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Ende Jahr treten drei langjährige Zentralpräsidenten zurück

«Manager und HR müssen ihre Sozialkompetenz verbessern»

Werner Schwarzer übergibt den TS nach 27 Jahren als Zentralpräsident an Claude Meier, Christian Suter den BAU nach 13 Jahren an Markus Kaufmann und Ricardo Loretan den PV nach acht Jahren an Roland Schwager. Loretan hatte zuvor schon während 16 Jahren den damaligen Unterverband des Verwaltungspersonals (VPV) präsidiert. Die drei Urgesteine des SEV ziehen im gemeinsamen Interview Bilanz.

Christian Suter vom Baupersonal, Werner Schwarzer vom Technischen Servicepersonal und Ricardo Loretan von den Pensionierten (seit 2009, zuvor Verwaltungspersonal).

kontakt.sev: Mit welchen Zielen seid ihr Zentralpräsident geworden?

W. Schwarzer: Von Anfang an war es mein Ziel, die Berufsgruppen in den Werkstätten zusammenzunehmen und so unseren Unterverband zu stärken. Darum hat der WAV (die Abkürzungen sind in der Box erklärt) am 1. Januar 2000 mit Teilen des APV, VAS und VPV zum RM fusioniert, und dieser am 1. Januar 2009 mit dem Rest-APV, der noch rund 700 Mitglieder zählte. So entstand der TS mit rund 2400 Mitgliedern. Daneben machten wir im Jahr 2002 RM-intern aus den 29 Ortssektionen 6 Regionalsektionen und reduzierten die ca. 170 Funktionäre auf 30. Vor allem der Zentralvorstand wurde massiv verkleinert. Diese Reorganisation gab viel mehr zu reden als die Fusionen, da wir in kleine Königreiche einfielen: Wir setzten 23 von 29 Sektionspräsidenten ab. Die 6 Regionalsektionen erhielten aber mehr Kompetenzen und eine grössere Führungsspanne. Das Motto aller Reorganisationen war: «Mit Strategie in die Zukunft».

Was war damit gemeint?

W. Schwarzer: Die Kräfte bündeln, die Berufsgruppen zusammenbringen. Vorher hat die SBB in den Werkstätten ein leichtes Spiel gehabt, da sie die Unterverbände gegeneinander ausspielen konnte.

R. Loretan: Mein Ziel war eine engere Zusammenarbeit zwischen den Unterverbänden in den Regionen, um dort die Mitglieder gemeinsam besser mobilisieren zu können, auch bei politischen Abstimmungen. Platz- und Regionalunionen haben aber nur an wenigen Orten gut funktioniert. 2009, bei meinem Amtsantritt im PV, waren die Verschlechterungen der Fahrvergünstigungen des Personals (FVP) bereits aktuell, hinzu kamen die hohen Krankenkassenprämien und der seit 2004 fehlende Teuerungsausgleich auf den Pensionskassenrenten.

Was war für dich, Christian, als Co-Präsident BAU die erste Herausforderung?

C. Suter: Wir führten die Fachsektionen in die Regionalsektionen über, weil sich neu die Personalkommissionen um die fachspezifischen Fragen kümmerten. Vor allem die Bahndienstwerkstatt Hägendorf und die SA-Monteure waren zuerst dagegen.

Was habt ihr aus den Fusionen gelernt?

W. Schwarzer: Wichtig ist bei jeder Fusion, ob auf Stufe Unterverband oder Sektion, dass alle Berufsgruppen in den Gremien vertreten sind. Man sollte dies wenigstens versuchen, hineinprügeln kann man die Leute ja nicht.

R. Loretan: Beim PV haben wir auch Sektionen fusionieren müssen, weil wir einfach keinen Präsidenten mehr gefunden haben. Als Zentralpräsident habe ich zwei Jahre lang die Sektion Zug-Goldau präsidieren müssen. Sie hat schliesslich mit der Sektion Luzern fusioniert. Das war am Anfang ein harziger Prozess. Doch heute sagen die Goldauer auch: Das war das einzig Richtige. Sie haben in dieser Sektion wieder eine Heimat gefunden. Das ist absolut das Wichtigste, dass das Mitglied eine Heimat findet. Wenn du dem Mitglied aber die Heimat wegnimmst, dann wird es bald aus dem SEV austreten.

Welches waren die weiteren Herausforderungen?

