| Interview

Gespräch mit dem frisch pensionierten Pietro Gianolli

Eine halbe Revolution – erlebt aus nächster Nähe

Während den 28 Jahren seiner Laufbahn beim SEV als Gewerkschaftssekretär und Redaktor hat sich Pietro Gianolli zu einer Art Weisen des öffentlichen Verkehrs entwickelt, der diesen à fonds kennt und manche radikale Veränderung gesehen und erlebt hat. Diese Umwälzungen hatten nicht nur Folgen für das Verkehrspersonal, sondern auch für die Gewerkschafter/innen: ihre Rollen als bissige Verteidiger des Personals einerseits und als Vermittler andererseits sind immer schwieriger miteinander zu vereinbaren.

Pietro an vorderster Front.

«Siehst du diesen weissen Bart?» sagt mir Pietro oft, wenn ich ihm naiv eine Frage über dieses oder jenes Thema stelle. Wie um zu sagen, dass die Erfahrung einem erlaubt, alles etwas zu relativieren, und dass man auf der andern Seite auch nicht allzu verbittert wird. Denn, so sagt es der gleiche Pietro, «die Arbeit als Gewerkschafter nutzt einen ab, auch wenn man sie voller Leidenschaft ausübt, aber sie erlaubt es einem, Werte wie Solidarität, soziale Gerechtigkeit, Gleichheit von der Theorie in die Praxis umzusetzen.»

Sicher ist in den letzten Jahren alles viel komplizierter und konfliktgeladener geworden. Profunder Kenner des öffentlichen Verkehrs, Meister auf dem Gebiet der Reglemente (es entgeht ihm nicht einmal ein Komma), sattelfest im Gebiet der Sozialversicherungen ebenso wie in den Landessprachen: Pietro hat dem SEV viel gegeben – 28 Jahre lang! Wenige Tage vor seiner Frühpensionierung stöbern wir im Album der Erinnerungen, in dem der Streik bei den Officine zwangsläufig einen gewichtigen Platz einnimmt – sowohl in beruflicher wie in persönlicher Hinsicht.

Wir werden in Bellinzona sein «lassum parlaa» (im Dialekt «lass mich reden») vermissen, sein «ul prublema l’è mia quel» («das ist nicht das Problem»), sein «venum a drè» («folge mir»).

Während 28 Jahren Arbeit beim SEV hast du eine gewaltige Veränderung in der Welt der Eisenbahn gesehen …

Da kann ich klar ja sagen, es hat sich praktisch alles verändert. Nachdem ich beim SEV angefangen hatte, war noch zehn Jahre das Beamtenstatut in Kraft, alles war wohlgeordnet, Rechte und Pflichten. Auch die Beziehung zwischen den Sozialpartnern war eine andere: der Wille, Lösungen zu finden, war viel stärker als heute und in den Auseinandersetzungen gab es viel mehr Respekt vor den Bedürfnissen des Gegenübers. Seit der Jahrtausendwende haben wir die Deregulierung, das Beamtenstatut ist abgeschafft, aber im Gegenzug wurde ein Gesamtarbeitsvertrag ausgehandelt, der anfangs sehr «garantista» war, wie wir auf italienisch sagen, das heisst, dass es weitgehende Garantien und Schutzbestimmungen gab. Leider hat der Liberalisierungswahn im Lauf der Jahre auch zu einer Verschlechterung des GAV geführt. Eines GAV, der trotzdem im Vergleich mit andern noch gut abschneidet.

Kurz gesagt habe ich meine Laufbahn bei der Bahn begonnen, als die Bahnhöfe von Airolo und Chiasso noch rund um die Uhr offen und besetzt waren. Jetzt steht in Pollegio eine Kommandozentrale, die von Chiasso bis Goldau alles steuert, es gibt immer weniger geöffnete Schalter und eine zunehmende Entmenschlichung. Man muss aber auch anerkennen, dass heute viel mehr Züge fahren und dass es viel mehr Dienstleistungen gibt. So hat die technologische Entwicklung, wie in allen Sektoren, sowohl positive wie negative Auswirkungen gehabt.

Wie beurteilst du diese Entwicklung aus dem Blickwinkel des Gewerkschafters?

