| Aktuell / SEV Zeitung, Year of the Rail, Frauen

Online-Podium "Bahn frei für Frauen?"

Frauenförderung bei den europäischen Bahnen: das Beispiel ÖBB

Foto: EVG

"Welche Hebel gibt es, konkret am Beispiel Österreichs, um mehr Frauen in Eisenbahnverkehrsunternehmen zu gewinnen und zu halten?" lautete das Thema der Online-Podiumsdiskussion, welche die österreichische Gewerkschaft Vida zusammen mit der Arbeiterkammer Wien am 29. Juni organisierte. Auch SEV-Präsident Giorgio Tuti diskutierte mit.

Giorgio Tutis Präsenz an der österreichischen Online-Debatte über Frauenförderung bei den Bahnen erklärt sich vor allem durch seine Rolle bei den aktuell laufenden Verhandlungen zwischen der Europäischen Transportarbeiter-Föderation (ETF) und der Gemeinschaft der europäischen Bahnen und Infrastrukturgesellschaften (CER) über eine verbindliche Vereinbarung zur Förderung des Frauenanteils beim europäischen Bahnpersonal. Diese europäischen Verhandlungen unter dem Titel "Women in Rail" haben schon vor Monaten begonnen, wurden durch die Covid-Krise verzögert und stehen nun in der Abschlussphase. Als Präsident der Sektion Eisenbahn der ETF leitet Giorgio Tuti deren Verhandlungsdelegation.

Fördermassnahmen nötig

Bei den mehr als 1,5 Millionen Bahnbeschäftigten in Europa beträgt der Frauenanteil aktuell gerade mal 21 Prozent (laut Bericht "Women in Rail – 6th Annual Report" von ETF und CER von 2019). "Der Frauenanteil ist in den letzten Jahren maximal um 1,1 Prozent pro Jahr gestiegen", hielt Giorgio Tuti an der Podiumsdiskussion fest. "Bei diesem Tempo wird es noch Jahrzehnte dauern, bis Frauen adäquat im System Eisenbahn vertreten sind. Das führt uns dramatisch vor Augen, wie wichtig eine verbindliche Sozialpartnervereinbarung ist, in der sich Bahnen zu konkreten Massnahmen im Sinne der Gleichbehandlung verpflichten. Ob die Bahnen dazu auch tatsächlich bereit sind, wird sich beim Abschluss der Verhandlungen zeigen.“

Laut dem Women-in-Rail-Report 2019 hatte im Jahr 2018 Schwedens Bahn mit rund 40,0 Prozent den höchsten Frauenanteil in Europa, gefolgt von Litauen mit 37,2 Prozent und der Slowakei mit 35,8 Prozent. Die Schweiz (SBB und SBB Cargo) lag mit 17,5 Prozent hinter Frankreich (SNCF) mit 20,5 Prozent und Deutschland (DB Group) mit 24,5 Prozent, aber vor Österreich (ÖBB) mit damals 12,8 Prozent.

Frauenförderung bei den ÖBB

Aktuell haben die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) einen Frauenanteil von 13,5 Prozent. Als einer der wenigen Konzerne in Österreich verfolgen sie bereits seit Jahren eine nachhaltige Personalstrategie, wie die dafür verantwortliche Diversity-Beauftragte der ÖBB, Traude Kogoj, am Online-Podium sagte. 2011 sei zur Frauenförderung eine Gleichstellungspolicy ins Leben gerufen worden, und seither habe sich der Gesamtfrauenanteil im ÖBB-Konzern nahezu verdoppelt.

Laut Kogoj verbessern Frauen die Unternehmenskultur und das Miteinander, was auch die Männer freue. Entsprechend hätten neue HR-Prozesse und manche Standorte Potenzial zur Optimierung. "Mit dem Agreement erhoffe ich mir speziell hierzu einen unmissverständlichen Auftrag an die Bahnen! Denn die Arbeitsplätze müssen nicht nur dem modernen Stand der Technik, sondern auch den aktuellen sozialen Bedürfnissen von Frauen wie Männern entsprechen“, so Kogoj.

