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Auf den spuren von …

Michel Turin, ein rigoroser Kämpfer

Michel Turin zeigt die Sicherungsanlage an einer Wagenplane im Bahnhof Lausanne.

Der SEV ist nur so stark wie seine Mitglieder. Eins davon haben wir getroffen: Michel Turin, frisch gewählter Vizepräsident der Sektion BAU Genferseeregion. Turin ist ein rigoroser Mann und erfrischend unverblümt. Sein Credo: «Ich engagiere mich, um unsere Errungenschaften zu verteidigen.»

Es ist Dienstagmorgen, am Bahnhof Lausanne ist es eisig kalt. Wir treffen dort Michel Turin, Qualitätsexperte bei der SBB seit Oktober 2012. Eigentlich war es nie sein Plan, zur SBB zu gehen, denn dort hatten bereits sein Vater, Onkel und Grossvater gearbeitet. «Mein Vater war ständig weg – als Betriebsdisponent war er auch an den Wochenenden und in den Ferien kaum zuhause. Doch 1991, als ich 28 Jahre alt war, machte meine Firma Konkurs. Weil man seiner Familie so etwas nicht gerne am Weihnachtsfest erzählt, habe ich erst im Januar mit meinem Vater darüber geredet. Ein Freund von ihm suchte damals Personal für die Sicherungsanlagen der SBB. So bin ich am 1. Juli 1992 schliesslich doch bei der SBB gelandet.»

Davor arbeitete Michel Turin sechs Monate lang nicht. «Das war Absicht: Meine Frau war damals mit unserem zweiten Kind schwanger, der Geburtstermin war im Juni. Also habe ich ein bisschen Papa gespielt», erzählt er lachend.

Auch wenn seine Eisenbahnerkarriere nicht geplant war, schätzt er die nötige Disziplin am Arbeitsplatz. «Man muss es von Anfang an richtig machen, sonst gibt’s Pannen – oder Schlimmeres. Ich war damals dafür verantwortlich, die Sicherungsanlagen einzustellen und anzupassen. Ich konnte viele Erfahrungen sammeln und wurde Erwachsenenbildner. Bei der SBB ist nicht alles schlecht. Das Bildungsangebot ist gut. Das Unternehmen bemüht sich, Knowhow zu bewahren. Im Leben geht es nicht nur ums Geld, doch die sicherungstechnischen Berufe brauchen mehr Wertschätzung. Mit ihnen ist eine grosse Verantwortung und viel Knowhow verbunden. Die Generation der Babyboomer geht auch in meinem Team bald in Pension», betont er.

Michel Turin hätte Teamleiter werden können, doch er blieb lieber bei der Technik. «Ich glaubte, dass ich meine Berufserfahrung dort besser einsetzen kann. Heute bin ich zuständig für die Rückgabe der Anlagen an den Besitzer, die SBB, wenn die Arbeiten fertig sind. Ich kontrolliere, dass sie gemäss den aktuell geltenden Regeln ausgeführt worden sind und es keine Konstruktionsfehler gibt.»

Momentan ist die Ceva ein grosses Thema, die neue schweizerisch-französische S-Bahnlinie in der Genfer Agglomeration. Als Qualitätsexperte hinterfragt Michel gewisse Entscheidungen bei der Konstruktion, wie zum Beispiel den Einsatz von Leuchtröhren, die Schwermetalle enthalten. «Im Gespräch über die Lebensdauer wurden LED-Leuchtröhren nicht in Betracht gezogen…» Weiter beschäftigt er sich intensiv mit dem Westschweizer Bahnprogramm Léman 2030. Er lobt die Zusammenarbeit mit den Projektleitern. «Alle meine Teammitglieder geben sich voll ins Projekt hinein. Wir geben Empfehlungen ab, damit die Benutzer am Ende die bestmöglichen Anlagen erhalten.»

Michel mag es, wenn die Arbeit sauber erledigt wird. Er ist diszipliniert und präzise, manchmal vielleicht etwas zu sehr. «Ich versuche loszulassen, mit einem Ski-Kollegen mache ich gerne Witze, doch es braucht Ordnung, Respekt und Disziplin. In unserem Beruf kann jeder Fehler dramatische Folgen haben! Ich sage immer, bei der SBB gibt es zwei Arten zu arbeiten: die gute und die schlechte. Mit der schlechten beschäftige ich mich leider oft, denn die SBB bezahlt die Instandsetzung. Mir wäre es lieber, sie würde dieses Geld in die Pensionskasse investieren, statt zweimal dieselbe Arbeit zu finanzieren.»

Errungenschaften verteidigen

Michel war nicht von Anfang an gewerkschaftlich aktiv – trotz Familientradition. Sein Vater Daniel, «Tutu», war Präsident der Waadtländer Sektion des Betriebs- und Verkaufspersonals SBV und danach Co-Präsident PV Waadt. «Früher hatte das Sicherungspersonal seine eigene Sektion, die PSA, doch diese wurde wegen ToCo aufgelöst. Wir Sicherungsexperten waren beim BAU eine Minderheit, unsere Forderungen sind in denen der anderen untergegangen. Es war schwer, sich Gehör zu verschaffen und motiviert zu bleiben. Eine Zeit lang hatten wir mit Gilbert Escher und Jean-Maurice Monay zwei Gallionsfiguren, die sich trotzdem aktiv engagierten. Also sagte ich mir: Herummotzen kann jeder. Entweder, ich lasse mich in den Hintergrund drängen, oder ich engagiere mich. Dann habe ich mich als GAV-Delegierter zur Wahl gestellt. Im April 2018 wurde ich an der Sektionsversammlung gewählt.» Und seit ein paar Wochen ist Michel Turin Sektionsvizepräsident.

Sein wichtigstes Ziel: «Ich kämpfe dafür, dass die Errungenschaften unserer Eltern nicht wieder verschwinden. Was für eine Arbeitswelt hinterlassen wir den künftigen Generationen?» Er sieht seine Rolle darin, immer wieder daran zu erinnern, was man schon alles erreicht hat. «Die SBB-Leitung hat ihr altes Bähnlerherz verloren. Es folgt Reorganisation um Reorganisation, doch die eigentliche Arbeit bleibt die gleiche. Man braucht uns nicht daran zu erinnern, kundenorientiert zu sein. Wir lieben unseren Job, wir arbeiten ganz bewusst für die Kundschaft.»

Sein Engagement und seine grosse Identifikation mit dem Beruf bewegen Michel dazu, Klartext zu reden. «Wenn ich meine Meinung im Intranet der SBB sage, bekomme ich dafür von der Geschäftsleitung natürlich nicht nur Applaus.» Rigoros und bodenständig – das ist Michel.

Vivian Bologna/Übersetzung: Karin Taglang

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