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Interview mit Pascal Fiscalini, dem neuen Gewerkschaftssekretär in Bellinzona

«Ich bin voller Enthusiasmus, mir aber der Grenzen bewusst»

Es ist ein bekanntes Gesicht im SEV: seiner früheren Funktion als Zugchef wegen, seiner Rolle als Vize-Zentralpräsident des ZPV und als Mitglied des SEV-Vorstands. Pascal Fiscalini hat ein sonniges und offenes Gemüt. Und mit diesem Geist tritt er seinen neuen Job an. Die Feuertaufe war nicht zu verachten: es begann gleich mit einem Streik. Jenem der Belegschaft der NLM auf dem Langensee.

Pascal Fiscalini in seinem neuen Büro in Bellinzona, «Büro Van Gogh» genannt: eine himmelblaue Wand vorn, eine gelbe Fläche hinten.

Man konnte ihn nicht übersehen an jenem Morgen des 25.Juni in Locarno: Die Dämmerung grüsste die Akteure der Vorgänge, die bald zum erfolgreichen Streik werden sollten. Nach der ersten Arbeitswoche im Regionalsekretariat in Bellinzona kam Pascal leichten, aber entschlossenen Schritts auf die Lände von Locarno mit der ihm eigenen Wärme in persönlichen Beziehungen. Im Laufe weniger Stunden gelang es ihm, von allen geliebt zu werden. Man hätte meinen können, all die Leute, die er zum ersten Mal sah, habe er schon immer gekannt. Das ist das Wesen von Pascal: zugänglich, direkt, mit sicherem und höflichem Händedruck, einem gewinnenden Lächeln, hellen und aufmerksamen Augen, denen kaum etwas entgeht. Mit dem Streik bei der NLM, der an diesem Junisonntag begann, hat Pascal seine wahre Feuertaufe erlebt.

Pascal, hast du einen derart bewegten Einstand erwartet?

Nie und nimmer. Aber es war der beste Anfang, den man sich vorstellen kann: mitten im Geschehen. Wirklich eine Feuertaufe!

Was brachte dir diese Erfahrung?

Es hat mir bestätigt, wie wichtig es für eine Gewerkschaft ist, wirklich bei den Leuten zu sein, was das Betriebliche wie das Menschliche betrifft. «Ein Streik ist keine Sonntagsschule»: Momente der Euphorie wechseln sich ab mit solchen der Entmutigung, der Angst und Sorgen. Der Kampf des Arbeiters trifft auch seine ganze Familie. Da sein, zuhören, Hoffnungen und Ängste teilen, das gehört auch zur Gewerkschaftsarbeit. Der Streik auf dem Schweizer Becken des Langensees war zweifellos eine Bereicherung für mich und er hat mir erlaubt, Kollegen anderer Gewerkschaften kennenzulernen, mit denen wir eine gute Zusammenarbeit hatten.

Nach vielen Jahren als aktiver Gewerkschafter bist du in Zukunft Gewerkschaftssekretär. Wie erlebst du diesen Rollenwechsel?

Manche Dinge ändern sich nicht. Ich will weiterhin nahe bei den Leuten bleiben, wie ich es schon als Milizgewerkschafter war. Auf der andern Seite bin ich mir bewusst, dass ich als Gewerkschaftssekretär andere Pflichten habe als früher. Ich bin jetzt in der Rolle desjenigen, der Lösungen finden und die Mitglieder rundum betreuen muss. Als Milizler hingegen konnte ich die Suche nach Lösungen bei Problemen und Konflikten ein Stück weit anderen überlassen; jetzt muss ich sie selber lösen.

In welcher Geisteshaltung willst du diese neue Herausforderung angehen? Hast du schon Ideen, wie du vorgehen willst?

