| Interview

Christina Jäggi ist seit einem halben Jahr Organisationssekretärin des SEV

«Das Wort Solidarität ist nicht mehr so stark»

Hinter der Bezeichnung «Organisationssekretär» versteckt sich eine der wichtigsten Aufgaben im SEV. Erstmals ist nun mit Christina Jäggi eine Frau in dieser Funktion, die am einfachsten als Stabschefin zu bezeichnen ist. Sie bereitet die Geschäfte von Vorstand, Kongress und Geschäftsleitung vor.

Seit gut einem halben Jahr bist du als Organisationssekretärin des SEV tätig. Was ist die grösste Überraschung, die du dabei erlebt hast?

Christina Jäggi: Die eigentliche Überraschung war die Breite der Arbeiten, die zu dieser Aufgabe gehören. Gerade jetzt vor dem Kongress gibt es wirklich viel zu tun, all diese Geschäfte vorzubereiten.

Du warst ja zuvor Assistentin von Giorgio Tuti als Vizepräsident und als Präsident und hast den SEV bereits gut gekannt. Was ist anders in deiner neuen Funktion?

Ich habe eben doch nicht ganz alles gekannt! Es ist einiges Neues dazugekommen. Ich kann aber von den Erfahrungen profitieren, die ich in den Jahren zuvor gesammelt habe. Die Zusammenarbeit mit der Geschäftsleitung und dem Vorstand ist aber anders, als ich sie von aussen gesehen hatte.

Eigentlich bist du die Anlaufstelle für alles!

Ja, genau. Es kommen tatsächlich viele Anliegen zu mir, bei denen ich mich ab und zu auch frage, ob sie wirklich in meinen Bereich gehören. Aber das hat eindeutig damit zu tun, dass ich schon lange im SEV bin.

Du hattest aufgrund deiner Vergangenheit sicher Erwartungen. Gab es auch Enttäuschungen?

Nein, überhaupt nicht. Keine Enttäuschungen, im Gegenteil!

Was meinst du damit?

Ich merke, wie spannend es ist, wie breit die Themen sind, die sich bei mir sammeln.

Wie gross ist die Umstellung für dich persönlich?

Erstmals, seit ich beim SEV bin, arbeite ich 100 Prozent. Das ist für mich eine grosse Umstellung. Ich bin aber froh um das Pensum, weil ich viele Aufgaben zu bewältigen habe. Mein Ziel ist es aber schon, irgendwann wieder zu reduzieren.

Wird erwartet, dass die Person auf diesem Stuhl immer da ist?

Ich vermute, dass ich mir dieses Gefühl selbst gebe. Ich wäre die Erste, die diese Aufgabe mit einem reduzierten Pensum macht doch ich bin überzeugt, dass das machbar ist.

Hat sich dein Blick auf den SEV verändert?

Nein, wohl auch deshalb, weil ich zuvor schon in der Zusammenarbeit mit Giorgio Tuti viele Dossiers kennengelernt habe und auch breite Aufgaben im SEV erfüllen konnte. Meine Sicht auf den SEV hat sich in den 12 Jahren, die ich hier bin, entwickelt und jetzt nicht schlagartig verändert.

Das tönt recht nüchtern…

Findest du? Ich hatte mich selbst auch gefragt, ob eine Veränderung eintritt, wenn ich noch mit mehr und andern Leuten im SEV zusammenarbeiten werde. Aber es ist nicht so; es gibt natürlich neue Aspekte, aber keine generelle Veränderung.

Verändert hat sich aber dein persönlicher Einfluss. Wie beeinflusst du den SEV?

(lacht) Vielleicht müsste man das die Leute fragen, die mich beobachten. Ich hoffe, dass ich als Frau in dieser Funktion etwas anders mit den Aufgaben umgehen kann.

Organisationssekretärin tönt eigentlich anders als Organisationssekretär, weil das Wort Sekretärin ein bestimmtes Bild schafft. Musst du also zeigen, dass du – obwohl eindeutig eine Frau – die männliche Bedeutung des Worts erfüllen willst?

Für mich gibt es den Unterschied nicht; die andere Endung hat für mich keine andere Bedeutung. Ich glaube nicht, dass ich die Arbeit eines Sekretärs machen muss. Die Bezeichnung scheint mir ohnehin etwas eigenartig. Es kommt vielmehr auf den Inhalt der Arbeit an. Bis jetzt hatte ich nie das Gefühl bekommen, es wäre angenehmer, in meiner Funktion ein Mann zu sein.

Hattest du diese Befürchtung?

