Wir schreiben Geschichte(n)

Im Februar haben die Sektionskonferenzen der Deutschschweiz in St. Gallen, Bern und Zürich stattgefunden. Vertreter:innen von mehreren Dutzend Sektionen haben sich zu einem lebhaften Austausch getroffen und sich untereinander vernetzt.
Sektionskonferenz Zürich
Treffpunkt Montag, 16. Januar 2026, 11.45 Uhr, unterhalb des Perron 18 im Hauptbahnhof Zürich. Rund zwei Dutzend Teilnehmer:innen der Sektionskonferenz Zürich treffen sich für eine Führung durch den HB. Zuerst erzählen die beiden Kollegen, die die Gruppe anschliessend durch das Bauwerk führen, die Geschichte des ältesten Bahnhofs der Schweiz. Die erste Zugbverbindung der Schweiz, auch bekannt als «Spanisch Brötli-Bahn»(S.B.B.), begann 1847 in Zürich ihre Reise nach Baden.
Früher lag der geschichtsträchtige Bahnhof auf einem freien Feld am Stadtrand. Erst später rückte er ins Zentrum. Das geschah nicht durch einen Umzug, sondern dadurch, dass die Stadt um den Bahnhof herum wuchs. Der Bahnhof war für die Zürcher Stadtentwicklung prägend.

Während rund zwei Stunden erhalten die Teilnehmer:innen der Bahnhofsführung Einblicke, die auch für viele anwesende Bähnler:innen neu und ungewohnt sind. Zum Beispiel befindet man sich plötzlich in einem Zwischengeschoss mit Lüftungsrohren, durch das man nur gebückt wandeln kann, weil man hier Platz sparen musste. Beeindruckend ist die Logistik, die den Betrieb des grössten Bahnhofs der Schweiz mit rund einer halben Million Pendler:innen pro Tag am Laufen hält.
2026 wird kein Zuckerschlecken
Nach der Bahnhofsführung treffen sich die Vertreter:innen der Sektionen in der Alten Kaserne zum Hauptteil der Zürcher Sektionskonferenz. SEV-Präsident Matthias Hartwich und Vizepräsidentin Barbara Keller geben einen Überblick über das, was den SEV 2026 beschäftigen wird.
«Das Jahr 2026 wird kein Zuckerschlecken», betont Matthias Hartwich und erklärt, wie der SEV mit kommenden Herausforderungen umgehen will: «Zwei Schienen machen ein Gleis. Und wir als SEV können uns vorstellen, wir seien eine Bahn, die auf einem guten Gleis fahren will: Da brauchen wir zwei Schienen. Die eine: Sozialpartnerschaft, GAV, zuverlässiger und überzeugender Gesprächspartner für Unternehmen und Politik. Die andere Schiene: Wir müssen auch in der Lage sein, den Respekt, den es für eine gute und stabile Sozialpartnerschaft braucht, zu erwerben, zu erzwingen, dazu braucht man manchmal Kampagnen und Aktionen.»

Matthias Hartwich spricht über die Bilateralen III der Schweiz mit der EU, die den SEV in der nächsten Zeit beschäftigen wird. Der SEV konnte bei den Verhandlungen dank guter Arbeit in Hintergrund sehr viel herausholen. Trotz Öffnung wird das Prinzip «Schweizer Löhne auf Schweizer Schienen» aufrecht erhalten. Auch Taktfahrplan, Tarife und Trassen bleiben unangetastet.
Verhandlungen mit Unternehmen werden schwieriger
Auch Barbara Keller betont, wie wichtig ein starker SEV ist: «Der Ton bei den Verhandlungen mit den Unternehmen ist harter geworden. Deshalb müssen wir geeint und selbstbewusst auftreten.»
Ein Thema, das den SEV gleich auf mehreren Ebenen beschäftigen wird, ist die Zukunft des Güterverkehrs auf der Schiene. Hier gilt es sowohl bei der SBB als auch bei privaten Transportunternehmungen den Abbau zu stoppen. Für Lokführer:innen im Güterverkehr, die nicht bei SBB Cargo arbeiten, veranstaltet der SEV am 20. Mai eine spezielle Tagung. Auch auf europäischer Ebene will man gemeinsam mit der Europäischen Transportarbeiter:innen Föderation ETF gegen den schleichenden Abbau kämpfen und für die Fortsetzung der Verlagerung von der Strasse auf die Schiene kämpfen.
Gewerkschaftsgeschichte
Sibylle Lustenberger, Gewerkschaftssekretärin Gleichstellung und Bildung, hält gemeinsam mit Matthias Hartwich einen Input-Vortrag zur Geschichte der Gewerkschaftsbewegung. Das Personal des öffentlichen Verkehrs organisierte sich bereits vor über hundert Jahren. Im Kampf für mehr Rechte der Arbeitnehmer:innen in der Schweiz spielte es eine wichtige Rolle. Die Eisenbahner waren 1918 aktiv am Landesstreik beteiligt. Die Folgen des Streiks waren viele soziale Verbesserungen.
Dass dieser gewerkschaftliche Kampf heute genau so wichtig ist wie vor hundert Jahren zeigen die Berichte aus den Sektionen, die am Schluss der Sektionskonferenz präsentiert werden. Die Sicherheit des Personals bleibt ein wichtiges Anliegen. Immer noch kämpfen Kolleg:innen in allen Bereichen fast täglich mit aggressiven Situationen. «Die Politik muss etwas unternehmen. Wir fühlen uns manchmal alleine gelassen», sagt ein Kollege. Der SEV wird auch 2026 die Kampagne «Stopp Gewalt! Mehr Respekt für das Personal» weiterverfolgen und Druck auf Politik und Unternehmen machen.

