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Vor 100 Jahren

Die Eisenbahner spielten beim Landesstreik eine wichtige Rolle

Friedliches Miteinander von Soldaten und Eisenbahnern bei einer Gleisblockade in Grenchen am 13. November 1918.

Am Generalstreik vom 12. bis 14. November 1918 nahmen 250'000 Personen teil, ein Viertel der Lohnabhängigen. Bei der Lahmlegung des Landes spielten die Eisenbahner eine wichtige Rolle. Auch die Tramangestellten und die Arbeiter/innen der Metall-, Maschinen- und Uhrenindustrie engagierten sich stark. Der Historiker Adrian Zimmermann analysiert das Ereignis, das für die Geschichte und die Gewerkschaftsbewegung der Schweiz sehr wichtig war.

Wie kam es zum Generalstreik?

Adrian Zimmermann: Es gibt tieferliegende wirtschaftliche und soziale Gründe im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg und dessen Auswirkungen auf die Schweiz. In den vier Kriegsjahren gab es eine Inflation: Die Preise der Güter des täglichen Bedarfs (Nahrungsmittel, Energie) stiegen um mehr als 100 Prozent. Dies führte zu Bewegungen bei den Angestellten des Bundes und der konzessionierten Transportunternehmen für einen Teuerungsausgleich in Form von Zulagen und Lohnerhöhungen. Zwischen 1917 und 1919 erlebte die Schweiz die zweitgrösste Streikwelle ihrer Geschichte. Betroffen waren auch private Verkehrsunternehmen.

Gab es weitere Gründe?

Ausgelöst wurde der Generalstreik durch die militärische Besetzung von Bern und Zürich am 7. November, die die Arbeiter provozierte und am 9. November zuerst zu einem Proteststreik führte. In Zürich ging der Streik an den beiden folgenden Tagen weiter, auch bei den Zürcher Eisenbahnern. Weil sich der Bundesrat weigerte, die Besetzung zu beenden, rief das Oltener Komitee am 10. November zum Generalstreik ab dem 12. November auf. Zuerst kamen die Truppen und dann der Streik, und nicht umgekehrt.

Das internationale Umfeld war aber auch aussergewöhnlich?

Allerdings geht am 11. November der Krieg zu Ende. In Deutschland und Österreich-Ungarn hat die Revolution schon Ende Oktober mit Meutereien von Matrosen und Soldaten begonnen. In den Tagen des Generalstreiks brechen in den beiden Nachbarländern die Monarchien zusammen. In Berlin wird am 9. November die Republik ausgerufen, in Wien am 12. November. In der Romandie ist die Presse mehr Frankreich zugewandt und feiert den Waffenstillstand. Trotzdem wird der Generalstreik auch in der Westschweiz stark befolgt, diese Unterstützung in der Romandie haben die Historiker lange unterschätzt. In Lausanne ist aber die Ankunft des Berners August Huggler, Sekretär des Zugpersonalverbandes ZPV, entscheidend für den Erfolg des Streiks. Er hat 1902 am Generalstreik in Genf teilgenommen und konnte die Kollegen mitreissen.

Welche Rolle spielten die Eisenbahner bei diesem Streik?

Für die Sichtbarkeit des Streiks war die Teilnahme der Eisenbahner entscheidend. Dass der Streik bis in die hintersten Dörfer spürbar war, hatte damit zu tun, dass während drei Tagen fast keine Züge mehr fuhren. Organisatorisch war der Streik ein Erfolg. Für General Ulrich Wille, der 100000 Soldaten mobilisierte, war es symbolisch sehr wichtig, dass einige Züge dank Streikbrechern trotzdem fuhren. Deshalb gibt es Fotos von Barrikaden auf Bahngeleisen, mit denen die noch fahrenden Züge gestoppt werden sollten. Zum Beispiel zeigt ein ziemlich bekanntes Bild aus Biel eine Menschenmenge, die Gleise blockiert. Das hätte am letzten Streiktag eskalieren können. Soldaten schossen auf die Menge, ohne dass es Tote gab, und wurden von Eisenbahnern entwaffnet.