Der Druck am Arbeitsplatz ist gestiegen, kein Zweifel. «Tote Zeit» gibt es nicht mehr, der Takt ist gedrängt und kräftezehrend. Das stellt man im gesamten öffentlichen Verkehr fest. Dies ist die unerfreuliche Kehrseite der Medaille. Zudem haben sich auch die Beziehungen in der Sozialpartnerschaft stark verändert und sie sind oft äusserst konfliktreich. Früher reichte es oft, ein Problem auf den Tisch zu bringen – und man spürte sofort den Willen, es zu lösen. Wenn man heute nicht ein Problem des Gegenübers schaffen kann, werden die Gewerkschaften öfter gar nicht angefragt, insbesondere bei der SBB. Es wird gewissermassen versucht, einen Konflikt zu schaffen, bevor man das Problem lösen will; nach meiner Ansicht wirklich eine Schande. Bei den konzessionierten Transportunternehmungen ist es etwas anders: der gegenseitige Umgang ist offen und ehrlich, geprägt von der Suche nach einer Lösung. Sicher ist, dass wir in einer Zeit leben, in der es schwieriger wird, erworbenen Rechten Nachachtung zu verschaffen, weil die Spielräume kleiner geworden sind. Oft müssen die Gewerkschafter/innen streitbar das Erkämpfte bewahren und Rückschritte abwehren.

Pietro Gianolli mit seiner Frau Andrée am Ersten Mai auf der Piazza Riforma in Lugano. Ab dem ersten Oktober kann Pietro seiner Familie mehr Zeit widmen.

Wie stark haben die Veränderungen im Transportmarkt, der durch eine starke Konkurrenz gekennzeichnet ist, deine Arbeit beeinflusst?

Die stärker werdende Technologisierung, die zunehmende Digitalisierung und die Liberalisierung führen auch zu neuen Möglichkeiten, aber sie werden nur in einer Richtung ausgenutzt. Man könnte sie auch auf andere Art nutzen, um den Menschen zu helfen statt sie zu benachteiligen. Auf die tägliche Arbeit wirkt sich auch die absichtlich stark hierarchisch gestaltete Arbeitsorganisation der SBB aus. Mit ihr wurden die Vermittlerfiguren beseitigt, mit denen wir offen über die Probleme der Mitarbeitenden sprechen konnten. Uns geht es ja vor allem um die Menschen, nicht um Zahlen. Zwischen jenen, die Entscheidungen treffen, und jenen, die sie ausführen müssen, gibt es keine vermittelnden Personen mehr, mit denen wir einen Dialog über Lösungen für das Personal pflegen können. Unter dem Vorwand der Digitalisierung und der Effizienzsteigerung wird in Wirklichkeit diese Kultur der Partizipation geopfert.

Kannst du dir führerlose Transportmittel vorstellen?

Früher oder später werden wir einen Zug ohne Lokführer sehen. Die Frage ist, bis wann das wünschenswert ist. Ich erinnere daran, dass wir immer noch den Streit um die Begleitung der Züge auf der Gotthard-Bergstrecke austragen, nur schon weil ein Lokführer allein Mühe hätte, eine allfällige Zugevakuierung bewältigen zu können. Stellen wir uns nun vor, auch diesen Lokführer gäbe es nicht mehr: Da frage ich mich, inwiefern sich ein Transportunternehmen die völlige Abwesenheit von Personal auf seinen Fahrzeugen erlauben kann.

Wie erleben die Kolleg/innen, die du bei ihrer Arbeit begleitest, diese Veränderungen?

Unter den «alten Matrosen», wenn ich mir diesen Ausdruck erlauben darf, scheinen mir Bedauern und Resignation vorzuherrschen. Und wenn sie die heutigen Probleme sehen, sagen sie oft, dass früher alles besser war – auch wenn dies natürlich nicht immer stimmt. Heute haben die Kolleg/innen oft den Eindruck, dass man nicht recht weiss, wohin alles führen soll, und diese Unsicherheit begünstigt kein sachliches Arbeitsklima. Das Personal meiner Generation sieht mit Erstaunen, dass immer häufiger Züge wegen fehlendem Personal ausfallen, dass Strecken für Unterhaltsarbeiten vollständig gesperrt werden (wie die Hauptachse Lausanne–Bern, die sieben Wochen lang geschlossen bleibt, um die Arbeiten konzentriert ausführen zu können). Bis vor wenigen Jahren wäre so etwas einfach unvorstellbar gewesen. Und ich frage mich wirklich, wohin es mit dem öffentlichen Dienst geht. Diese Entwicklung beunruhigt mich. Die Bevölkerung hat bisher immer, auch bei Volksabstimmungen, den öffentlichen Verkehr unterstützt. Aber wenn es in Zukunft in der geschilderten Richtung weitergeht, frage ich mich wirklich, wo das alles enden soll.

Haben angesichts aller dieser Umwälzungen die Gewerkschaften noch genügend Mittel, um ihre Aufgaben zu bewältigen? Wie können sie ihren Organisationsgrad verstärken?

