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1. Mai: Genug Geld für einen starken ÖV!

Seit 1890 ist der 1. Mai der internationale Tag der Arbeit und somit der wichtigste Feiertag der Gewerkschaftsbewegung. Der SEV wird in vielen Orten unterwegs sein, an Kundgebungen teilnehmen und mit Redner:innen präsent sein. Ein Interview zum 1. Mai mit SEV-Präsident Matthias Hartwich.

SEV-Präsident Matthias Hartwich sprach letztes Jahr am 1. Mai in Chur. Dieses Jahr wird er in Olten am Tag der Arbeit sprechen.

Matthias Hartwich, ist dieser 1. Mai 2026 anders als in anderen Jahren?

Jeder 1. Mai ist ein bisschen anders, weil sich die Herausforderungen verändern. Dieses Jahr ist aber besonders, weil wir mitten in der Diskussion um die sogenannte Chaos-Initiative stehen. Viele Kolleginnen und Kollegen sehen nicht auf den ersten Blick, was diese Initiative denn mit Gewerkschaften zu tun haben soll. Aber gewerkschaftspolitisch betrifft sie uns ganz direkt. Gleichzeitig dürfen wir unsere traditionellen Themen nicht vernachlässigen: Der Achtstundentag, die Verbesserung der Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Das fordern wir unverändert, seit 136 Jahren, seit wir am 1. Mai den Tag der Arbeit feiern.

Die Chaos-Initiative will die Schweiz auf 10 Millionen Einwohner:innen deckeln. Die SVP nennt sie «Nachhaltigkeits-Initiative» und behauptet, damit werde die Schweiz umweltfreundlicher, die Mieten tiefer und es gebe mehr Jobs für alle. Warum sind die Gewerkschaften gegen diese Initiative?

Die Initiative ist alles andere als nachhaltig. Die Initianten sagen nicht, worum es ihnen wirklich geht: Es geht ihnen nicht darum, Schweizer Löhne oder Beschäftigte hier zu schützen. Im Gegenteil: Die Initiative würde den Lohnschutz und zentrale Elemente der Bilateralen schleifen. Vereinfachte Allgemeinverbindlicherklärungen der Gesamtarbeitsverträge, flankierende Massnahmen, Kontrollen – all das steht auf dem Spiel. Die Initiative ist ein riesiger Schwindel und würde die wirtschaftliche Stabilität und damit auch unseren öffentlichen Verkehr massiv gefährden. Und noch etwas: Würde die Personenfreizügigkeit fallen, würde auch Schengen fallen. Das Gegenteil von dem, was versprochen wird, wäre die Folge.

Nicht nur die Chaos-Initiative bedroht die Arbeitsbedingungen des Verkehrspersonals, sondern auch die Politik, die überall sparen will - auch beim öffentlichen Verkehr. Es gibt aber auch politische Vorstösse, die den ÖV fördern wollen. Die Gruppe «Agissons» will eine Initiative lancieren, die den ÖV schweizweit gratis machen will. Das klingt auf den ersten Blick gut, oder?

Ja, wie Vieles, das auf den ersten Blick gut und sozial klingt. Aber kostenlos ist der ÖV nie. Die Kosten bleiben, die Frage ist nur: Wer zahlt? Heute tragen Kundinnen und Kunden rund die Hälfte. Der Rest sind Beihilfen und Eigenleistungen der Unternehmen. Wenn man den Anteil, den die Kund:innen zahlen, streicht, muss zuerst klar sein, wie diese Summe kompensiert werden soll. Sonst drohen schlechtere Angebote, sinkende Löhne und eine grundsätzliche Gefährdung des ÖV, wie wir es auch bei unseren Nachbarn im Norden mit dem Deutschland-Ticket sehen. Wir wollen einen besseren ÖV, nicht einen unterfinanzierten. Service public ist ein Grundrecht – aber eines, das auch finanziert werden muss. Gratis-ÖV ist nur gut, wenn die Kostenfrage vorher geklärt ist und die Arbeitsbedingungen des Personals nachhaltig geschützt werden können.

Es braucht also weiterhin eine starke finanzielle Förderung des ÖV. Im Moment scheint es eher, dass das Gegenteil passiert. Gerade hat das Parlament die Förderung von Nachtzügen gestrichen. Ein Rückschlag?

Nachtzüge sind eine schöne Sache, ich fahre selbst gern damit. Aber sie sind kaum kostendeckend zu betreiben. Wenn man sie politisch will, muss man bereit sein, Geld dafür einzusetzen. Was wir nicht zulassen, ist, dass Nachtzüge über Lohn- und Sozialdumping finanziert werden. Die Frage muss immer sein: Gibt es Nachfrage? Was ist jemand bereit zu bezahlen? Und was zahlt die Allgemeinheit zusätzlich? Ohne Antworten darauf bleiben Nachtzüge ein Verlustgeschäft und drohen zum teuren Nischenprodukt zu werden.

Die Verlagerung stockt - unter anderem auch weil Verkehr, der mit fossiler Energie angetrieben wird, nach wie vor direkt oder indirekt gefördert wird. Im Moment droht eine Öl-Krise. Ist das eine Chance für den ÖV?

Eigentlich wäre es eine Chance. Unsere Kolleginnen und Kollegen stehen auf der richtigen Seite der Geschichte: Der ÖV ist nachhaltig, ressourcenschonend und braucht wenig fossile Energieträger. Doch der Öl-Preis ist nicht der einzige Faktor, der zu einem Umdenken führt. In ganz Europa gibt es immer noch viele Anreize, die den Strassenverkehr gegenüber der Schiene attraktiv machen. Die Strasseninfrastruktur wird immer noch stark subventioniert. Das Lastwagenpersonal wird aufs übelste ausgebeutet und viele europäischen Regierungen schauen einfach zu. So kann die Schiene gar nicht fair konkurrieren. Deshalb braucht es dringend mehr Unterstützung für die Schiene - sowohl beim Personen- als auch beim Güterverkehr.

Es gibt also weiterhin viele Gründe, warum wir am 1. Mai auf die Strasse müssen.

Ja, die Grundforderungen gelten weiterhin: Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit, acht Stunden Ruhe. Wir wollen den ÖV und den Service public schützen, gute Arbeitsbedingungen und Sicherheit für Personal und Reisende. Wir brauchen eine echte Verkehrswende – mehr kollektiver Verkehr, weniger geförderter Individualverkehr. Und wir brauchen Stabilität, nicht Chaos. Der 1. Mai ist kein Folkloretag, sondern ein Tag der Solidarität aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – und das weltweit.

Michael Spahr

Alle Infos zum 1. Mai 2026: 1. Mai: Jobs und Löhne verteidigen