W. Schwarzer: Die demografische Struktur: Weil wir in den Werkstätten keine Monopolberufe haben, die uns an die SBB binden, wie zum Beispiel die Rangierer oder Kondukteure, wandern unsere Leute ab, wenn es ihnen nicht mehr passt. Deshalb ist das Werkstättenpersonal im Schnitt fünf Jahre älter als das gesamte SBB-Personal. Die Lernenden geniessen eine gute Ausbildung, bleiben noch ein, zwei Jahre und gehen dann. Ihre Verbundenheit mit dem Unternehmen SBB ist einfach nicht mehr da wie noch in den 80er-Jahren. 1982 habe ich bei der SBB noch rund 1000 Franken mehr verdient als in der Privatwirtschaft, und wir haben auch noch wenig Schichtdienst gehabt. Heute muss man im Rollmaterialunterhalt Schicht arbeiten, damit die Fahrzeuge möglichst kurz stillstehen. Die Jungen wollen am Freitagabend aber zur Party gehen und nicht am Samstag wieder früh aufstehen müssen. Vor allem aber ist die SBB als Arbeitgeberin ins Mittelfeld abgefallen.

Worin drückt sich das aus?

W. Schwarzer: Im Lohn, und zwar vor allem, seit 2011 das Lohnsystem Toco eingeführt wurde. In meinem Unterverband haben rund 70 Prozent der Mitglieder eine Lohngarantie: Da kann doch etwas nicht stimmen. Die Garantie drückt auf den Berufsstolz, denn man sagt uns damit, dass wir zuviel verdienen für das, was wir leisten…

C. Suter: Beim Baupersonal ist der Anteil der Garantien etwa gleich hoch, und die Nachtarbeit hat  stark zugenommen. Bei jenen, die fast nur in der Nacht arbeiten, ist die Scheidungsrate überdurchschnittlich hoch, denn die Frauen machen das heute auch nicht mehr immer mit, wenn der Mann nie da ist oder schläft, wenn die Kinder frei haben. Es gibt auch immer mehr Burn-outs. Das Personal für den Unterhalt des Gotthard-Basistunnels haben sie im Tessin leichter rekrutieren können als auf der Nordseite – wegen dem Druck auf den Arbeitsmarkt aus Italien. Denn aus dem Raum Zug geht ein Elektriker lieber auf den Platz Zürich, wo die Industrie mehr bezahlt als die SBB. Und ein gelernter Fahrwegbauer, der zu Sersa oder Scheuchzer geht, verdient dort heute mehr als bei der SBB und kann auch noch das Geschäftsauto privat nutzen. Darum gibt es auch bei uns eine hohe Fluktuation.

Trotzdem erlaubt es sich die Infrastruktur jetzt, langjährige, erfahrene Teamleiter durch Leute zu ersetzen, die ein Diplom, aber kaum Bahnerfahrung haben?

C. Suter: Ja. Die SBB-Manager finden, dass jemand, der 20 Jahre bei der SBB gearbeitet hat, fehl am Platz sei. Doch Unternehmen wie Sersa nehmen gerne erfahrene Leute.

R. Loretan: Das Schlimme ist, dass du nicht für voll genommen wirst, wenn du keinen Ausweis hast für deine Berufserfahrung, auch wenn du diese hast. Man behauptet dann, dass du deine Aufgabe nicht wahrnehmen kannst. Das ganze Bachelor-Zeugs ist übertrieben, das hat es bis vor zehn Jahren noch gar nicht gegeben. Ich habe sehr gute Bahnmeister und andere Handwerker kennengelernt, die zwar keine Schulabschlüsse, aber Talent und den Durchblick hatten, der den meisten heutigen Managern fehlt. Darauf wird heute gar nicht mehr geschaut, es zählt nur noch das Diplom.

W. Schwarzer: Vielen SBB-Managern fehlt das nötige Bahnwissen. Vor allem aber sollten sie ihre Sozialkompetenz verbessern. Wenn wir vor dem GAV-Zeitalter (vor 2001) mit unseren Chefs an einem Tisch über etwas verhandelt und etwas abgemacht haben, dann hat das Wort gegolten. Heute werden vis-à-vis sogar Protokolleinträge hinterfragt. Auf Treu und Glauben und auf den gesunden Menschenverstand können wir bei den Managern kaum mehr zählen. Das Problem ist, dass alles Soziale kostet und die Manager Sparvorgaben einhalten müssen. Das ist aber keine Entschuldigung dafür, Menschen nur als Kostenfaktor zu behandeln.

Was würde Sozialkompetenz denn bedeuten?

C. Suter: Dass man die Bedürfnisse der Mitarbeitenden berücksichtigt und sich in der Sozialpartnerschaft an das hält, was man gesagt hat. Die Infoveranstaltungen für die Sozialpartner zu personalrelevanten Projekten haben sich schon oft als Märchenstunde entpuppt. Zum Beispiel beim laufenden Projekt zu den Teamleitern Fahrbahn bei Infrastruktur Instandhaltung.

W. Schwarzer: Auch im HR-Apparat fehlen soziale und andere Kompetenzen. Oft erhält man auf Fragen keine verständliche Antwort oder es heisst stets, das müsse irgendwo abgeklärt werden. Es gibt nur noch wenige echte Personalchefs der alten Schule, die wissen, dass sie für das Personal da sind und für dieses schauen müssen.