Es ist klar, dass auch die Gewerkschaften ihre eigene Antwort auf die veränderte Ausgangslage finden müssen. Ich schicke voraus, dass es sehr schwierig ist, eine klare Antwort zu geben, weil es keine einfachen Rezepte gibt. Ich habe eine Zeit erlebt, in der der SEV sehr nah in die Festlegung der Betriebsabläufe im öffentlichen Verkehr eingebunden war. Heute haben sich viele Dinge verändert, sodass wir unser Handeln neu ausrichten müssen. Dabei müssen wir von einem Punkt ausgehen, dessen Notwendigkeit heute vor allem bei Jungen verleugnet wird: die kollektiven Verhandlungen mit dem Arbeitgeber, um die Anstellungsbedingungen festzulegen. Ich habe den Eindruck, dass deren grundlegende Bedeutung von vielen nicht erkannt wird. Viele reduzieren die Gewerkschaft auf den Rechtsschutz. Sie ist aber viel, viel mehr: ein wertvoller Akteur bei der Festlegung der Arbeitsbeziehungen und des sozialen Schutzes. Diese Diskussion hört nie auf. Es gibt aber noch einen anderen Aspekt. Heute erleben wir wie schon gesagt eine Verhärtung der Fronten, und um in Konfliktsituationen bestehen zu können, muss man heute viel radikalere Positionen einnehmen. Auf einem Gebiet wie dem öffentlichen Verkehr, wo vieles gut geregelt ist und wo die Dinge sehr gut miteinander und mit andern Sektoren verzahnt sind, werden radikale Positionen aber nicht immer geteilt und manchmal auch nicht einmal verstanden. Es kommt vor, dass eine Gewerkschaft Positionen zum Schutz des Personals gegenüber dem Arbeitgeber einnehmen muss, ohne dass dies die direkt Betroffenen verstehen. So findet man sich zwischen Hammer und Amboss wieder, eine wahrlich unbequeme Situation. Die einen Mitglieder wollen eine kämpferische Gewerkschaft, die andern eher eine vermittelnde. Es besteht die Gefahr, dass man sowohl die einen wie die andern enttäuscht.

Du hast in all den Jahren viel erlebt, aber sicher in Erinnerung bleibt dir der Streik bei den Officine in Bellinzona.

Mehr als sicher! Dies ist ein Ereignis, das mich tief gezeichnet hat, sowohl beruflich wie als Mensch. Man könnte wirklich ein Buch darüber schreiben. Und für diejenigen, die es erlebt haben, ist es unvergesslich. Ich erinnere mich an die Leute, die Schlange standen, um Teigwaren, Reis, Kaffee in die Malerei zu bringen [eine Halle in den Officine, wo die Streikenden ihren Hauptstützpunkt betrieben, Anm. d. Red.]. Es gab eine Frau, die vierzehn Torten auf ihr Fahrrad lud, die sie zugunsten der Streikenden verkaufen wollte. Ich denke an die finanziellen Zuwendungen vieler Personen, die zwar selber jeden Franken zweimal umdrehen müssen, die Sache aber unterstützen wollten. So etwas vergisst man nicht. In der Bevölkerung gab es eine riesige Sympathiewelle für die Officine, weil die SBB aus Tessiner Sicht die Officine wie ein fremder Vogt unrechtmässig angriff. Sicher hat auch die Politik geschlossen reagiert. Aber ich kann dir versichern, das Bild der Piazza Governo, auf der mehr als zehntausend Leute stolz die Fahne der Officine schwingen: das bleibt dir im Gedächtnis. Ich gratuliere allen, die eine derart intensive und prägende Erfahrung machen konnten – gerade in unserem Beruf. Es war mühsam, es gab Ärger, Enttäuschungen, Spannungen, aber die durch den Kampf freigesetzte Energie entschädigte mich für dies alles. Der Kampf geht heute auf anderem Gebiet weiter, denn wir wissen, dass wir heute ein neues Kapitel in dieser Geschichte schreiben – durch knallharte Verhandlungen.

Was machst du im Ruhestand ?

Ich werde mich mehr meiner Familie und meinem kleinen Enkel widmen und froh sein, mehr Zeit zu haben und darüber frei verfügen zu können. Zeit ist etwas, das mir ungemein gefehlt hat.

Françoise Gehring/pan.

Kommentare

  • Thomas Senekowitsch

    Thomas Senekowitsch 30/09/2017 07:32:21

    Toller Artikel und ein authentischer und fairer Pietro, wie wir ihn alle kennen.
    Vielen Dank für die immer gute und zielführende Zusammenarbeit. Oft standen wir uns in der Sache mit unterschiedlichen Ideen und Aufgaben gegenüber, doch Lösungen haben wir immer gemeinsam gefunden.
    Danke und geniesse Deinen Ruhestand.
    Sneki

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