Ich bin voller Enthusiasmus und offen für die Herausforderungen, aber ich bin mir auch meiner Grenzen bewusst. Ich habe einen unstillbaren Durst, zu lernen und meine Wissenslücken zu füllen, besonders auf dem Gebiet der Sozialversicherungen und des Rechts. Ich bin ein Mensch, der den Dingen gern auf den Grund geht. Und daran wird meine neue Arbeit nichts ändern, im Gegenteil. Mein Ziel ist es, alles zu tun, um Lösungen zu finden. Im Moment schwirren mir tausend Ideen durch den Kopf, vielleicht zu viele. Deshalb sage ich mir, dass es am besten ist, einen Schritt nach dem andern zu tun. Sicher kann ich im von SEV meinen Kenntnissen des Eisenbahnwesens, des öffentlichen Verkehrs und der Gewerkschaft Gebrauch machen. Die vielen Jahre, die ich als Milizfunktionär in der Gewerkschaft verbracht habe, haben es mir nicht nur ermöglicht, zahlreiche Leute aus allen vier Ecken der Schweiz kennenzulernen, sondern auch die Mechanismen innerhalb unserer Gewerkschaft. Dieser Rucksack wird mir sicherlich helfen, denn schliesslich hat es immer etwas mit den Leuten zu tun. Deshalb ist die Arbeit aus der Nähe zentral in der gewerkschaftlichen Arbeit. Im übrigen habe ich lange Zeit als Zugchef gearbeitet, wodurch ich gelernt habe, gut mit Leuten umzugehen – auch in Stresssituationen.

Was sind deine Prioritäten als Gewerkschaftssekretär?

Immer das Maximum zu geben, sei es bei Verhandlungen, bei Personalfragen oder in der Gewerkschaftspolitik. Das Maximum geben unabhängig davon, was am Ende herausschaut, sodass ich, auch bei einem bescheidenen Ergebnis, sagen kann, dass ich alles getan habe, was ich konnte. Für mich ist es besonders wichtig, den SEV immer in gutem Licht erscheinen zu lassen, unseren Gewerkschaftsgeist wie auch unsere Arbeitsweise, denn das gehört unabdingbar zur Identität unserer Gewerkschaft.

Was sind deiner Meinung nach die dringendsten Probleme bei der Eisenbahn?

Gegenwärtig das ganze Programm Railfit20/30 mit seinen nachteiligen Auswirkungen für die Mitarbeitenden der SBB. Es geht hier um Stellenstreichungen und Restrukturierungen mit massiven Auswirkungen auf die Angestellten. Auch die Verhandlungen über den GAV sind ein heisses Eisen. Die gegenwärtigen Bedingungen halten zu können, wird eine grosse Herausforderung sein, auf die sich der SEV mit dem gewohnten Ernst vorbereitet …

Worin hat sich die Eisenbahn laut dir verändert?

Ich habe 27 Jahre bei der Eisenbahn gearbeitet; es floss viel Wasser den Fluss hinunter. Hm, was soll ich sagen? Vieles hat sich geändert. Der Druck hat sich geändert, der auf dem Buckel der Angestellten lastet, wenn sie heute ihre tägliche Arbeit verrichten. Die Anforderungen sind gestiegen, die Erwartungen, die Forderung nach höherer Produktivität, und dies alles in einem Klima des Sparens, das vor allem das Personal trifft. Aber auch die Unternehmenskultur der SBB hat sich verändert. Es hat seit einigen Jahren ein rücksichtsloser Managementstil Einzug gehalten, durch den die sogenannten «Human Ressources» aus dem Blickwinkel der Produktivität behandelt werden und nicht aus jenem der Wertschätzung. Das Personal trägt dank seiner Motivation und seiner Erfahrung viel zum Erfolg des Unternehmens bei. Die SBB ist nicht privat, denn obschon sie eine AG ist, gehört sie zu 100% dem Bund. Aber der heutige Umgang mit dem Personal erinnert stark an die Privatwirtschaft.

Heute leiden alle Gewerkschaften an einer Krise der Repräsentativität. Eine ganze Generation, deren Gewerkschaftsgeschichte auch durch die Migration geprägt wurde, verschwindet. Alle Gewerkschaften haben mehr oder weniger Mühe, Neumitglieder zu gewinnen, insbesondere jüngere. Was müssen die Gewerkschaften angesichts dieses Wandels tun, um den Jungen näher zu kommen?

