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Beispiel 1: St. Gallen

Plötzlich ists nicht mehr recht

Der Fall von Ramazan zeigt drastisch, wie langjährige Temporäre in der Wagenreinigung St.Gallen systematisch rausgeworfen werden. Jetzt wehrt man sich in der Ostschweiz.

Ramazan unterschrieb seinen Einsatzvertrag in der Wagenreinigung der SBB am 4. Mai 2007. Mehr als acht Jahre lang dauerte sein «Temporäreinsatz» für Adecco – das sind knapp 3000 Tage. Nun hat er auf den 2. Juli die Kündigung erhalten.

Man kann nicht sagen, dass die Kündigung überraschend gekommen ist. Zu deutlich waren im Vorfeld die Anzeichen, dass man Ramazan loswerden wollte. Eine erste Ermahnung hat Ramazan im September 2014 erhalten, weil er einen Schaden an einem ESA-Fahrzeug verursacht hat. Diese Ermahnung kann er noch akzeptieren, nicht aber was danach folgte.

Im Januar 2015 wurde Ramazan ermahnt, weil er auf einer Tour eine «Raumverantwortlichkeitsliste» nicht unterschrieben habe. Diese Aufgabe war erst wenige Tage zuvor eingeführt worden. Die zweite Ermahnung im Mai wurde mit Mängeln in der Sauberkeit eines kontrollierten Fahrzeugs begründet.

Am 1. Juni folgte die Kündigung. Begründet wurde sie mit den vorangegangenen Ermahnungen und erneut mit Qualitätsmängeln. Es verblüfft, dass ein Mitarbeiter acht Jahre lang gut arbeitet, aber dass man genau ab dem Moment, wo er Anrecht auf eine Festanstellung hat, mit seiner Leistung nicht mehr zufrieden ist. Das zeigt, dass man diesen 53-jährigen Mann bei der SBB einfach nicht anstellen wollte.

Ramazan ist im Team in St. Gallen beliebt. So überrascht es nicht, dass seine Kündigung den Ausschlag gab für die Lancierung einer Petition, die von der SBB-Konzernleitung die Rücknahme der Kündigungen am Standort St. Gallen fordert. Bis Redaktionsschluss sind bereits über 1000 Unterschriften für Ramazan und seine Kollegen zusammengekommen.

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Beispiel 2: Chiasso

2009 bis 2015 – und weg

Paolo, 48-jährig, hat sechs Jahre als Wagenreiniger in Chiasso gearbeitet. «Ich habe am 15. Januar 2009 begonnen. Bei Adecco haben sie mir gesagt, dass ich zuerst eine Ausbildung erhalte für die schwierige Arbeit in der Fasnachtszeit.» Paolo blieb jedoch beschäftigt bis im Januar dieses Jahres. Dann wurde ihm mitgeteilt, die Zusammenarbeit werde Ende Monat beendet. «Es hat aber nicht weniger Arbeit! Als ich begonnen habe, waren wir drei Temporäre, daraus wurden gegen zehn. Ich verstehe nicht, weshalb sie mich nach Hause schicken. Die Arbeit hat mir gefallen, ich bin mit allen gut ausgekommen, ich habe mich angestrengt und war sehr flexibel.» In diesen sechs Jahren hat er viermal an Weihnachten und viermal an Neujahr gearbeitet und nie nein gesagt, wenn sie ihn für einen Einsatz angefragt hatten. Ob er Perspektiven für seine Zukunft habe, wollen wir wissen. «Ich weiss nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Ich suche Arbeit, was auch immer, aber auch die Temporärbüros haben gesagt, dass ich mit 48 Jahren zu alt sei. Nach sechs Jahren bei der SBB muss ich mich nun mit der italienischen Arbeitslosenentschädigung von 1034 Euro monatlich begnügen, dabei habe ich Frau und Kind.»

Im September endet dieser Anspruch, und Paolo weiss nicht, wie er dann seine Wohnung noch bezahlen soll. Nach wie vor weiss er nicht, weshalb ihm gekündigt wurde. Einem Kollegen haben sie erzählt, er sei unzuverlässig. «Das verstehe ich nicht, und ich finde es auch ungerecht, mich nach dieser langen Zeit so zu behandeln. Ich weiss, dass sie mir eine Anstellung hätten anbieten müssen, und ich vermute, dass sie mich deswegen loswerden wollten.» – Das lässt sich kaum bestreiten. Gi

Beispiel 3: Genf

«Haben Sie Geduld»

Murat arbeitete temporär seit 2008, zuerst im CEG, später als Wagenreiniger in den Bahnhöfen Cornavin und am Flughafen.