„Die Förderung von Frauen liegt den ÖBB sehr am Herzen", erklärte Sandra Gott-Karlbauer, Geschäftsführerin der ÖBB Technische Services GmbH in der Podiusmdiskussion. "Traditionelle Rollenbilder sollen aufgebrochen werden, um der Diversität in einem stark männlich dominierten Unternehmen mehr Raum zu geben. Wir sind seit Jahren auf einem guten Weg, aber noch nicht dort angelangt, wo wir hinmöchten. Die ÖBB sind ein Unternehmen mit langer Geschichte und Tradition, das sich nicht über Nacht schnell wandeln kann. In den letzten Jahren sind uns aber schon einige grundlegende Punkte gelungen, wie die Steigerung des Frauenanteils von über 20 Prozent in der Lehrlingsausbildung oder die Verankerung der Vielfalt in unsere Unternehmenskultur.“

Nach wie vor wenig Frauen im Betriebsdienst

Im Top-Management sind die ÖBB mit über 27 Prozent im Vergleich zum Gesamtfrauenanteil gut aufgestellt – in den Aufsichtsratsgremien sind die Frauen zu einem Drittel vertreten. In den technischen und betrieblichen Konzernbereichen hingegen sind sehr wenig Frauen beschäftigt: Im Betriebsdienst sind rund 3 Prozent Lokführerinnen und 15 Prozent Zugbegleiterinnen tätig. Mit der Diversity Charta 2023 haben die ÖBB strategische Personalziele festgelegt, die auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen und die Anhebung des Gesamtfrauenanteils im Konzern auf über 16 Prozent bis 2023 ermöglichen sollen.

„Lokführerin ist mein Traumberuf", stellte ÖBB-Triebfahrzeugführerin Waltraud Paulin klar. "Allerdings ist bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes noch Luft nach oben. Beispielsweise gibt es aufgrund der Örtlichkeiten noch nicht überall geschlechtlich getrennte Toiletten oder betriebliche Kinderbetreuungsmöglichkeiten auf oder nahe den Dienststellen.“ Paulin schlägt auch vor, die Frauen noch stärker anzusprechen. „Viele wissen gar nicht, dass man sich auch aus anderen Berufen zu den ÖBB umschulen lassen kann. Das ist schade, denn die ÖBB sind ein guter Arbeitgeber, bei dem im ausführenden Betriebsdienst die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern bei der Bezahlung – insbesondere auch durch kollektivvertragliche Regelungen – umgesetzt ist“, sagte Paulin.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern 

„Die Bahnen können es sich schlichtweg nicht mehr leisten, für die rund zwei Drittel an erwerbstätigen Frauen keine passenden Arbeitsplätze anzubieten“, sagte Olivia Janisch, Frauenvorsitzende der Gewerkschaft vida, mit Bezug auf die Erwerbsquote von 66,8 Prozent bei allen 20- bis 64-jährigen Frauen in der EU im Jahr 2020 gemäss Eurostat (bzw. 78,1% bei den Männern). "Bahnjobs sind gut bezahlte und sichere Arbeitsplätze, die so gestaltet werden müssen, dass sie auch für Frauen attraktiver und zugänglicher werden. Dazu brauchen wir beispielsweise weitere Massnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Es ist eine Frage der Chancengleichheit, damit Frauen nicht nur hauptsächlich in Bürojobs, sondern auch verstärkt im Betriebsdienst arbeiten wollen. Frauen und ihre Jobs müssen gezielt aufgebaut, gefördert und auch im Unternehmen gehalten werden“, forderte Janisch.

vida-Medieninformation / Markus Fischer

Siehe auch Medieninformation der deutschen Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG mit Youtube-Erklärvideo der EVG-Frauen.