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Grosser Erfolg des «Marche mondiale des femmes» – Aufruf zur Solidarität mit den Frauen der ganzen Welt

Ja – her mit dem schönen Leben!

8 000 waren wir, die unter der Sonne von Bern für die Rechte der Frauen demonstrierten, teilweise gemeinsam mit unseren Partnern, die diesen Kampf aktiv unterstützen. Mit dem Slogan «Her mit dem schönen Leben!» setzten die Frauen des «Marche mondiale» die Geschlechtergleichheit wieder auf die politische Agenda.

Frauendemo auf dem Bundesplatz

Samstag, 13. März 2010, 13 Uhr: Die Schützenmatte, Treffpunkt des dritten «Marche mondiale des femmes», füllt sich nach und nach mit bunten, fröhlichen Farben. Bereits steigen die ersten violetten Ballons – violett ist die Farbe des «Marche mondiale» – in den wolkenlosen, azurblauen Himmel. Auch SEV-Präsident Giorgio Tuti reiht sich in den Demonstrationszug ein, einen fröhlichen Umzug, in dem sich die Phantasie und Kreativität der Frauen mit ihren klaren und dezidierten Forderungen paart. Denn die Rechte der Frauen sind noch weit davon entfernt, respektiert zu werden. Mancherorts werden sie auch heute noch täglich missachtet und geradezu mit Füssen getreten.

Von der Spitze des Umzugs hört man den Ruf «Solidarität mit den Frauen dieser Welt!». Diese ist dringend nötig, denn in anderen Ländern sind die Frauen zum Schweigen verurteilt. Es ist ihnen nicht möglich wie den 8 000 Demonstrantinnen von Bern, ihre Anliegen öffentlich zu vertreten. Im Namen des «Marche mondiale» unterstreicht Marianne Ebel, dass wir «durch die Strassen von Bern marschieren gegen Armut und die Gewalt gegen Frauen. Wir marschieren, um klar zu machen, dass das Leben nicht dazu da ist, zu leiden und Gewalt und Armut zu erdulden. Das Leben ist kurz. Deshalb wollen wir, das alle Frauen ihr Leben ungehindert leben können, ungeachtet ihrer Herkunft, egal ob immigriert oder nicht, ob jung oder alt. Von diesem Ziel sind wir noch weit entfernt.» Die SGB-Frauengruppe Tessin und Moesa fordert auf ihrem Spruchband mit Worten von Virginia Woolf zur Solidarität mit allen Frauen in allen Ländern auf: «Als Frau habe ich kein Vaterland, meine Heimat als Frau ist die ganze Erde.»

Wofür haltet Ihr uns?

An die mitmarschierenden Männer gewandt fährt Marianne Ebel fort: «Wir sind hier, um unsere Entschlossenheit und Bereitschaft zu zeigen, gemeinsam und solidarisch so lange zu kämpfen, bis wir in Freiheit und Frieden leben können – in einer Gesellschaft, in der Gerechtigkeit und Gleichstellung Realität sind.» Inzwischen ist der Bundesplatz zum Bersten voll von fröhlichen Menschen, die «Her mit dem schönen Leben!» skandieren. Aber was bedeutet das? Es bedeutet, sich zu Hause und im öffentlichen Raum sicher zu fühlen; für gleiche Arbeiten den gleichen Lohn zu erhalten; gleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt, in Politik und Institutionen zu geniessen. Vierzehn Jahre nach Inkrafttreten des Gleichstellungsartikels (am 1. Juli 1996) sind wir davon noch weit entfernt! Aus diesem Grund haben die Verbände und Gewerkschaften eine neue Offensive lanciert, um die Gleichstellung wieder zuoberst auf die politische Agenda zu setzen. Denn die Frauen wollen nicht für die Krise bezahlen. «Wofür haltet ihr uns? Wir werden nicht zulassen, dass das AHV-Alter unter dem Vorwand der Gleichheit heraufgesetzt wird», stellt Ursula Mattmann, Präsidentin der Unia-Frauen, vor dem Bundeshaus klar. Andere Sprecherinnen verlangen gleiche Löhne für gleiche Arbeit, eine uralte Forderung, die nach wie vor nicht erfüllt ist.

Einige Gruppierungen haben den Slogan «Wir wollen das Brot und die Rosen» wieder auferstehen lassen, den 1912 die streikenden Arbeiterinnen von Massachusetts auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Diese pochten damit auf ihr Recht auf das Lebensnotwendige, wozu auch Würde, Respekt, Liebe, Freiheit und Poesie gehören.

Wir leben offensichtlich in einer Periode kultureller Restauration: Im Namen einer angeblichen Naturordnung liebäugelt man wieder mit der Rückkehr der Frauen an den Herd, der Körper der Frau wird wieder bloss als Objekt wahrgenommen und emanzipierte Frauen, die einen alternativen Lebensstil pflegen, werden an den Pranger gestellt. Jeder auch noch so kleine und mühsame Schritt in Richtung Emanzipation war eine grosse Eroberung. Deshalb können und dürfen wir Rückschritte keinesfalls tolerieren.

Françoise Gehring

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