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Modal Split in Europa

Die Verlagerung findet nicht statt

Die Europäischen Transportarbeiter‑Föderation (ETF) hat einen Bericht der OECD und des Internationalen Transport Forums veröffentlicht. Der Bericht über die Verlagerungspolitik in Europa zeichnet ein düsteres Bild der Modalverschiebung im Güterverkehr. Aus gewerkschaftlicher Sicht ist die fehlende Verlagerung von der Strasse auf die Schiene höchst problematisch.

© ÖBB / RCG Payr

Die ambitionierten politischen Ziele des «Green Deals» der EU sind eine Verdoppelung des Schienengüterverkehrs bis 2050 und eine signifikante Erhöhung des Anteils der auf dem Wasserweg transportierten Güter. Der Bericht legt dar, dass die Modalverschiebung, also die Verlagerung vom dominierenden Strassengüterverkehr hin zu nachhaltigeren Transportformen, trotz der klaren Klimaziele des Europäischen «Green Deals» kaum vorankommt. Daten aus dem Bericht und Analysen der Europäischen Umweltagentur (EEA) belegen, dass der Anteil des kombinierten Schienen- und Wasserverkehrs im gesamten innerstaatlichen Güterverkehr in der EU von 27 % im Jahr 2012 auf lediglich 22 % im Jahr 2022 gesunken ist. Parallel dazu hat der Anteil des Strassentransports in nahezu allen EU-Mitgliedstaaten zugenommen, was darauf hindeutet, dass die notwendigen strukturellen Veränderungen im Transportsektor nicht ausreichend vorangetrieben werden. (Zum Vergleich: In der Schweiz betrug der Anteil der Güterverkehrs 2023 auf der Schiene 38 %, im alpenquerenden Verkehr sogar 72 %. Auch in der Schweiz hat der Schienenanteil gegenüber dem Strassenanteil in den letzten zwanzig Jahren nicht zugenommen.)

Falsche Anreize für die Strasse

Die ETF kritisiert, dass der Strassenverkehr weiterhin künstlich subventioniert wird. Die Branche profitiert von «Social Dumping» und unfairen Tarifpraktiken, durch die niedrige Löhne und prekäre Arbeitsbedingungen in Kauf genommen werden. Dies führt zu einer signifikanten Wettbewerbsverzerrung, da die externen Kosten – darunter Umweltbelastungen, Gesundheitsausgaben, Lärm und Infrastrukturschäden – nicht in den Preis einfliessen. Ferner verweist die ETF auf geopolitische Faktoren wie den russischen Angriffskrieg in der Ukraine, der insbesondere in den baltischen und osteuropäischen Staaten zu drastischen Einbussen im Schienengüterverkehr geführt hat. Solche externen Schocks verschärfen die bestehenden strukturellen Defizite. Umfassende staatliche Interventionen und europaweite Investitionsprogramme sind nötig, um die erforderlichen Modernisierungen in der Schieneninfrastruktur zu realisieren. Die ETF fordert konkrete Massnahmen:

  • Öffentliche Investitionen in Schienen- und öffentlichen Verkehr: Modernisierung und Ausbau der Infrastruktur des Schienenverkehrs, damit die Nutzung zugänglicher, erschwinglicher und attraktiver wird.
  • Sicherstellung fairen Wettbewerbs: Gleiche Bedingungen für die unterschiedlichen Verkehrsträger, mit fairen Preismechanismen, die tatsächliche Umwelt- und Sozialkosten des Strassenverkehrs widerspiegeln. Das Verursacherprinzip muss rigoros angewendet werden.
  • Bessere Durchsetzung der EU-Markt- und Sozialvorschriften im Strassenverkehr: Das Mobilitätspaket bietet eine der am besten formulierten Regelungen, die gleichen Zugang zu Märkten und gleiche Bedingungen für alle Arbeitnehmenden fördern. Die Durchsetzung und Kontrolle dieser Regeln müssen in der gesamten EU verstärkt werden.
  • Bekämpfung des Arbeitskräftemangels im Transportwesen: Klare Massnahmen, um den Arbeitskräftemangel im Transportwesen zu bekämpfen, beginnend mit der Anerkennung, dass es sich nicht um einen Mangel an Fähigkeiten oder Talenten handelt, sondern um einen Mangel an anständigen Arbeitsplätzen. Das bedeutet, Arbeitsplatzunsicherheit zu bekämpfen und die Bezahlung und Arbeitsbedingungen im Transportwesen zu verbessern.
  • Förderung sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit: Die Politik muss faire Löhne, Arbeitssicherheit und umweltfreundliche Lieferketten priorisieren, um sicherzustellen, dass der Übergang zu nachhaltigem Transport allen zugutekommt.
  • Nutzung von Technologie: Digitalisierung und technologische Innovation können die Logistik optimieren und die Effizienz multimodaler Transportsysteme verbessern. Fortschritte müssen durch öffentliches Interesse, fairen Wettbewerb und Nachhaltigkeitsziele eingeleitet werden.

Wandel ist notwendig

Eine nachhaltige und sozial gerechte Verkehrswende kann nur durch ein integriertes Massnahmenpaket erreicht werden kann, das ökologische, wirtschaftliche und soziale Aspekte gleichermassen berücksichtigt. Eine sinnvolle Verlagerung wäre dann nicht nur ein Gewinn für die Umwelt, sondern auch für die Menschen, die im Transportsektor arbeiten.

Michael Spahr / ETF
michael.spahr@sev-online.ch