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Suizidpräventionskampagne «Reden kann retten»

«Niemand bringt sich gerne um»

Das Thema Suizid ist in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Tabu. Dagegen kämpfen die SBB und ihre Partner mit ihrer Präventionskampagne «Reden kann retten». Der SEV hat diese wichtige Kampagne mit einem finanziellen Beitrag unterstützt, denn ein Suizid trifft immer mehrere Leben.

Tobias Ebinger.

Tobias Ebinger – so heisst der Initiant der SBB-Suizidpräventionskampagne «Reden kann retten». Der Vater zweier Kindern wohnt in der Berner Eisenbahner-Baugenossenschaftssiedlung Weissenstein.

Tobias Ebinger, Sie leiten die Suizidpräventionskampagne «Reden kann retten» der SBB. Wie kam es dazu?

Ich habe vor 19 Jahren bei der SBB angefangen. Damals zog ich ins Eisenbahner-Quartier Weissenstein, wo viele Lokführer wohnen. Ich habe mich immer gerne mit ihnen über den Gartenzaun unterhalten. Dabei haben mir fast alle irgendwann erzählt, dass sie bereits einen Personenunfall erlebt hatten oder Angst davor haben, dass es passieren könnte. So merkte ich, dass dies eine enorme Belastung für das Lokpersonal und weitere Berufsgruppen ist. Ich war im Marketing tätig und hatte die Idee, dass die SBB eine Suizidpräventionskampagne starten sollte, aber mein damaliger Chef wollte nicht.

Warum nicht?

Aus Respekt vor dem Werther-Effekt. Man war damals noch der Ansicht, dass Kommunikation über Suizide zu Nachahmungstaten führt, unabhängig von der Herangehensweise. Doch mich hat die Idee nicht losgelassen und ich habe mich weiterhin damit beschäftigt. Dabei bin ich auf zahlreiche Studien gestossen, die zeigen, dass man den Werther-Effekt mit lösungsorientierter Kommunikation ins Gegenteil kehren und den Betroffenen helfen kann. Also entwickelte ich das Konzept weiter, bis die Konzernleitung meine Kampagne schlussendlich abgesegnet hat. Mit dem Kanton Zürich fand ich gleich zu Beginn einen starken Partner, denn auch sie planten eine Suizidpräventionskampagne. Also riefen wir zusammen einen Fachbeirat ins Leben, der uns bei der Umsetzung beriet, und setzten die Kampagne gemeinsam um.

Die Kampagne heisst «Reden kann retten». Weshalb?

Suizid ist nach wie vor ein Tabuthema. Es ist ein Mythos zu glauben, dass man einen Suizid erst recht auslöst, wenn man darüber spricht – das Gegenteil ist wahr, zeigt die Forschung. Über Suizidgedanken zu sprechen ist die beste Prävention, und zwar beidseitig: wenn’s jemandem in deinem Umfeld oder dir selbst schlecht geht. Doch die Hürde ist gross. Dieses Stigma wollen wir mit unserer Kampagne brechen.

Warum setzt sich die SBB überhaupt für die allgemeine Suizidprävention ein? Sie könnte sich doch auf Schienensuizide beschränken …

Die SBB macht diese allgemeine Suizidpräventionskampagne in der Hoffnung, die ganze Suizidrate zu senken, was ja automatisch zu weniger Schienensuiziden führen würde. Alles andere wäre zynisch – als würden wir an die Suizidenten appellieren, es einfach auf andere Weise zu tun. In Japan wurden sogar Schilder aufgestellt, man solle nicht zu Hochfrequenzzeiten springen …

Im Ernst?

Ja! Und zwar, weil es den Verkehr dann am meisten stört. Doch auch bei uns darf nie vergessen werden, dass es sich bei dem- oder derjenigen, der einen Suizid begeht, in erster Linie um ein Opfer handelt, auch wenn andere Beteiligte in Mitleidenschaft gezogen werden. Jemand, der so verzweifelt ist, macht sich keine Gedanken mehr darüber, ob er es jetzt hier oder dort tun sollte und mit welcher Methode. Oder welche Menschen er damit in Mitleidenschaft zieht. Der Suizid ist einfach der letzte Ausweg, den die Person noch sieht. Niemand bringt sich gerne um!

