. Um sich im Berufsleben zu positionieren und sich wohl zu fühlen. Aber oft wenn ich mit jüngeren Frauen über Gleichstellung spreche, dass diese nicht selbstverständlich ist, und ihnen den geschichtlichen Hintergrund der Gleichstellung aufzeige, ist das sehr dankbar für mich. Wir haben jetzt das Gesetz, aber wir sind noch lange nicht am Ziel angekommen!
Es gibt einzelne, die den Kampf hinter den Errungenschaften nicht wahrhaben oder nicht kennen. Viele junge Frauen wollen aber wissen, wie es zu ihren Rechten gekommen ist. Und sagen sich dann im besten Fall auch, dass sie eigentlich auch eine Aufgabe haben.

Xenja: Jede und jeder muss sein eigenes Feld finden. Ich bin meinen Vorkämpferinnengenerationen sehr dankbar und kann mir vieles gar nicht mehr vorstellen. Ich bin 1995 geboren und da durften auch die letzten Frauen abstimmen. Dieses Recht nutze ich und spreche auch meine Kolleginnen und Kollegen darauf an, ob sie sich über diese oder jene Vorlage schon eine Meinung gebildet haben. Viele in meinem Alter interessieren sich aber nicht dafür, was ich sehr bedaure. Denn es ist ein grosses Privileg! Meine Mutter durfte lange nicht abstimmen, und für mich ist es einfach selbstverständlich. Ich versuche mir aber auch vor Augen zu führen, dass es dies eben nicht ist. Und ich bin dankbar für jede Person, die gekämpft hat, und sehe es auch als unsere Pflicht, dass es weitergeht.

Welche Botschaft gebt ihr unseren Leser/innen mit?

Andrea-Ursula: Vor längerem war das Thema einer männlichen Hebamme in Genf in den Medien. Die weiblichen Hebammen haben sich gewehrt, weil sie keinen Mann in ihren Reihen wollten. Hier bin ich klar der Meinung: Wir müssen Männern auch in Frauendomänen die Türen öffnen. Etwas fordern, heisst auch, etwas geben. Heisst auch, Kompromisse eingehen. Man muss den Menschen nach seinen Fähigkeiten einschätzen, nicht nach seinem Geschlecht!

Xenja: Ich wünsche mir manchmal, dass das Thema Gleichstellung einfacher gehalten wird, damit alle Menschen Zugang dazu finden. Viele Menschen haben Hemmungen sich zu engagieren, weil sie nicht genau wissen, wie das geht. Es ist wichtig, dass wir andere Menschen nicht neu diskriminieren, weil sie sich nicht stark machen für etwas, sondern sie dazu befähigen, ihre Rolle zu finden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Chantal Fischer
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SBB-Diskussionsanlässe am Frauenstreiktag

Am 14. Juni lud die SBB in Bern, Bellinzona, Lausanne und Zürich zu «Impulsanlässen» zur Chancengleichheit. Im Berner Wylerpark begrüsste Doris Matyassi, Leiterin HR Personenverkehr, rund 50 Teilnehmende. Diese diskutierten in Gruppen und im Plenum, was Chancengleichheit heisst: «wenn auch weibliche Kader mittelmässig sein dürfen», «wenn Chefs auch Frauen fragen, welche Weiterbildung sie machen wollen», «wenn auch Arbeit in der Familie anerkannt wird», lauteten Antworten. Doris Matyassy hat ihr Job-Sharing mit Evelyne Mürner ab 2004 sehr positiv erlebt. Für Anne-Marie Deans, Leiterin Unternehmensstrategie, ist es trotz 80%-Pensum «nicht einfach», Familie und Beruf zu vereinbaren. Referentin Lucie Waser vom SEV sieht zwar Fortschritte seit dem Frauenstreik von 1991, etwa beim Ehe- und Scheidungsrecht. «Doch unbezahlte Arbeit wird weiterhin vor allem von Frauen geleistet. Sie arbeiten mehr Teilzeit als Männer und verdienen weniger trotz Doppelbelastung.» Waser forderte eine Elternzeit und staatlich finanzierte familienergänzende Betreuung. Zur Frage «Was kann die SBB tun?» gab es im Workshop u.a. folgende Antworten: Subventionierung von Kindertagesstätten mit langen Öffnungszeiten (Früh- und Spätdienst), Weiterbildung und Förderung auch für Teilzeiter/innen, Recht auf freie Tage zur Betreuung von Kindern und Angehörigen.Fi

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