Seit 2008 ist Murat Reiniger bei der SBB. Für ihn als SEV-Mitglied war der GAV-Abschluss erfreulich, denn das bedeutete für ihn, dass ihm endlich eine feste Stelle angeboten werden müsste, nach den vielen Jahren als Temporärer. Aber dann kam die grosse Enttäuschung, als er Anfang Jahr nachfragte. Zuerst hiess es, er solle Geduld haben, es könne bis zwei Jahre dauern. Mit dieser Auskunft war er nicht der Einzige in Genf.

Verheiratet und Vater eines Kindes ist er etwas überrascht, weil es für ihn keinen Zweifel gibt, dass mehr als genug Arbeit für die Reiniger vorhanden ist. «Die Festangestellten reichten nicht aus, um alle Arbeiten zu erledigen. Im CEG, der Unterhaltsanlage, versuchten sie, die Verträge der Temporären nicht mehr zu erneuern, aber sie stellten bald fest, dass das nicht ging.» Mit Unterbeständen kann die Arbeit nicht erledigt werden.

Murat wünscht sich weiterhin eine Festanstellung. Diese bringt ihm vor allem Sicherheit, aber auch einen höheren Lohn. Aber es geht auch um die Wertschätzung: «Als Temporärer ist man minderwertig. Man wird neben den anderen wenig beachtet.» Häufig arbeitet er nachts, in unregelmässigen Diensten. In der Julihitze ist es eine äusserst schwere Arbeit, aber Murat gefällt sie, und er möchte sie weiter ausüben. Noch hat er Geduld und wartet gespannt auf die Anwendung der Vereinbarung des GAV.

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Beispiel 4: Bellinzona

IW Bellinzona: Abbau – bei den langjährigen Temporären

Im Herbst 2013 hat die Zeitschrift «HR Today» (eine Fachzeitschrift für Personalführung) über die Situation der temporär Angestellten im Industriewerk Bellinzona geschrieben. Damals waren 95 von insgesamt 370 Beschäftigten Temporäre. Der Artikel zitierte den SBB-Personalchef Markus Jordi: «In Bellinzona wurden Externe nicht nur zur Abfederung von Spitzen eingestellt. Dieser Zustand ist historisch gewachsen, er entspricht aber nicht unserer Personalpolitik.» Jordi ergänzte, dass die SBB daran sei, die Anzahl der Temporärverträge zu reduzieren.

Tatsächlich liegt nun, rund zwei Jahre später, die Zahl der Temporärangestellten deutlich tiefer, bei 54. Betrachtet man die Zahlen, die dem SEV vorliegen, etwas genauer, springt einem die Beschäftigungsdauer jener Mitarbeitenden ins Auge, die «verabschiedet» worden sind. Ausgehend vom September 2014 (als die Vereinbarung über die Temporären abgeschlossen wurde), weisen bei 26 Vertragsauflösungen deren 13 eine Beschäftigung von über vier Jahren auf. Dabei ist zusätzlich zu beachten, dass 2015 bereits wieder 12 neue Mitarbeiter temporär eingestellt wurden. Es fällt schwer, daraus nicht abzuleiten, dass Temporärpersonal ausgewechselt wurde., um die Vereinbarung zur Festanstellung zu umgehen. Anzufügen bleibt , dass immerhin drei Personen fest angestellt wurden.

Aufgrund der Ausführungen von Markus Jordi von 2013 lässt sich festhalten, dass die SBB sehr wohl über Statistiken zu den Temporären verfügte. Umso mehr stellt sich die Frage, wozu sie zwei Jahre Umsetzungsfrist braucht.

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Sechs Fragen an Manuel Avallone

«Die Haltung der SBB ist unglaubwürdig»

SEV-Vizepräsident Manuel Avallone war Leiter der gewerkschaftlichen Verhandlungsdelegation beim GAV 2015. Er hat die Vereinbarung zu den temporär Angestellten mit der SBB unterschrieben.

kontakt.sev: Was war vor einem Jahr die Absicht bei der Vereinbarung zu den temporär Angestellten?

