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Erste GAV-Konferenz zum SBB-Gesamtarbeitsvertrag 2011

Die Diskussion über die Weiterentwicklung des GAV SBB/Cargo ist eröffnet

Ziel der GAV-Konferenz vom 27. Mai in Bern war nicht, bereits Beschlüsse zu fassen, sondern eine erste Auslegeordnung der Forderungen und Meinungen vorzunehmen. Alle Mitglieder sind eingeladen, bis Ende September über ihre Sektionen und Unterverbände ihre Anliegen in Sachen GAV SBB einzubringen.

Delegierte der GAV-Konferenz

Der für den Bereich SBB zuständige SEV-Vizepräsident Manuel Avallone erläuterte einleitend die Rolle der GAV-Konferenz: Sie ist auf der Arbeitnehmerseite das Schlüsselgremium für die GAV-Verhandlungen, denn bei ihr kommen alle Anträge zu den GAV-Verhandlungen zusammen – auch solche der Personalkommissionen (Peko). Für diese will der SEV im September eine spezielle Konferenz zum Thema GAV 2011 durchführen, zusammen mit Transfair, VSLF und Kaderverband.

Aufgrund der Inputs, die vom SEV-Zentralsekretariat gesammelt und zusammengefasst werden, verabschiedet am 21./22. Oktober die zweite GAV-Konferenz einen ers- D ten Forderungskatalog und Stossrichtungen für die Verhandlungen, die im Frühjahr 2010 beginnen sollen. Noch nicht festgelegt ist das Datum der dritten GAVKonferenz im nächsten Frühjahr. Sie wird das Verhandlungsmandat der Arbeitnehmerdelegation verfeinern. Weitere Konferenzen werden später über Annahme oder Ablehnung der Verhandlungsergebnisse entscheiden und allenfalls Mobilisierungsmassnahmen in die Wege leiten, um Druck aufzubauen für ein akzeptables Ergebnis.

Delegierte als Bindeglied zur Basis

Manuel Avallone warnte, dass die Verhandlungen schwierig werden könnten angesichts der Unterdeckung der Pensionskasse und der aktuellen Wirtschaftskrise, die vor allem die SBB-Gütertochter hart trifft.

«Als Delegierte tragt ihr grosse Verantwortung!», unterstrich der SEV-Vizepräsident. Das gelte besonders für die Meinungsbildung bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Er rief die Delegierten auf, die Diskussion über die GAV-Weiterentwicklung in ihrem beruflichen Umfeld schon jetzt zu lancieren. Nur so komme man zu einer breit abgestützten Verhandlungsposition, für die das Gros der Mitarbeitenden auch persönlich einzustehen bereit ist. «Es ist wichtig, dass der GAV in allen Köpfen ist!»

Danach äusserten sich Gewerkschaftssekretäre SEV zu möglichen Inhalten. Der Leiter des SEV-Kompetenzzentrums Arbeitszeit, Martin Allemann, sprach die Bereiche Ruhe- und Ausgleichstage, Nachtdienst 2 und Überzeit an. Statt einfach bisherige Forderungen zu wiederholen, empfiehlt er, die heutigen Bedürfnisse des Personals zu formulieren und auf dieser Grundlage Begehren an die SBB zu richten. Diese liessen sich dann besser begründen und durchsetzen.

Einfacheres Lohnsystem nicht unbedingt besser

Der Leiter des Lohnteams, Nick Raduner, begann seine Ausführungen mit einer kleinen Provokation: «Ich bin stolz darauf, dass das Lohnsystem so kompliziert ist.» Mit dem GAV 2005 habe die SBB nämlich das Lohnsystem auf eine Art und Weise vereinfachen wollen, die für das Personal sicher nicht vorteilhaft gewesen wäre. Als logische Konsequenz davon lasse sich eine gewisse Kompliziertheit des Lohnsystems nicht vermeiden, da nicht alle Mitarbeitenden über den gleichen Leisten geschlagen werden könnten.

Raduner nannte als mögliche Forderungen an die SBB unter anderem den vollumfänglichen Teuerungsausgleich, jährliche Lohnverhandlungen zu Reallohnerhöhungen sowie ein Verbot von Anstellungen unter dem Tiefstwert. Weitere Begehren seien der Verzicht auf Elemente der Leistungsorientierung und eine Aufwertung der Personalbeurteilung, um die Mitarbeiterentwicklung zu verbessern. Das heisst, es sollten jährlich Entwicklungsmassnahmen beschlossen und auch wirklich umgesetzt werden.

NOA nicht befristen, sondern ausbauen

Eine zeitliche Befristung der Aufenthaltsdauer im Programm Neuorientierung und Arbeit (NOA) könnte ein Thema werden, fuhr Manuel Avallone fort. Diese wäre aber nicht kompatibel mit dem Grundgedanken des Contrat social, dass nämlich die SBB aus betrieblichenoder wirtschaftlichen Gründen niemanden entlassen darf, während der SEV im Gegenzug notwendige Reorganisationen mitträgt, wohlverstanden mit einem Mitspracherecht. Der Contrat social habe sich in den letzten Jahren für die Mitarbeitenden mit sogenannten Monopolberufen sehr bewährt. Aber auch das Unternehmen habe davon profitiert: Erneuerungen im Unternehmen wurden ohne grössere Konflikte umgesetzt.

In der Realität sei es auch so, dass nur ganz wenige Stellenlose über lange Zeit im NOA verbleiben, so Avallone weiter. Es gebe also keinen Missbrauch, der eine zeitliche Befristung rechtfertigen würde. Hingegen sollte NOA aus SEV-Sicht präventiv ausgebaut werden, um die Mitarbeitenden bereits vor einem drohenden Stellenverlust weiterzuentwickeln.

Peko nicht vom Personal abheben

Bei der betrieblichen Mitwirkung könnte die Frage der Professionalisierung der Personalkommissionen (Peko) für Diskussionen sorgen. Dem stehe der SEV kritisch gegenüber, weil sich die Peko damit vom Personal entfernen würden, erklärte Manuel Avallone.

Über diese und weitere Themen entstand eine angeregte Diskussion, die von selbst lief, denn die Delegierten hatten schon vor der Konferenz Dutzende Anträge eingereicht und sich viele Gedanken gemacht, die sie anbringen wollten.

Zum Schluss betonte Manuel Avallone aufgrund vorgebrachter Beispiele punkto Ungleichstellung der Geschlechter, mangelnder Unterstützung bei der Weiterbildung sowie Wissenslücken der Chefs bei Personalbeurteilung, Arbeitszeit und Lohn, dass die schönsten Worte in einem GAV nichts nützen, wenn ihnen keine Taten folgen.

Markus Fischer

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