Verschiedene Teilnehmer:innen berichten über andere Themen, die für ihre Sektionsmitglieder belastend sind. Beispielsweise wurden bei den Zugerland Verkehrsbetrieben die Billettautomaten abgeschafft. Das sorgt zuweilen für Frustration bei den Reisenden, die diesen Frust wiederum beim Fahrpersonal abladen. Beim Lokpersonal der SBB sorgt das Einsatzkonzept 2.0 für viel Unmut.
Es gibt aber auch Lichtblicke: In vielen Sektionen engagieren sich neuerdings wieder vermehrt jüngere Mitglieder. Die bewegte Geschichte des SEV geht weiter und hat Zukunft.
Michael Spahr

Sektionskonferenz Bern
An der Sektionskonferenz in Bern wurde intensiv über die gewerkschaftliche Geschichte und die zukünftigen Herausforderungen diskutiert. Der historische Input von Sibylle Lustenberger und Matthias Hartwich zeigte deutlich, dass drei Bereiche untrennbar miteinander verbunden sind: Mitglieder, Kampagnen und Sozialpartnerschaft. Alle Sektionen sind sich einig, dass diese Elemente sich gegenseitig bedingen und gemeinsam die Grundlage einer starken, zukunftsfähige Gewerkschaft bilden.
Ein Blick auf die Sektionen zeigt sowohl Tradition als auch Innovation: Der PV Olten feiert sein 125-jähriges Jubiläum und beweist damit langjährige gewerkschaftliche Solidarität. Gleichzeitig beschreitet der PV Biel mit seinem Co-Präsidium neue Wege. Dieses Modell wird als grosser Gewinn beschrieben, da es Verantwortung verteilt und unterschiedliche Perspektiven erlaubt. Für Sektionen mit Schwierigkeiten in der Nachfolgeplanung könnte es richtungsweisend sein.

Deutlich wurde auch, dass viele PV-Sektionen mit demselben Problem konfrontiert sind: Mitglieder treten bei der Pensionierung aus dem SEV aus, da sie den Nutzen der Mitgliedschaft nicht mehr erkennen. Der SEV setzt sich aber auch für die Pensionierten ein, kämpft für mehr Kaufkraft, für Fahrvergünstigungen (FVP) und für umfassenden Rechtsschutz. Während die Aktiven das Rentensystem stützen, sichern die Pensionierten durch ihre Treue die Solidarität. Gewerkschaft bedeutet gemeinsames Einstehen füreinander – generationenübergreifend und weit über das Arbeitsleben hinaus.
Bei den Sektionen der Aktiven gibt es auf verschiedenen Ebenen Herausforderungen, die zum Teil positiv sind, aber auch negative Tendenzen. Der Druck auf die Arbeitnehmer:innen nimmt weiterhin zu. Umso wichtiger ist die Vernetzung untereinander.
Sarah Thomas

Sektionskonferenz St. Gallen
Dass das vergangene Jahr nicht einfach war und das laufende keine Zuckerschlecken wird, darüber waren sich in St. Gallen alle Sektionen einig. Die Lohnverhandlungen gestalteten sich auch in der Ostschweiz schwierig. So musste der SEV mehrmals kräftig anpacken, um ein zufriedenstellendes Resultat zu erzielen. Die Unternehmen stehen unter Druck, Lohnanpassungen nach oben sind entsprechend schwierig durchzusetzen. Genau hier setzte der SEV-Präsident in seiner Rede an. Der SEV sei stark und könne viel bewegen – vorausgesetzt, man trete geschlossen auf. Das beweist auch die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung, die an der Sektionskonferenz thematisiert wurde.

Neben zahlreichen Themen aus den Sektionen sorgte auch das Generalabonnement für Diskussionen. Die SBS Bodensee berichtete von Passagiereinbussen, seit das GA auf gewissen Grenzlinien nicht mehr gültig ist. Ebenfalls zu reden gab die mögliche vollständige Digitalisierung des Swisspasses. Nach Einschätzung anwesender Kundenbegleiter bestehe bei vielen Kund:innen ein grosses Bedürfnis, diesen weiterhin physisch zu besitzen.
Insgesamt bot die Sektionskonferenz in St. Gallen einen engagierten Austausch. Dabei wurde einmal mehr deutlich, wie wichtig die Arbeit des SEV ist – und wie entscheidend es ist, ihn klar als Vertreter des Personals zu positionieren.
Gerade weil einzelne Transportunternehmen unterschiedliche Auffassungen darüber haben, wie sie den SEV als Verhandlungspartner akzeptieren, ist eine geschlossene Haltung zentral. Oder, wie Matthias Hartwich es auf den Punkt brachte: «Gemeinsam sind wir stark!»
Renato Barnetta