| Interview

Kongress vom 23./24. Mai: Das Präsidium freut sich auf Dynamik, emotionelle Höhepunkte und Geselligkeit

«Die Digitalisierung ist voll im Gang»

Der Kongress soll erstmals ein Positionspapier zur Digitalisierung verabschieden. Wie diese den Beruf des Zug- und Rangierpersonals verändert, erklären Andreas Menet und Danilo Tonina im Interview. Und sie blicken voraus auf die beiden Tage, die sie mit dem Zentralsekretariat seit Monaten vorbereiten.

Danilo Tonina mit SBB-Tablet: Im Rangier läuft heute viel über Apps.

kontakt.sev: Andreas, du präsidierst den Kongress zum dritten Mal. Was sind diesmal die Höhepunkte?

Andreas Menet: Es ist wieder eine bildwirksame Aktion geplant, so wie letztes Mal die Pellerinenaktion gegen die Liberalisierungspolitik des Bundesamtes für Verkehr (BAV). Weitere Höhepunkte sind sicher die Wahlen und die Rede von Giorgio Tuti. Aber auch die Aktionen der Unterverbände und andere Voten und Momente können emotionelle Höhepunkte werden. Diese lassen sich kaum planen.

Für dich, Danilo, ist es der dritte Kongress als Vizepräsident. Worauf freust du dich besonders – ausser auf das Bier nach Kongressschluss, wie du vor zwei Jahren sagtest?

Danilo Tonina: Weiterhin auf das Bier, auf meine Wahl als Vorstandspräsident, auf das Kongressbankett am Abend und die Pflege der Geselligkeit.

Was macht einen gelungenen, erfolgreichen Kongress aus?

AM: Wenn der Kongress lebt und dynamisch ist dank Aktionen, guten Wortmeldungen, Filmbeiträgen usw.

DT: Wenn er mediale Wirkung entfaltet und noch lange zu reden gibt: Die Pellerinenaktion zum Beispiel ist bis heute nicht vergessen. Wenn man Kameradschaft spürt und das Echo der Delegierten positiv ist.

Gibt es etwas, dem ihr mit Sorge entgegenblickt?

AM: Dieser zweitägige Kongress macht mir viel weniger Sorgen als der letzte, bei dem alles an einem Tag Platz haben musste. Ich kann mich wirklich freuen. Sorge bereitet mir eher der Kongressantrag des Vorstands, künftig nur noch eintägige Kongresse durchzuführen. Damit bliebe neben dem Durchpauken der Geschäfte kaum mehr Zeit für Spezielles wie Aktionen und für die Pflege der Kollegschaft. Damit würde der Kongress weniger vielfältig und attraktiv, das fände ich schade.

DT: Sorgen bereitet haben uns an den letzten Kongressen mündlich gestellte Änderungs- und Gegenanträge zu Kongressanträgen. Das führte oft zu Missverständnissen, Übersetzungsproblemen und Unruhe, wenn wir am Vorstandstisch nur mit Mühe heraushörten, was wirklich gemeint war, und die Delegierten bei der Abstimmung nicht mehr drauskamen. Deshalb haben wir entschieden, Änderungs- und Gegenanträge nur noch schriftlich entgegenzunehmen. So kann man die Anträge und Gegenanträge auf dem Bildschirm zeigen.

Bei welchen Themen rechnet ihr mit Meinungsverschiedenheiten und also lebendigen Debatten?

DT: Der Antrag für nur noch eintägige Kongresse wird sicher zu Diskussionen führen. Ebenso der Antrag des PV Winterthur-Schaffhausen, dass der SEV beim Bundesverwaltungsgericht gegen die Versteuerung des GA FVP klagen soll wegen Ungleichbehandlung, da ähnliche Vergünstigungen anderer Arbeitgeber angeblich nicht versteuert werden müssen. Weil dies aber nach dem Kenntnisstand des Vorstands nicht zutrifft, hält er eine solche Klage für aussichtslos.

Von links: Sonja Heinichen, Kongressadministratorin; Danilo Tonina, Kongressvizepräsident; Christina Jäggi, Organisationssekretärin; Andreas Menet, Kongresspräsident.

Unter den Positionspapieren, in denen der Kongress jeweils die Ziele des SEV für die nächsten zwei Jahre festlegt, trägt erstmals eines den Titel «Digitalisierung der Mobilität». Betrifft die Digitalisierung auch eure Berufskategorien Zugpersonal und Rangier?