Wann startete die Kampagne und wie lange dauert sie?

Die Kampagne wurde am weltweiten Suizidpräventionstag, dem 10. September 2016, lanciert und dauert bis Ende 2018. Sie ist in drei Phasen gegliedert: In der ersten Phase ging es um die Enttabuisierung. Jetzt befinden wir uns in der zweiten Phase, deren Zielgruppe Erwachsene und ihr Umfeld sind. Hier steht die Notfallnummer 143 der Dargebotenen Hand im Vordergrund. 2018 werden wir uns an Jugendliche richten und Hand in Hand mit Pro Juventute und ihrer 147-Notfallnummer zusammenarbeiten.

«Ein Suizid betrifft mehrere Leben», lautet die Botschaft der Suizidpräventionskampagne «Reden kann retten».

Warum dieser Fokus auf Jugendliche?

Bei Jugendlichen ist Suizid besonders tragisch, weil die Opfer noch ihr ganzes Leben vor sich haben und es sich häufig um Affektsuizide handelt, also um eine Kurzschlusshandlung. Bei Erwachsenen ist Suizid vielfach auch das Ende eines langen Leidenswegs, zum Beispiel einer Krankheit. Egal ob bei Erwachsenen oder Jugendlichen, am Ende geht es immer darum, ob man sich traut, über sein Leiden zu sprechen und Hilfe zu suchen respektive auf jemanden in Not zuzugehen – egal ob das jetzt Mobbing, Burnout oder eine Depression ist.

Und wie wollt ihr die Jugendlichen erreichen?

In der Erwachsenen-Kampagne haben wir auf Testimonials gesetzt, also auf Aussagen von Menschen, die eine Krise bewältigt haben, indem sie darüber geredet haben. Jugendliche müssen wir in einer anderen Sprache ansprechen. Also werden wir die Perspektive umdrehen und eher auf Aussagen von Personen setzen, die jemand anderem aus einer Krise geholfen haben. Ausserdem kooperieren wir mit den Organisationen «Stop Suicide» und «Children’s Action» aus Genf, die seit über zehn Jahren sehr erfolgreiche Suizidpräventionskampagnen für Jugendliche durchführen. Sicher werden wir weiterhin auf die Online-Kanäle setzen. Wir prüfen auch, ob wir einen kurzen Film zum Thema machen können – für die sozialen Netzwerke.

Gut zwei Drittel der Kampagne sind um. Können Sie aus den ersten zwei Phasen bereits ein Fazit ziehen?

Ja, die Kampagne ist ein Erfolg! Auf der Webseite www.reden-kann-retten.ch informieren sich täglich 500 Besucher/innen. Auch die Verweildauer ist hoch. Ob die Suizidrate aufgrund der Kampagne langfristig zurückgehen wird, lässt sich wohl erst in ein paar Jahren sagen. Aber die erfreulichen Besucherzahlen weisen darauf hin, dass die Sensibilisierung in der Gesellschaft funktioniert.

Wie geht es weiter, wenn die Kampagne zu Ende ist?

Wir hoffen natürlich, dass die Kampagne einen nachhaltigen Effekt haben wird. Ganz wichtig ist, dass die Webseite auch über die Kampagne hinaus bestehen bleiben kann.

Karin Taglang


Vincent Barraud

Weg mit dem Tabu

Der 28-jährige Vincent Barraud ist Lokführer in Genf. Vor acht Jahren musste er einen Personenunfall erleben. Darauf folgte ein Prozedere, das «relativ gut funktionierte». Dank einer persönlichen Begleitung und seinem Umfeld, das immer ein offenes Ohr hatte, konnte Vincent Barraud nach drei Tagen wieder in den Führerstand steigen. «Trotzdem war es ein traumatisches Erlebnis, besonders in einer Zeit, in der man kaum noch mit dem Tod konfrontiert wird – geschweige denn mit einem so gewaltsamen», erzählt er. «Aber das Thema wird unter dem Lokpersonal nicht mehr so stark tabuisiert wie vor einigen Jahren. Heute kann man zusammen darüber reden.» Doch von der Präventionskampagne hörte er nur in den Medien. Seitens der SBB erhielt er keine spezifische Ausbildung zu diesem Thema.