Die Gewerkschaften machen in der Schweiz wie im Ausland einen epochalen Wandel durch. Der Neoliberalismus, der die Liberalisierungsprozesse fördert, hat viele Regeln und Arbeitsbeziehungen ausgehebelt. Der technologische Wandel und die Digitalisierung sind für manche Gewerkschaften eine enorme Herausforderung, weil die Auswirkungen aufs Personal so gross sind und sein werden. Offensichtlich kann eine Gewerkschaft heute nicht die gleichen Rezepte liefern wie vor dreissig Jahren. Ebenso klar wartet auf die Arbeitnehmenden ein grosser Paradigmenwechsel. Natürlich hat jede Branche ihre eigene Geschichte, aber Hauptziel einer Gewerkschaft ist und muss es sein, konkrete, solide und nachhaltige Lösungen zu finden. Die Vertretung wird nur stärker, wenn die gewerkschaftlichen Instanzen spüren, was die Mitglieder bewegt. Und die Struktur des SEV, wo die Milizorgane für einen Austausch zwischen der Basis und dem Profiapparat sorgen, ist gut gerüstet für diese Herausforderungen. Dennoch muss man vor allem der jungen Generation, die – verglichen mit der vorhergehenden – weniger politisiert ist, besonderes Augenmerk widmen. Zusammen mit den Jungen muss auch die Kommunikation neu gedacht werden; der Zugang kann nicht der gleiche sein wie noch vor zehn Jahren. Trotzdem bin ich überzeugt, dass seine Erfolge das beste Werbeargument des SEV bleiben.

Die Arbeitswelt hat sich stark gewandelt, gerade im Tessin. Der Arbeitsmarkt steht unter Druck. Wie denkst du darüber?

Der Druck auf Arbeitswelt und -markt im Tessin ist spürbar und auch auf den Gesichtern vieler Leute zu sehen. Die Wirkung eines Riesen wie der Lombardei ist enorm und eine Konfliktquelle. Viele Arbeitgeber profitieren vom Grenzgängertum, nutzen den Wechselkurs und die Arbeitskräfte aus und schaffen perverse Effekte auf dem Arbeitsmarkt, von dem viele Einheimische ausgeschlossen werden. Diese wiederum, statt das System anzuklagen, wenden sich gegen die Grenzgänger – die ja nicht schuld sind. Deswegen verfolgt die gesamte Tessiner Gewerkschaftsbewegung mit grösster Aufmerksamkeit die Umsetzung der Volksinitiative «Retten wir die Arbeit im Tessin», die vom Volk 2015 angenommen worden ist. Sie verlangt die Einführung eines Mindestlohns. Im Tessin könnte man ihn auf 21 Franken pro Stunde festlegen. Wir werden sehen, was der Staatsrat vorschlägt. Unter diese Zahl darf man nicht gehen, obschon auch sie schon einen Teil der Politik zu erschrecken scheint. Es ist eine Frage der Würde.

Du wurdest angestellt, um Pietro Gianolli zu ersetzen, ein SEV-«Urgestein». Was heisst das für dich?

In einer solchen Situation verspürt man natürlich immer ein bisschen Angst, vor allem wegen Pietros enormer Erfahrung und seiner beneidenswerten Gewandtheit auf dem Gebiet der Sozialversicherungen. Er ist wirklich ein Kollege, der dem SEV äusserst viel gegeben hat.

Was wird deine Losung sein?

Stets durchhalten, auch wenn die Dinge einmal nicht so laufen, wie sie sollten oder wie wir es wünschen.

Wie war deine Aufnahme ins Regionalsekretariat in Bellinzona?

Es war ein Fest der Farben (lacht): das Sekretariat in Bellinzona wurde neu gestrichen, jeder Raum etwas anders. Und wir haben über Farbtherapie gesprochen (lacht erneut). Du siehst, Verbindungen ergeben sich auch über solche Momente des Einverständnisses.

Françoise Gehring/pan.

Bio

In zweiter Ehe mit Christine verheiratet, hat Pascal Fiscalini (geboren 1968) zwei Kinder und ist schon Grossvater. Als der gelernte Koch als Zugschef über die Gleise fuhr, sagte er sich, dass die Welt auch anderswie zu entdecken wäre. Der leidenschaftlich Reisende kocht und gärtnert auch gern in seinem Zuhause in Cresciano. Pascal ist neugierig, denkt positiv, ist redegewandt und kontaktfreudig. Als «meditativer Pfeifenraucher» – bitte in solchen Momenten nicht stören! – zieht er sich zum Aufladen der Batterien gern in die Natur zurück.

Kommentare

  • Antenen

    Antenen 14/09/2017 09:02:23

    Tout mes félicitation pour ta promotion !!! Bisous à Christine :

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