Hingen der Generalstreik und die Gründung des SEV einige Monate später zusammen?

Die Entwicklung hin zu einer einheitlicheren Organisation zeichnete sich nicht nur während der drei Generalstreiktage ab, sondern in einer allgemeineren Bewegung, die beschleunigend wirkte. Die Eisenbahner schliessen sich dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) an, obwohl es dagegen auch Widerstand gibt. Das Prestige von Emil Düby, der den Generalstreik mit organisiert hat und erster Generalsekretär des SEV wird, spielt auch eine Rolle.

Am Anfang der Bewegung, die zum Streik führt, steht die Gründung des Oltener Aktionskomitees am 4. Februar 1918. Dieses umfasst die Spitzen der wichtigsten Gewerkschaften – darunter auch jene der Eisenbahner – und die Leitung der sozialdemokratischen Partei. Im April schliessen sich das Bundespersonal und die Eisenbahner der Bewegung gegen die 25-prozentige Erhöhung des Milchpreises an. Im Juli gibt es eine Bewegung für zusätzliche Zulagen für den Teuerungsausgleich. Das Oltener Komitee droht beide Male mit einem Generalstreik, und die Eisenbahner erklären sich ausdrücklich solidarisch mit den Staatsangestellten.

Gibt das Engagement der Eisenbahner der Rechten zu denken?

In der Tat. Der Bauernführer Ernst Laur schlägt dem Bundesrat in der Folge vor, mehr Armeelastwagen zu beschaffen als Ersatz für die Bahn. Die Bürgerwehren, also die paramilitärischen Verbände, die damals entstehen, rekrutieren auch Personen, die Züge führen können. Das Beamtengesetz von 1927 bringt einerseits grosse soziale Fortschritte, enthält aber auch ein Streikverbot. Das ist klar eine späte Reaktion der Behörden auf die Rolle der Eisenbahner beim Generalstreik.

Wie wurden die streikenden Eisenbahner sanktioniert?

Während dem Streik unterstellt der Bundesrat die Eisenbahner dem Militärrecht. Damit kommt Arbeitsverweigerung einer Befehlsverweigerung gleich. Die Militärjustiz eröffnet Verfahren gegen 3504 Personen, klagt 223 an und verurteilt 127, darunter rund 100 Eisenbahner, zu Freiheitsstrafen von insgesamt 10,5 Jahren und zu Bussen, um ein Exempel zu statuieren. Dazu kommt eine grosse Zahl interner Disziplinarverfahren bei der SBB. Freigesprochen werden hingegen die gewerkschaftlichen Streikführer – darunter Emil Düby und Harald Woker, Anwalt und künftiger Präsident des SEV – beim grossen Prozess gegen einen Teil der Mitglieder des Oltener Komitees und dessen Unterstützer. Nur die vier sozialdemokratischen Streikführer Robert Grimm, Friedrich Schneider, Fritz Platten und Ernst Nobs werden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Jedoch sind bei diesem Prozess, der vom 12. März bis zum 9. April 1919 stattfindet, die Angeklagten die Gewinner, da sie die Anklagen ins Lächerliche ziehen können.

Wie sahen die Eisenbahner den Streik im Nachhinein?

Ihr Verhältnis zum Streik hat sich mit der Zeit verändert. Im Gegensatz zu den Jahren vor 1918 war die Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg durch Kompromisse zwischen der Arbeiterbewegung und dem Bürgertum geprägt. Ernst Nobs, der 1918 den Abbruch des Generalstreiks scharf kritisierte, wurde 1943 erster sozialdemokratischer Bundesrat. In den beiden Jahrzehnten nach 1945 galt der Generalstreik als Ereignis einer vergangenen Epoche und wurde in gewerkschaftlichen Verlautbarungen nur selten erwähnt. Anlässlich seines 50-Jahr-Jubiläums 1968 fand er dann wieder mehr Interesse, was sich in diversen Publikationen niederschlug.

