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Auf den Spuren von...

Martine Paccard, «Voltigeuse» bei den TPG

Ihr Herz schlägt für Freiheit und Solidarität. Und so hat sich die Bus- und Tramführerin Martine Paccard den Weg freigekämpft, um ihren fünf Kindern eine Zukunft zu bieten und sich für ihre Kolleginnen und Kollegen einzusetzen.

Martine Paccard fährt Busse und Trams, Tag und Nacht. Gerne hätte sie geregeltere Arbeitszeiten.

Martine Paccard wirkt unscheinbar. Sie spricht leise und einfach. Gewiss bemerkt man ihre schwarzen Haare, die grossen Ohrringe und den intensiven Blick, und man spürt viel Überzeugung und Bestimmung in ihr. «Wenn wir in Verhandlungen mit der Direktion der Genfer Verkehrsbetriebe TPG sind, wo sie als Tram- und Busfahrerin arbeitet und Vorstandsmitglied des SEV-TPG ist, nimmt man sie erst kaum wahr», sagt Gewerkschaftssekretärin Valérie Solano. «Aber wenn der Moment gekommen ist und sie eine Schwachstelle entdeckt, ergreift sie das Wort. Ihre Argumente überzeugen. Sie erklärt, weshalb es fast unmöglich ist, das Familien- und Sozialleben zu organisieren, wenn man seinen Dienstplan erst vier Tage im Voraus erfährt.»

In den zehn Jahren, die sie bei den TPG arbeitet, war sie fast immer eine sogenannte «Voltigeuse», eine Springerin, die keinen festen Dienstplan hat, sondern Lücken füllt, die durch den Ausfall kranker Kollegen entstehen. Ihr wurde versprochen, das sei vorübergehend. Einige Jahre am Anfang, danach werde es sicherer... Die Jahre vergingen, ohne dass sich etwas änderte. Martine wehrt sich weiter. Sie hat schon anderes durchgemacht, und es gibt heute nicht mehr viel, das sie beeindrucken kann.

Mit gutem Beispiel voran

Dazu muss man wissen, dass sie Gesetze übertreten musste, um dahin zu kommen, wo sie heute ist. Ungeschriebene, aber nicht weniger gewichtige Gesetze. Die Gesetze der Fahrenden, zu denen sie gehört, und die es nicht gerne sehen, wenn eine Frau nach dem Tod ihres Mannes wieder heiratet, arbeitet und sich engagiert: «Ich war wohl etwas zur Rebellin veranlagt. Denn es gab Dinge, die ich nicht mehr akzeptieren konnte. Ich war die Frau im Haus. Ich hatte zu schweigen. Dagegen habe ich gekämpft. Eines Tages bin ich aufgestanden und habe mir gesagt, dass sich mein Leben ändern muss. Ich habe mich von meinem zweiten Mann getrennt und darauf gepfiffen, was man dazu sagt. Ich habe meine fünf Kinder genommen und bin gegangen. Ich wollte arbeiten, um ihnen ein gutes Beispiel zu sein und ihnen die Möglichkeit zu geben, einen anderen Weg zu gehen.» Sie leugnet ihre Herkunft nicht, will sich aber nur deren gute Seiten bewahren: eine gewisse Freiheit, den Respekt für die Vorfahren, die Festessen. «Ich lebe heute sesshaft, aber das bleibt in mir drin. Das ist in meinem Blut, in meinem Kopf. Da ist mein Stolz. Da sind meine Wurzeln,» sagt sie.

Der Schlüssel zu einem neuen Leben

Der Anfang ist schwierig. Alleine, ohne den Halt ihrer Gemeinschaft, ohne Beruf und Arbeit lebt sie in zwei Wohnwagen ohne Wasser und Strom. Mit zwei Töchtern und drei Söhnen, für die sie sorgen muss. Per Zufall sieht sie in einer Zeitung eine Stellenanzeige der Verkehrsbetriebe. Bus zu fahren scheint ihr leicht, schliesslich ist sie mit Lastwagen, Wohnwagen und Anhängern vertraut. Sie verschafft sich den Schlüssel zum neuen Leben: den Fahrausweis. So wird sie 2005 Busfahrerin in Annemasse. Oft kreuzt sie Fahrzeuge der TPG, wenn ihre Linie die Grenze überquert. Nach der Kündigung in Frankreich bewirbt sie sich in Genf und wird auf den 1. April 2008 angestellt.

Wie alle Neuen beginnt sie als Springerin. Mit steigendem Dienstalter hofft sie auf ein etwas geregelteres Leben. Tatsächlich kommt sie bald in den Schichtplan, muss aber nehmen, was frei ist: Arbeit fast jedes Wochenende, Feierabend um 1 Uhr nachts, dann 22 Uhr, 18 Uhr, 14 Uhr. Sie muss auf die Hilfe ihrer ältesten Tochter zählen. Martine will sich im Betrieb weiter entwickeln, macht den Tramausweis für mehr Abwechslung. Aber es bewegt sich wenig und sie wird wieder Springerin, ohne Wünsche zu den Arbeitszeiten anbringen zu können. «Als Berufsfrau und Mutter ist es sehr schwierig, sich zu organisieren. Die TPG müssen aufhören, die Einsätze zu flexibilisieren, sondern eine Lösung finden, die uns ein geregeltes Leben ermöglicht!»

Die Gewerkschaft, eine Männerwelt mit 10% Frauen bei den TPG, schreckt sie anfänglich eher ab. Ein Kollege drängt sie zum Mitmachen, macht ihr Lust auf den Einsatz. «So bin ich auf den gewerkschaftlichen Weg gekommen. Sehr prägend war für mich unser Streik im November 2014. Ich habe dabei intensive zwischenmenschliche Erfahrungen gemacht. Die Solidarität, der Moment, als meine Kollegen ihre Ängste überwunden und die Kraft der Gemeinschaft erfahren haben, bleibt tief in mir verankert. Ich kann nur betonen, wie wichtig es ist, dass eine Gewerkschaft sich vor Ort einsetzt, und dass unsere Kolleginnen und Kollegen mit dabei sind.» Mit dem Einsatz im SEV schaffte sie sich eine zweite Familie: «Mein Sozialleben ist hier».

Yves Sancey/pmo
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