Manuel Avallone: Die SBB lässt in verschiedenen Bereichen wie Industriewerken oder in der Wagenreinigung die Arbeit von sehr vielen temporär Mitarbeitenden machen. Wir haben ein gewisses Verständnis dafür, wenn es darum geht, zeitlich limitierte «Arbeitsspitzen» mit zusätzlichem Personal zu bewältigen. Wenn aber temporär Mitarbeitende seit 5, 10 oder sogar über 15 Jahren am gleichen Ort eingesetzt werden, dann handelt es sich um einen Personalunterbestand. Konkret: das Tagesgeschäft kann nicht mit dem eigenen Personal erledigt werden, es braucht mehr Leute. Deshalb haben wir eine Beschränkung gefordert und mit der SBB vereinbart, dass die Anzahl der temporär Mitarbeitenden über den ganzen Konzern gerechnet maximal 4% betragen darf, und dass den temporär Mitarbeitenden nach 4 Jahren ein Angebot für eine Festanstellung gemacht werden muss.

Was hat sich in der Zwischenzeit geändert?

Die SBB tut sich mit der Umsetzung schwer und definiert nun eigene, nicht vereinbarte zusätzliche Bedingungen, indem sie den temporär Mitarbeitenden nur ein Angebot unterbreiten will, wenn eine offene Stelle vorhanden ist. Zudem haben wir klare Anzeichen, dass sie die Festanstellungen umgeht.

Wie beurteilst du die Haltung der SBB?

Sie ist unglaubwürdig und widerspricht dem Sinn der Vereinbarung. Wenn jemand über vier oder mehr Jahre eine Arbeit macht, ist diese offensichtlich nötig, und da ist es Sache der SBB, organisatorisch dafür zu sorgen, dass die entsprechende Stelle vorhanden ist.

Wie geht es weiter in Sachen Vereinbarung?

Die Vereinbarung ist seit dem 1.1.2015 in Kraft. Die SBB hat zwei Jahre Zeit, um sie vollständig umzusetzen. Bis dahin müssen auch alle offenen Fragen geklärt sein. Dazu haben wir regelmässige Treffen mit der SBB vereinbart.

Was empfiehlst du einem Temporären, der erfährt, dass die SBB bei der Temporärfirma seine Entlassung gefordert hat?

Er oder sie soll unverzüglich beim direkten Vorgesetzten nach den Gründen fragen und im Anschluss sofort den Kontakt zum SEV suchen. Nur so können wir dafür sorgen, dass die Vereinbarung korrekt umgesetzt wird und die temporär Mitarbeitenden innerhalb der SBB nicht mit fadenscheinigen Begründungen ihre Arbeit verlieren.

Temporäre wurden in der Vergangenheit von den SEV-Werbern häufig nicht aktiv angegangen, um sie als Mitglied zu werben. Müsste sich das ändern?

Ja. Mit der Vereinbarung vertritt der SEV auch die Interessen der temporär Mitarbeitenden. Die können wir aber nur vertreten, wenn sie im SEV organisiert sind. Temporär Mitarbeitende sind also im SEV herzlich willkommen.

Fragen: pmo

Kommentare

  • Weber martin

    Weber martin 23/07/2015 17:13:10

    Die Temporären Mitarbeiter werden vollumfänglich ausgenützt. Sie müssen hinhalten für Schichtdienste von 6 Stunden 22 Arbeitstage.
    Wie kann ein solcher Mitarbeiter noch eine Familie ernähren.
    Mitarbeiter wo mehrere Jahre ihre Arbeit zu vollen Zufriedenheit für den Arbeitgeber erledigten sind nun auf einmal nicht mehr tragbar.
    Vorgesetzte haben sich geäussert ,das sowieso keine solche Mitarbeiter eingestellt werden .
    Es ist bedauernd wie die Wertschätzung des Personals mit den Füssen getreten wird.
    Es gibt ja ein altes Sprichwort. So wie man in den Wald ruft so kommt das Echo zurück.
    Dieses Echo dringt auch auf den Arbeitsmarkt mit den dazugehörenden Konsequenzen für die
    Stellenvermittlung.

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