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Gilbert D’Alessandro, Zentralpräsident VPT: «In Olten habe ich neue Gesichter gesehen. Das hat mich gefreut.»

Solidarität – mehr als nur ein Wort

Ein Präsident kann nie 100-prozentig zufrieden sein. Denn um die Gewerkschaft zu stärken, muss er stets nach dem Besten streben und sich hohe Ziele stecken.

Und zwar gewerkschaftliche Ziele, die dem Schutz der Arbeitsbedingungen dienen. «Aus diesem Grund hat der VPT beschlossen, die Arbeitsmedizin in den Fokus unserer gewerkschaftlichen Arbeit und unserer Delegiertenversammlung zu stellen», erklärt Gilbert D’Alessandro, Zentralpräsident des VPT. «Bei vielen von uns führt die Arbeit zu Müdigkeit, Stress oder gar Krankheit. Die Last auf unseren Schultern wird stetig grösser und bringt eine Serie von Krankheiten mit sich, die wir früher gar nicht kannten. Das ist wichtig zu verstehen, denn der Strassenverkehr hat sich nicht geändert; die Fussgänger bleiben Fussgänger, und Velos sind immer noch Velos. Aber wir Chauffeure werden dauernd ausgepresst.»

Sicher ist die gewerkschaftliche Arbeit schwierig in diesem politischen Klima, das wenig Wert auf soziale Gerechtigkeit legt, und inmitten des Trends hin zur totalen Liberalisierung. «Wir müssen immer den Menschen in den Mittelpunkt stellen, und vor allem müssen wir die Arbeit und jene, die sie jeden Tag verrichten, wertschätzen. Den Arbeiterinnen und Arbeitern wird immer mehr abverlangt; sie müssen immer weitergehen. Es hagelt Vorwürfe, doch niemand bedankt sich mehr», sagt der Zentralpräsident.

Gilbert D’Alessandro, aufrichtig und kämpferisch wie er ist, verurteilt die Enthumanisierung der Arbeit, die durch eine noch nie da gewesene neoliberale Welle ausgelöst wurde: «Flixbus zum Beispiel ist ein Kind dieser Zeit. Genau wie auch das Uber-Phänomen. Wir sind darüber sehr besorgt, jedoch nicht überrascht. Man muss nur die Schweizer Politik verfolgen und man merkt sofort, woher der Wind weht. Um auf Flixbus zurückzukommen, muss man sagen, dass die Sache noch weit schlimmere Konsequenzen hat, nebst dem unlauteren Wettbewerb: Sie öffnet die Türen für eine massive Verschlechterung der Arbeitsbedingungen.» Und die Chauffeurinnen und Chauffeure, unter ihnen auch Gilbert selbst, werden oft besonders belastet. Nehmen wir zum Beispiel «Via sicura»: «Mit der Petition, die heute verabschiedet wurde (siehe Box rechts), setzen wir den Akzent auf den grossen Druck, den Via sicura auf das fahrende Personal ausübt. Das Paket sieht nicht nur extrem rigide Normen vor, sondern es entzieht den Richtern jeglichen Ermessensspielraum.»

Dem VPT-Zentralpräsidenten mangelt es also nicht an Herausforderungen – im Gegenteil. «Ich habe heute neue Gesichter an unserer Tagung gesehen. Das hat mich sehr gefreut. Aber ein Präsident kann niemals 100 Prozent zufrieden sein», betont D’Alessandro. «Denn er muss immer Wachstum und weitere Verbesserungen zum Ziel haben. Das ist ein Grundprinzip des Amts. Dennoch erlaube ich mir, einen Wunsch zu äussern: Die Solidarität darf nicht nur ein schönes Wort bleiben. Sie muss der Motor unseres gewerkschaftlichen Handelns sein. Solidarität heisst, die Probleme und Sorgen zu teilen, und es heisst, zusammen auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten. Die Solidarität ist die einzige Waffe gegen die Individualisierung der Gesellschaft, die zu nichts Gutem führt. Deshalb wünsche ich mir sehr, dass die Solidarität nicht nur ein Slogan bleibt, sondern dass sie unsere Aktionen leitet. Und je zahlreicher wir sind, desto stärker sind wir. Zum Schluss möchte ich zum Werben aufrufen. Wir müssen wachsen – alle zusammen.»

Françoise Gehring/kt

Petition Via sicura

Der Beruf des Busfahrers ist sehr anspruchsvoll, der kleinste Fehler kann schwere Konsequenzen haben. Der Druck, den Fahrplan einzuhalten, das Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer und Aggressionen von gestressten Kunden fordern eine grosse Belastungstoleranz.

Seit der Einführung von via sicura ist das Risiko, den Führerschein für über 3 Monate zu ver- lieren, höher geworden. Der Richter hat in vielen Fällen kei- nen Handlungsspielraum mehr, und die Sanktion erfolgt dementsprechend quasi automatisch.

Der Berufsfahrer muss sich ständig bewusst sein, dass ein privat begangener Verstoss gegen die Bestimmungen des Bundesgesetzes über den Strassenverkehr (SVG) auch schwere Konsequenzen für seinen beruflichen Fahrausweis haben kann und er damit den Verlust seines Arbeitsplatzes riskiert. Dadurch ist er Opfer einer doppelten Strafe.

Deshalb ersuchen die Unterzeichnenden dieser Petition den Bundesrat, das SVG so anzupassen, dass dem Richter erlaubt ist, die Situation unter Berücksichtigung konkreter Umstände einzuschätzen, und die Sanktionen auf privater und beruflicher Ebene markanter als bisher zu differenzieren.

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