Matthias Hartwich trifft Hanny Weissmüller
«Wir brauchen Verbesserungen!»

Hanny Weissmüller ist seit 2021 Zentralpräsidentin des Lokpersonalverbands LPV. Sie hat 2025 das Vizepräsidium des SEV-Vorstands übernommen. Hauptberuflich ist sie Lokführerin bei der SBB. SEV-Präsident Matthias Hartwich hat sie für ein Gespräch getroffen und diskutiert mit ihr über die Herausforderungen, die den SEV 2026 bewegen werden.
Matthias Hartwich: Du bist als Lokführerin und Präsidentin des LPV sowie als Vizepräsidentin im SEV-Vorstand eine zentrale Stimme für das Lokpersonal. Wie erlebst du die aktuelle Lage im Bahnsektor?
Hanny Weissmüller: Die Situation ist herausfordernd. Das Lokpersonal steht unter grossem Druck, die Arbeitsbedingungen sind oft grenzwertig. Viele Kolleginnen und Kollegen fühlen sich allein gelassen, gerade wenn es um Überstunden und kurzfristige Dienstplanänderungen geht.
Das hören wir leider auch aus anderen Bereichen; der Druck steigt offenbar. Was sind aus deiner Sicht die dringendsten gewerkschaftlichen Aufgaben zu diesem Thema?
Wir müssen die Arbeitsbedingungen verbessern und mehr Personal gewinnen. Es reicht nicht, nur neue Leute auszubilden – wir müssen auch die erfahrenen Kolleginnen und Kollegen halten. Dazu gehören faire Dienstpläne, verlässliche Pausen und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.
Die SEV setzt sich ja schon seit Jahren dafür ein. Wie reagieren die Mitglieder auf unsere Forderungen bei der SBB?
Viele sind dankbar, dass wir Druck machen, aber die Geduld mit dem Unternehmen ist am Ende. Die Leute wollen keine Versprechen, sondern konkrete Verbesserungen. Wenn sich nichts bewegt, müssen wir über weitere Schritte nachdenken.
Ein Thema, das uns alle betrifft, ist Europa. Du bist oft auf europäischer Ebene aktiv als Mitglied des Leitungsausschusses Lokpersonal in der europäischen Transportarbeiterföderation ETF. Warum ist das für das Schweizer Lokpersonal wichtig, was in Europa passiert?
Was in Europa beschlossen wird, betrifft uns ganz direkt. Die Vorschriften, die früher nur in der Schweiz galten, verschwinden zunehmend. Es gibt jetzt europäische Richtlinien, die wir umsetzen müssen. Und wenn wir dort nicht mitreden, werden Entscheidungen über unsere Köpfe hinweg getroffen. Deshalb ist es entscheidend, dass wir als Schweizer Lokpersonal auf europäischer Ebene aktiv sind und unser Modell verteidigen. Ausserdem gibt es auch wichtige europäische Projekte wie «Women in Rail», wo wir uns aktiv beteiligen und mithelfen, dafür zu sorgen, dass sie umgesetzt werden.
Manche Kolleginnen und Kollegen sind skeptisch gegenüber Europa. Was entgegnest du denen?
Wir müssen mit Europa reden, egal ob Verträge kommen oder nicht. Nur so können wir die Bedingungen für das Lokpersonal und alle Beschäftigten im öffentlichen Verkehr sichern. Unser Ziel ist, Schweizer Lohn auf Schweizer Schiene durchzusetzen. Wir sind auf europäischer Ebene ein Vorzeigemodell – das müssen wir schützen.
Neben der Europa-Frage gibt es weitere Herausforderungen: Gewalt gegen das Personal, Gesamtarbeitsverträge, Mitgliedergewinnung. Wo siehst du die wichtigsten Aufgaben für den SEV im kommenden Jahr?
Wir müssen gegen Gewalt am Arbeitsplatz vorgehen und die Gesamtarbeitsverträge stärken. Es geht nicht mehr nur darum, Verschlechterungen abzuwehren, sondern endlich wieder Verbesserungen zu erreichen. Ausserdem müssen wir kampagnenfähiger werden und Mitglieder gewinnen, um eine starke Stimme zu bleiben.