AM: Die Digitalisierung verändert die Aufgaben des Zugpersonals. Künftig kann man die Billettkontrolle technisch organisieren mit dem Swisspass und dem System Be-In-Be-Out. Damit verlagert sich unsere Kernaufgabe in die Kundenbetreuung. Das neue Projekt zur Entwicklung unseres Berufsbildes heisst «Kundenbegleitung 2020» und bezeichnet uns nicht mehr als Zugpersonal, sondern als Kundenbegleiter.

Stört dich diese neue Berufsbezeichnung?

AM: Ja, denn sie sagt wenig aus über unsere Aufgaben und ist auf dem Arbeitsmarkt weniger attraktiv. Ikea, Coop, alle haben Kundenbegleiter/innen…Künftig werden wir nicht mehr nur auf dem Zug arbeiten, sondern vermehrt auf dem Perron als Kundenlenker/innen, wie beim Betriebsunterbruch in Luzern. Die Digitalisierung verändert auch die Mobilität im Allgemeinen: Zug, Bus, Taxi usw. werden in Apps vernetzt.

Betrifft dies das Zugpersonal direkt?

AM: Ja: Wenn die Reisenden alles auf dem Handy nachschauen können, brauchen sie weniger Auskünfte. Und wenn dank Carsharing und führerlosen Autos weniger Bahn gefahren wird, braucht es weniger Züge. Hinzu kommt die Konkurrenz der Fernbusse.

DT: Bei uns im Rangier ist die Digitalisierung auch schon voll im Gang. Zum Beispiel erhalten wir nun die Reglemente, Weisungen und News über unsere Tablets oder iPads, die sogenannten MIT-Geräte. Das ist für ältere Mitarbeitende, die an Papier und Weiterbildungskurse gewohnt waren, eine grosse Herausforderung. Doch es wird verlangt, dass die News und Vorschriftsänderungen, von denen einige sicherheitsrelevant sind, gelesen und verstanden werden.

AM: Auch wir müssen die für unseren Job relevanten Infos selber aus mehreren Apps herausfiltern. Das ist nicht so einfach und braucht Zeit. Wenn du etwas nicht weisst, sagt man dir, es stehe in dieser oder jener App, wo jeder Bereich selbstständig News aufschaltet.

DT: Früher haben die Vorgesetzten die Mitarbeitenden über die Änderungen informiert und gesagt, was wichtig ist. Heute müssen wir die Infos selber holen. Die Digitalisierung verändert das Berufsbild in den meisten handwerklichen Berufen, so auch bei den Rangierern. Das ist ein fortlaufender Prozess. Ein Beispiel ist der Einbau von Zugkontrollanlagen auf dem Schienennetz und von Sensoren in die Güterwagen, die etwa das Ladungsgewicht messen. Das verändert die Arbeit der technischen Kontrolleure.

Gibt es bald automatische Kupplungen?

DT: Das automatische An- und Abhängen von Wagengruppen, die in der Regel zusammenbleiben, ist Teil eines laufenden SBB-Projekts. Bis das automatische Kuppeln im Wagenladungsverkehr kommt, geht es aber noch ein paar Jahre, weil wir da grenzüberschreitend Wagen führen und somit die ausländischen Bahnen mitmachen müssen.

Welche Sorgen sind in euern Berufskategorien sonst aktuell?

AM: Eine grosse Sorge ist der Open Access und aktuell die Neuvergabe der Fernverkehrskonzession. Falls Linien von der SBB zur BLS und SOB wechseln, müssten mehrere Zugpersonaldepots das Unternehmen wechseln, was sehr viele Fragen zu regeln gäbe. Eine weitere Sorge ist, dass je nach Definition der Leistungen auf gewissen Linien die Begleitung wegfallen könnte.

DT: Im Güterverkehr ist der Open Access heute schon weit fortgeschritten und es kann Auswirkungen haben, wenn Aufträge an andere Bahnen gehen.

AM: Die vom BAV gewollte Konkurrenz kann zu Unfrieden innerhalb des SEV führen. Wir dürfen uns nicht gegeneinander aufhetzen lassen.

Weitere Herausforderungen für das Verkehrspersonal in den nächsten zwei Jahren?

