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SEV fördert Studie über das «Phänomen» Officine der SBB in Bellinzona

Der Streik als Ausgangspunkt

Eine Studie des Departements für Betriebswirtschaft, Gesundheit und Soziales der SUPSI, die auch vom SEV unterstützt wurde, soll herausfinden, weshalb die Officine der SBB in Bellinzona seit nunmehr fast zehn Jahren immer wieder ein aktuelles Thema ist.

Auch in weniger spektakulären Zeiten vermag die Officine die Öffentlichkeit weiterhin zu faszinieren.

Einen Fall wie den der Officine Bellinzona gibt es kein zweites Mal. Dennoch kann man seine Beispiellosigkeit nicht einzig und allein auf den Streik von 2008 zurückführen.

Ein besonderes Ereignis

Natürlich war dieser Streik kein alltägliches Ereignis: Seine Dauer, die Entschlossenheit, mit der er geführt wurde, aber auch die grosse Unterstützung und Beteiligung der Bevölkerung, die man zu wecken vermochte, machten den Streik zu einem besonderen Ereignis. Nicht ohne Grund hatte Bundesrat Moritz Leuenberger an der Pressekonferenz, die auf die Einigung am Ende des Streiks folgte, von einem Konflikt gesprochen, der weit über die Grenzen der Unternehmung hinauswirkte und die Notwendigkeit des «nationalen Zusammenhalts» aufzeigte.

Stets wachsam bleiben

Diese aussergewöhnlichen Umstände allein reichen jedoch nicht aus, um das nach zehn Jahren weiterhin grosse Interesse an der «Frage der Officine» zu erklären. Das Wichtigste ist, dass die Officine immer noch besteht. Die SBB zeigte sich wiederholt optimistisch und machte Zusicherungen, was deren Zukunft betrifft.

Trotzdem, innerhalb der Officine ist weiterhin eine besonders aktive Personalkommission am Werk, die sich in regelmässigen Abständen mit Leuten aus verschiedenen Stufen der SBB-Chefetage trifft, und zwar unter Einbezug kantonaler und kommunaler politischer Behörden, was weiter grosses öffentliches Interesse hervorruft.

Merkmale des Kampfes

Nun kann man sich fragen, welche Faktoren dazu führen, dass der Officine weiterhin so grosse Aufmerksamkeit zuteil wird: Kann es sein, dass die hohe emotionale Welle über zehn Jahre angehalten hat? Oder war es die besondere Sensibilisierung für das Thema oder vielleicht das Bewusstsein, wie wichtig die Struktur der Officine für die zerbrechliche Situation der regionalen Wirtschaft im Tessin ist?

Es waren solche Fragen, die das Interesse der Wissenschaftler/innen der SUPSI (der Tessiner Fachhochschule) geweckt haben, die darauf eine Studie vorgeschlagen haben. Diese soll Antworten auf solche und andere interessante Fragen geben: Welche Faktoren in der Organisation haben dazu geführt, dass die ganze Dynamik über eine derart lange Zeitspanne anhalten konnte? Welche Rollen spielten Gesellschaft, Institutionen sowie gewerkschaftliche und politische Organisationen? In welchem Ausmass kann diese Aktion Entscheidungen der Unternehmung beeinflussen? Die Stossrichtung dieser Studie, die alle beteiligten Parteien miteinbeziehen möchte, weckte das Interesse der Organisation «Giù le mani dall’Officina» und der Gewerkschaften SEV und Unia, die einer Co-Finanzierung zugestimmt haben – im Hinblick auf eine Publikation anlässlich des zehnjährigen Jubiläums im März 2018.

Die Resultate werden in dieser faszinierenden Angelegenheit neue Perspektiven eröffnen und Ideen liefern. Pietro Gianolli/kt

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