Die SBB-Pensionierten haben seit 2004 keinen Teuerungsausgleich auf den Pensionskassenrenten gehabt, bei stets steigenden Krankenkassenprämien. Und nun streicht ihnen die SBB auch noch den Railcheck…

R. Loretan: Gegen die Streichung des Railchecks hat der PV 12790 Petitionsunterschriften gesammelt. Die SBB ist nun nochmals zu einem Gespräch mit uns bereit. Die Lage der Pensionskasse bleibt schwierig, und bei der Atupri-Krankenkasse, in die die ehemalige SBB-Betriebskrankenkasse ausgelagert wurde, haben wir in zwei Sitzungen nichts erreichen können. Immerhin haben wir die SBB dazu gebracht, dass sie seit 2010 die Pensionierten jährlich zu sieben regionalen Anlässen einlädt, wie dies viele andere Arbeitgeber auch tun. Diese Anlässe werden sehr geschätzt. Ein Wunsch von mir an die Aktivensektionen ist, dass sie die angehenden Pensionierten darauf hinweisen, dass es im SEV einen Unterverband PV gibt, der sich speziell für ihre Bedürfnisse und für die Renten der AHV und der Pensionskasse einsetzt. Auch für uns gilt, wie generell für den SEV: Je mehr wir sind, desto stärker sind wir. Die Mitglieder werden bei der Pensionierung automatisch anhand des Wohnorts in eine PV-Sektion mutiert, können aber problemlos eine andere wählen oder in der Aktivensektion bleiben.

Markus Fischer

Gegen die mit Railfit 20/30 geplante Abschaffung des Railchecks hat der Unterverband der Pensionierten in nur 14 Tagen rund 12790 Unterschriften gesammelt und sie am 12. Dezember an SBB-Personalchef Markus Jordi (Vierter von links) übergeben. Dieser zeigte sich zu einem weiteren Gespräch im Januar bereit.

 

Bio

Ricardo Loretan (72) wuchs in Leuk/VS auf, lernte Stahlbetonzeichner und trat 1966 in die SBB ein. 1974–1978 bildete er sich nebenberuflich zum Bauingenieur HTL weiter und arbeitete vor allem im Brückenbau. 2001–2004 präsidierte er die Peko Infrastruktur und Konzern. Im SEV war er 1993–2008 Zentralpräsident des damaligen Unterverbands des Verwaltungspersonals (VPV), der Anfang 2014 mit dem SBV zum AS fusionierte. Als Ricardo Loretan Ende Januar 2009 in Pension ging, war er bereits seit einem Monat Zentralpräsident des Unterverbands der Pensionierten (PV). Er wohnt mit seiner Frau in Zürich und hat einen erwachsenen Sohn. Hobbys: bergsteigen, wandern, lesen.


Christian Suter (64) lernte Feinmechaniker, trat 1972 in die SBB ein und arbeitete vor allem in der Telekommunikation. Im SEV präsidierte er 1982 bis 1992 im damaligen Unterverband des Aufsichtspersonals (VAS) die Fachsektion des Personals der Niederspannungs- und Fernmeldeanlagen (PNF). Ab 1994 vertrat er den VAS und 2000–2003 den neuenUnterverband BAU im damaligen Verbandsvorstand SEV, war 2004–2009 Co-Zentralpräsident BAU mit Ernst Küng und ab 2010 Zentralpräsident. Seit Dezember 2015 ist er pensioniert. Er hat zwei erwachsene Kinder und lebt mit seiner Frau in Aarburg/AG. Dort präsidiert er seit ca. 15 Jahren die SP-Sektion und ist in der Finanz- und Geschäftsprüfungskommission tätig, neu als Präsident. Hobbys: Fussball, reisen, wieder mehr lesen.


Werner Schwarzer (60) lernte Metallbauschlosser und war als Stahlbaumonteur im Ausland tätig, bevor er 1982 Handwerkmeister in der Hauptwerkstätte Zürich wurde, dem heutigen Reparaturcenter Zürich-Altstetten. Dort präsidierte er 1985–2001 die Betriebskommission, war dann Vizepräsident der Peko Personenverkehr und 2006–2007 deren Co-Präsident. Im SEV war er ab 1. Juni 1989 Zentralpräsident des Werkstätten-Angestellten-Verbandes (WAV). Dieser fusionierte Anfang 2000 mit Teilen des Aufsichtspersonals (VAS), des Arbeiterpersonals (APV) und des Verwaltungspersonals (VPV). Somit präsidierte Werner Schwarzer den neuen Unterverband des Rollmaterialpersonals (RM), und seit dessen Fusion mit dem APV Anfang 2009 den Unterverband Technisches Servicepersonal (TS). Diesen vertritt er weiterhin in der ETF Steering Group Instandhaltung und geht im Juli 2017 in den Vorruhestand. Er wohnt im Zürcher Kreis 5, hat zwei erwachsene Kinder und fünf Grosskinder. Hobbys: Schrebergarten, kochen, wandern, reisen.

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