DT: Der Liberalisierungswahnsinn, also die Ideologie, dass für alles die freie Marktwirtschaft gelten soll, bedroht unsere Anstellungsbedingungen und den Service public.

AM: Umso mehr muss der SEV den Organisationsgrad halten, um weiterhin gute Gesamtarbeitsverträge abschliessen zu können – bei der SBB und vor allem auch bei den anderen Bahnen.

Für dich, Andreas, heisst es nach dem Kongress Abschied nehmen vom Vorstands- und Kongresspräsidium. Findest du die Amtszeitbeschränkung auf sechs Jahre richtig?

AM: Ja, neues Blut im Vorstandspräsidium bringt neue Ideen. Ich hätte eh aufgehört, denn das Amt ist mit so viel Arbeit verbunden, dass man nach sechs Jahren genug hat.

Das Amt hat dir aber gefallen?

AM: Ja, man erhält Einblick in viele Geschäfte und arbeitet eng mit der SEV-Geschäftsleitung zusammen, was ich sehr positiv erlebte, auch die Zusammenarbeit mit Organisationssekretärin Christina Jäggi und ihrem Vorgänger Rolf Rubin. Gefallen hat mir auch, dass der Vorstand enger zusammengewachsen ist, obwohl es bei den Unterverbänden immer noch ein gewisses Gärtchendenken gibt. Die Vorstandsmitglieder könnten sich manchmal kürzer fassen und vermehrt strategische Themen einbringen.

Was motiviert dich, Danilo, zur Kandidatur für das Vorstandspräsidium?

DT: Das, was Andreas gesagt hat. Nach mehreren Jahren als Vizepräsident fühle ich mich nun bereit, diese Verantwortung zu übernehmen. Das bringt mir persönlich viel, darum freue ich mich sehr auf diese Herausforderung.

Markus Fischer

Persönliche Fragen

Wer waren oder sind eure Vorbilder?

Andreas Menet: Politisch sind es Leute wie Willi Ritschard, Peter Bichsel, Paul Rechsteiner und sonst Leute, die für die Allgemeinheit etwas tun, wie Ärzte in DritteWelt-Ländern.

Danilo Tonina: Meine Vorbilder waren eher die Hardrockmusiker von Kiss, Mötley Crüe.

Was gefällt euch an eurer Arbeit?

AM: Am Job als Zugchef gefällt mir der Kontakt zur Kundschaft, der mobile Arbeitsplatz, dank dessen wir im Land herumkommen, und dass ich die Arbeit selbstständig organisieren kann.

DT: Ich fahre gern Rangierlok, rangiere gern, habe Freude, nun auch ein Team leiten zu können, und mache meine administrative Arbeit ebenfalls gern. Diese Abwechslung im Job gefällt mir sehr.

Was esst ihr gern?

AM: Cordon bleu.

DT: Spaghetti vongole.

Was trinkt ihr gern?

AM: Whisky, Vieille Prune.

DT: Bier, Rotwein.

Welche Musik hört ihr gern?

AM: Rockmusik und weitere Genres je nach Laune, mehr Richtung 1970er-Jahre.

DT: Vor allem (Hard-)Rock.

Eure Lieblingssportarten?

AM: Velofahren, Nordic Walking und Schwimmen; im Fernsehen schau ich gern Handball (spielte ich früher selber).

DT: Fitnessstudio und Wandern; passiv Formel 1 und Fussball.

Sonstige Hobbys, neben dem SEV?

AM: Lesen, Wandern, Kochen.

DT: Familie, Essen, Kochen, Schlagzeugspielen in einer Rockband.

Könnt ihr uns ein Buch oder einen Film empfehlen?

AM: Die Krimis von Jean-Luc Bannalec mit Kommissar Dupin in der Bretagne, und als Film auch die Krimis von Donna Leon.

DT: Ich lese oft in der Bibel und liebe lustige Filme wie «Die nackte Kanone», 1 bis 3.

Andreas Menet (52) wohnt in Sargans. Im SEV ist er Zentralpräsident ZPV, Präsident Vorstand SEV seit 2011 und Vertreter im Stiftungsrat der Pensionskasse SBB. Danilo Tonina (52) aus Schaffhausen ist Sektionspräsident RPV Winterthur-Schaffhausen, Vizepräsident RPV, Mitglied GAV-Konferenz SBB/SBB Cargo und Vorstandsvizepräsident seit 2013.

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