Die Digitalisierung verändert die Berufsbilder, der Fachkräftemangel ist spürbar. Was bedeutet das für die Zukunft für uns als SEV?
Die Berufe verändern sich massiv, vom Lokpersonal bis zum Rangierdienst. Digitalisierung und Automatisierung bringen neue Herausforderungen. Gleichzeitig gibt es einen Fachkräftemangel – eigentlich müssten die Bedingungen verbessert werden, damit mehr Menschen kommen. Doch oft fehlt der politische Wille, und es wird an der Sicherheit und am Personal gespart.
John F. Kennedy hat mal gesagt: «Frag nicht, was dein Land für dich tun kann. Frag, was du für dein Land tun kannst». Das könnte man gewerkschaftlich übersetzen in «Guck doch, was du brauchst und dann guck, was du dazu beitragen kannst.» Was genau kann das Personal im öV tun?
Sich organisieren und Mitglied des SEV werden! Ein hoher Organisationsgrad ist entscheidend, um unsere Stärke gegenüber den Unternehmen zu zeigen. Es geht nicht nur darum, was mir persönlich nützt, sondern was uns allen hilft. Wenn wir gemeinsam auftreten, können wir viel erreichen.
Aufgezeichnet von Michael Spahr
2026 wird kein Zuckerschlecken
Jahresausblick von Matthias Hartwich, Präsident SEV
Im Jahr 2025 haben wir gemeinsam im SEV viel geleistet und eine Menge erreicht. Höhepunkte waren unser Kongress im Juni und unsere Kampagne für mehr Respekt und gegen Gewalt gegenüber dem Personal im öffentlichen Verkehr. Dazu haben wir mit dem schweizweiten Aktionstag im September und dem «Tag der Charta» am 25. November starke Signale gesetzt. Wir haben intensive Auseinandersetzungen um die Zukunft des Schienengüterverkehrs in der Schweiz geführt, zudem GAV-Verhandlungen bei vielen Unternehmen, aber auch anspruchsvolle BAR-Verhandlungen bei der SBB und schliesslich um die 70 Lohnverhandlungen bei «unseren» Unternehmen des öV.
2026 wird auch kein Zuckerschlecken. Es wird wieder eine Reihe von GAV-Verhandlungen geben, und der Kampf um die Zukunft des Güterverkehrs auf der Schiene geht weiter, in der Schweiz, aber auch in Europa: Dort haben wir eine gemeinsame Kampagne mit unserer europäischen Dachorganisation, der ETF, angestossen. Insgesamt wird die Diskussion um Europa auch 2026 nicht abreissen: Abstimmung über die Chaos-Initiative im Juni, Zukunft des bilateralen Wegs, Öffnung des internationalen Schienenpersonenfernverkehrs; hier müssen wir wachsam sein und bleiben.
Gleichzeitig führen wir unsere Kampagne für mehr Respekt gegenüber dem Personal fort. Am 3. September wird wieder ein schweizweiter Aktionstag stattfinden. Wir werden natürlich auch viel vor Ort bei euch in den Werkstätten, in den Depots, an den Arbeitsplätzen sein, nicht nur, aber auch zur Mitgliedergewinnung, die eines unserer Kernanliegen ist.
Ein weiterer wichtiger Meilenstein im neuen Jahr ist die erste grosse Delegiertenversammlung des SEV, die neu in kongresslosen Jahren durchgeführt wird: Wir treffen uns am 11. Juni in Lausanne, um eine erste Zwischenbilanz nach dem Kongress vom vergangenen Jahr zu ziehen und die Weichen für die weitere Arbeit zu stellen. Themen sind und bleiben neben den Lohn- und GAV-Verhandlungen natürlich der Schutz der Arbeitsplätze, die Sicherung des regionalen Personenverkehrs, dessen ausreichende Finanzierung und die Stärkung des SEV.
Uns wird nichts geschenkt. Dafür brauchen wir das Engagement aller Mitglieder: Frag nicht nur, was deine Gewerkschaft für dich tun kann, frag auch, was du für deine Kolleginnen und Kollegen tun kannst – denn Solidarität fällt immer auf uns selbst zurück.