Die Kampagne unterstützt Vincent Barraud gerne: «Es ist wichtig, darüber zu reden. Und wenn damit auch nur ein einziges Leben gerettet wird, dann war es ein Erfolg.» Die Erfolgschancen beurteilt er allerdings skeptisch: «Wenn ich Pause habe, halte ich Ausschau nach Personen, die sich trödelnd am Ende des Perrons bewegen. Natürlich funktioniert diese Kontrolle nur theoretisch; mit all den Leuten an den Bahnhöfen ist es eine praktisch unmögliche Mission.»

Und er findet: «Eine simple Kampagne kann das Problem nicht lösen.» Seiner Meinung nach gibt es zu wenig Informationen über die Gründe, warum jemand Suizidgedanken hat und allenfalls zur Tat schreitet. Zwar erkläre die Kampagne den Zusammenhang von Suizidgedanken mit Depressionen, und dass es sich dabei um eine Krankheit handelt, die geheilt werden kann, wenn sie rechtzeitig behandelt wird. Doch für Vincent Barraud ist die Kampagne in diesem Punkt «noch zu wenig bei den Leuten».

ysa/kt


Sven Zimmermann

Glück im Unglück

Sven Zimmermann aus Bern ist seit vier Jahren Lokführer bei der SBB. Vor einem Jahr hatte auch er einen «Personenunfall». Das ist seine Geschichte:

Es geschah mitten am Tag, als der junge Lokführer aus einem Bahnhof hinausfuhr und beschleunigte. «Ich sah die Person schon von weitem und konnte deshalb richtig reagieren. Also habe ich die Schnellbremsung eingeleitet, gepfiffen und mir die Ohren zugehalten. Von da an habe ich fast keine Erinnerungen, also nichts, was sich eingebrannt hätte», erzählt er.

Zimmermann hatte Glück im Unglück. Er war nicht alleine im Führerstand, sondern er hatte noch einen Auszubildenden dabei. Auch das Zugpersonal konnte ihn gut unterstützen. «Der Zugchef hat sofort seinen Kollegen zu mir nach vorne geschickt und der blieb die ganze Zeit bei mir. Ich war deshalb nie allein, das hat mir sehr geholfen.» Den Umständen entsprechend ruhig konnte Zimmermann seine Checkliste abarbeiten. «Schwierig wurde es eigentlich erst, als ich nichts mehr zu tun hatte», erinnert er sich. «Ich habe dann einfach in einen Apfel gebissen. Es hat mich beruhigt, etwas normales mit den Händen zu tun.» Deshalb ging Sven Zimmermann auch noch am gleichen Abend ganz normal mit Kollegen essen. «Ich habe von Anfang an viel darüber geredet und bin zwei Tage danach wieder begleitet fahren gegangen. Das würde ich auch jedem Kollegen raten, denn so habe ich es geschafft, mich bei meiner Arbeit wieder wohl und sicher zu fühlen.»

Schlafen kann Sven Zimmermann ruhig; Flashbacks hat er keine. «Ich fahre nach dem Unfall noch gleich wie davor. Ich bin nur viel schreckhafter geworden. Aber auf jeden Fall bin ich noch immer gerne Lokführer», sagt er zum Schluss. Sven Zimmermann ist mit dem Schrecken davongekommen, doch andere kämpfen monate-, ja jahrelang gegen die schrecklichen Erinnerungen und Schuldgefühle an.

kt

Diese Stellen sind rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und für ihr Umfeld da:

Beratungstelefon der Dargebotenen Hand: Telefon 143
Beratungstelefon von Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche): Telefon 147
Weitere Adressen und Informationen: www.reden-kann-retten.ch

Adressen für Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben:

Refugium - Verein für Hinterbliebene nach Suizid: www.verein-refugium.ch
Nebelmeer - Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils: www.nebelmeer.net

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