Und heute?

Mit dem Ende der Hochkonjunktur und dem Aufstieg des Neoliberalismus Ende der 1980er-Jahre änderte der Blick auf den Streik erneut. Seit den 90er-Jahren wird bei den Eisenbahnern wieder ernsthaft über den Streik als Mittel diskutiert. In den letzten Jahren hat der SEV mehrere Streiks erlebt (Officine, Genfer Verkehrsbetriebe, Lago Maggiore). Der Streik gehört also wieder voll und ganz zu den gewerkschaftlichen Mitteln des SEV. Das Fest der Gewerkschaften zum 100-Jahr-Jubiläum des Generalsstreiks am 10. November in Olten gibt auch Anlass, über die Gegenwart nachzudenken.

Nachdem die Arbeitszeit erst 1914 gesetzlich auf 59 Stunden pro Woche begrenzt worden war, brachte dank dem Generalstreik das Fabrikgesetz vom Juni 1919 die 48-Stundenwoche. Heute drohen mit der Digitalisierung wieder Verschlechterungen – und damit neue Arbeitskämpfe …

BIO

Adrian Zimmermann ist Historiker. Sein Spezialgebiet sind die Arbeitsbeziehungen und Sozialbewegungen. Er hat die SEV-Geschichte von 1970 bis 2010 geschrieben. Im November publiziert er mit Jean-Claude Rennwald das Buch «La Grève générale de 1918 en Suisse», Ed. Alphil, ISBN 978-2-88950-015-4.

Chronologie des Generalstreiks 1918

7. November: Der Bundesrat lässt Zürich und Bern militärisch besetzen.
9. November: Proteststreik.
10. November: In Zürich setzt die Arbeiterunion den Streik fort. Zusammenstösse von Demonstranten und Soldaten. Das Oltener Aktionskomitee ruft zum Generalstreik ab 12. November auf.
12. November: Der Generalstreik beginnt. Das Land ist lahmgelegt.
13. November: Ultimatum des Bundesrats: Die Armee könnte den Schiessbefehl erhalten.
14. November: Am Morgen akzeptiert das Oltener Komitee das Ultimatum, da es ein Blutbad befürchtet: «Die Arbeiterklasse gab vor den Bajonetten nach, ist aber nicht besiegt.» Die Armee erschiesst drei Arbeiter in Grenchen.
15. November: Rückkehr zur Arbeit.

Die neun Forderungen des Oltener Aktionskomitees

1. Sofortige Neuwahl des Nationalrates auf Grundlage des Proporzes: Erste Proporzwahl 1919 (statt 1920).
2. Aktives und passives Frauenwahlrecht: Auf Bundesebene 1971 eingeführt und in Appenzell-Innerrhoden erst 1990 (dank einem Bundesgerichtsurteil).
3. Einführung der allgemeinen Arbeitspflicht : nicht erreicht.
4. Einführung der 48-Stundenwoche in allen öffentlichen und privaten Unternehmungen: Sie wurde mit dem Fabrikgesetz vom Juni 1919 eingeführt und 1920 im öffentlichen Verkehr.
5. Reorganisation der Armee im Sinne eines Volksheeres: nicht erreicht.
6. Sicherung der Lebensmittelversorgung im Einvernehmen mit den landwirtschaftlichen Produzenten: Ab 1938 entstand ein Staatsapparat zur Organisation der Kriegswirtschaft (Plan Wahlen, Rationierung).
7. Alters- und Invalidenversicherung: Die AHV wurde 1947 eingeführt.
8. Staatsmonopole für Import und Export: Wurden mit der Kriegswirtschaft von 1939 bis 1945 ebenfalls eingeführt.
9. Tilgung aller Staatsschulden durch die Besitzenden: nicht erreicht.

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