Ja, schon ein wenig, gerade weil ich die erste Frau bin, die diese Arbeit macht. Ich hatte Bedenken, dass der Umgang mit mir anders ist, dass ich stärker auf mich aufmerksam machen und zeigen muss, dass ich als Frau in dieser Position voll da bin. Dass ein Mann vielleicht anders dasteht und etwas mehr Respekt bekommt. Aber das war gar nicht der Fall. Bisher habe ich überhaupt kein Problem als Frau auf dieser Stelle.

Eigentlich bist du die Stabschefin des SEV. Damit hast du eindeutig nicht nur eine assistierende sondern auch eine lenkende Aufgabe. Lenkst du schon?

Ein wenig, ja. Aber das muss ich lernen, da ich bisher tatsächlich Assistentin war. Es gibt immer wieder Gelegenheiten, wo ich das mache, indem ich in Sitzungen und Besprechungen meine Meinung einbringe. Das macht die Aufgabe spannend.

War das ein Grund für die Bewerbung?

Es war sicher nicht der Hauptgrund. Mich hat die Stelle in den letzten Jahren immer mehr interessiert, in denen ich intensiv mit meinem Vorgänger Rolf Rubin zusammengearbeitet habe. Dann wurde ich 40 und hatte das Gefühl: Jetzt muss ich noch etwas anderes machen. Es ging mir darum, eine neue Herausforderung anzupacken.

Eine deiner ersten grossen Aufgaben war die Mobilisierung für die Demo vom 7. März. Der SEV machte dort nicht sehr gute Erfahrungen; was müsste er daraus lernen?

Wir werden grundsätzlich neu diskutieren müssen, wie wir an solche Kundgebungen herangehen. Wir müssen uns bewusst sein, dass die Einstellung der Leute zu solchen Anlässen geändert hat, dass das Wort Solidarität allein nicht mehr so stark ist wie vor einigen Jahrzehnten. Es ist sehr schwierig, die Leute zu mobilisieren. Bei einer nächsten Kundgebung werden wir sicher anders vorgehen müssen.

Jetzt stehst du vor deinem ersten Kongress. Was erwartest du davon?

Ich freue mich ausserordentlich auf den Kongress! Es ist ein eintägiger Kongress, der sehr intensiv wird. Wir haben viele Anträge erhalten – das wird spannend. Das ist tatsächlich eine der Herausforderungen, die ich gesucht habe. Ich merke jetzt, wie gross sie ist. Vielleicht erwarte ich etwas zu viel und werde dann enttäuscht, aber ich freue mich wirklich enorm darauf.

Wo möchtest du im SEV Spuren hinterlassen?

Das kann ich noch nicht beantworten; ich bin ja noch mitten in der Einarbeitung. Mit der Zeit wird sich sicher einiges verändern lassen. Im SEV gibt es sehr viele Traditionen in der Art, wie man die Dinge angeht; grundlegend wurde wenig geändert. Vielleicht gibt es da plötzlich Möglichkeiten, die ich dann gerne ergreifen werde. Aber jetzt ist es für mich noch zu früh, ich möchte alles zuerst einmal erlebt und gemacht haben.

Du bist also auch nicht mit der Absicht gekommen, etwas Bestimmtes gleich anders zu machen?

Nein, mein Vorgänger hat schon vieles bewegt, auch aufgrund der neuen Strukturen im SEV. Ich hatte also nicht das Gefühl, sofort Grundlegendes ändern zu müssen, aber mit der Zeit wird sich sicher einiges ergeben.

Wo siehst du denn den SEV in fünf, zehn Jahren?

Eine schwierige Frage. Selbstverständlich hoffe ich, dass der SEV weiterhin genug Mitglieder hat, um Stärke zu zeigen. Aber ich glaube durchaus, dass er anders aussehen wird. In der Zusammenarbeit mit anderen Gewerkschaften wird einiges gehen, was das Bild verändert. Ich zweifle aber nicht daran, dass der SEV weiterhin besteht und stark ist.

Interview: Peter Moor

Alter 41

Familie Lebt mit Partner zusammen

Werdegang Wirtschaftsmittelschule und Berufsmatur, verschiedene Stellen als Sekretärin, dann zum SEV als Assistentin von Hans Bieri und Philipp Hadorn in den Bereichen Mitgliederwerbung und Gata; ab 2006 Assistentin von Giorgio Tuti, seit 2014 Organisationssekretärin

Freizeit Arbeiten im und ums Haus mit grossem Garten, viel lesen, gut kochen und essen, reisen

Kommentar schreiben