| Interview

Die Digitalisierung soll dem Personal nützen, nicht schaden

Daniela Lehmann: «Wir wollen die Mobilität 4.0 mitgestalten»

Die Digitalisierung hat auch den öffentlichen Verkehr in der Schweiz längst erfasst und ist nicht aufzuhalten. Sie birgt für das Verkehrspersonal Gefahren und Chancen. Erstere gilt es zu kanalisieren und letztere zu nutzen. Diese Arbeit koordiniert im SEV Daniela Lehmann. kontakt.sev hat mit ihr gesprochen.

kontakt.sev: Was ist die Digitalisierung? Und warum ist sie für den SEV so wichtig, dass er sich dazu am Kongress im Mai ein neues Positionspapier gab, neben den bisherigen zu Verkehrs- und Vertragspolitik usw.?

Daniela Lehmann: Die Digitalisierung ist für den SEV ein sehr wichtiges Thema, weil sie seine Mitglieder in vielen Bereichen zugleich betrifft. Wir erleben zurzeit die vierte industrielle Revolution – nach der Mechanisierung mit Wasser- und Dampfkraft (erste Revolution), nach der Massenfertigung mithilfe von elektrischer Energie und von Fliessbändern (zweite Revolution) und nach der Automatisierung der Produktion durch elektronische, speicherprogrammierte Steuerung (dritte Revolution). Dazu kommt nun die Vernetzung über Internet und Handys etc. Diese ermöglicht weitgehend selbst organisierte Produktionsketten, in denen Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte direkt miteinander kommunizieren und kooperieren. Neben dem Inhalt der Arbeit («was tue ich») verändert sich auch ihre Struktur in Bezug auf Ort und Zeit («wo und wann arbeite ich»). Daraus folgen losere Arbeitsverhältnisse, mehr Selbstverantwortung der Mitarbeitenden, weniger Sicherheit hinsichtlich Lohn und Vorsorgeleistungen, höhere Erwartungen bezüglich der Leistung und der Flexibilität, hinsichtlich Arbeitsort, Arbeitszeit und Arbeitsinhalt, verstärkte internationale Konkurrenz sowie Verschiebungen und Abbau von Arbeitsplätzen. Diese Entwicklung birgt für die Berufstätigen Gefahren, die es durch gesetzliche und sozialpartnerschaftliche Regulierungen zu entschärfen gilt, aber auch Chancen wie zum Beispiel eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Wie wirkt sich die Digitalisierung im öV aus?

Im Mobilitätsbereich können heute dank der Digitalisierung zum Beispiel Reisen mit verschiedenen Verkehrsmitteln von Tür zu Tür über eine Internet-Plattform organisiert und vermarktet werden, wobei die Grenzen zwischen öffentlichem und individuellem Verkehr verschwimmen. Diese Entwicklung wirft Fragen auf betreffend Eigentumsverhältnissen, Verteilung des Profits und Regulierungen. Es ist zu hoffen, dass die Schweizer Verkehrsunternehmen zusammen eine Plattform entwickeln und nicht durch einen internationalen Konzern ausgebootet werden, wie die Taxi-Unternehmen durch Uber. Homeworking kann letztlich den Verkehr reduzieren. Daheim und unterwegs arbeiten zu können ist eine Chance, darf aber nicht bedeuten, dass man permanent erreichbar sein muss.

Kannst du Beispiele nennen, wie einzelne Berufe im öV betroffen sind?

Die Automatisierung des Verkaufs und der Kontrolle der Tickets durch Apps auf dem Handy hat natürlich Folgen für das Schalter- und das Zugpersonal. Die Weiterentwicklung der teilautomatischen Assistenzsysteme im Führerstand bis hin zu selbstfahrenden Zügen verändert die Berufe des Lok-, Rangier- und Zugpersonals. Die Selbstfahrtechnik betrifft auch die Busfahrer/innen. Den Rangierern nehmen zudem irgendwann automatische Kupplungen einen Teil der Arbeit ab oder weg. Dank GPS wissen SBBCargo und ihre Kunden künftig laufend, wo sich jede Ladung gerade befindet. Die Zugaufgeber und technischen Kontrolleure erhalten Hilfe von Sensoren in «intelligenten Wagen» und das Reinigungspersonal von Reinigungsrobotern. Eine Handy-App gibt Reinigern schon heute Ort und Dauer der Arbeitseinsätze auf die Minute genau vor, schickt sie von Bahnhof zu Bahnhof. Eine permanente Steuerung und Überwachung der Mitarbeitenden in Echtzeit ist heute in vielen Bereichen möglich. Das alles ist mit dem Begriff «Mobilität 4.0» mitgemeint.

Wie steht der SEV dazu?

Zwar bringt die Digitalisierung tatsächlich viel Ungewisses, doch wird damit auch viel Angst gemacht. Der SEV will weder in eine Schockstarre fallen noch hyperaktiv reagieren. Wir können und wollen die Digitalisierung nicht verhindern. Aber wir wollen sie mitgestalten, damit sie dem Personal und uns allen nützt statt schadet. Wir wollen sie als Chance nutzen. Im Positionspapier «Digitalisierung der Mobilität» sind Ansätze aufgeführt, wie wir dieses Ziel erreichen können (siehe Box).

Daniela Lehmann an ihrem PC im SEV-Sekretariat in Bern: «Ich bin dankbar für alle Informationen, die ich zur Mobilität 4.0 erhalte.» E-Mail: Enable JavaScript to view protected content.

Was hat der SEV seit der Verabschiedung des Positionspapiers zur Mobilität 4.0 konkret unternommen?

Ich bin von der Geschäftsleitung beauftragt worden, die Aktivitäten in diesem Bereich zu koordinieren, neben meiner Tätigkeit als Koordinatorin Verkehrspolitik und als Koordinatorin Internationales mit insgesamt 80 Stellenprozenten. Analog zu den Kompetenzzentren Arbeitszeit und Lohn wollen wir im SEV-Zentralsekretariat ein Kompetenzzentrum Mobilität 4.0 aufbauen. Zu diesem gehört auch eine Begleitgruppe, die bereits das Positionspapier verfasst hat und die sich am 5. Oktober als «Arbeitsgruppe Mobilität 4.0» konstituiert hat. Ihr gehören neben mir sechs weitere SEV-Gewerkschaftssekretär/innen an, die die Bereiche SBB, KTU, Jugend, Frauen, Mitgliederwerbung und soziale Medien abdecken. Ein Mitglied vertritt zudem die Romandie. Ich selber gehöre auch der neu gegründeten Arbeitsgruppe Digitalisierung des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB) an.

Was habt ihr vom SEV-Kompetenzzentrum Mobilität 4.0 als Nächstes vor?

Als Nächstes erarbeiten wir eine Musterpräsentation, mit der man an Versammlungen in die Mobilität 4.0 einführen und die Mitglieder dafür sensibilisieren kann. Grundsätzlich sollen alle unsere Profi- und Milizgewerkschafter/innen bei der SBB und bei allen Verkehrsunternehmen ein Auge auf die laufenden Projekte im Bereich Mobilität 4.0 haben, Informationen und Unterlagen dazu sammeln und mir als Anlaufstelle zukommen lassen. Diese Informationen wollen wir dann auswerten und passende Antworten und (Re-)Aktionen des SEV entwickeln. Als Koordinatorin Mobilität 4.0 bin ich allen Mitgliedern für Informationen zum Thema sehr dankbar, auch wenn ich kaum sofort alles lesen kann. Um die Position des SEV zur Mobilität 4.0 zu vertiefen, wollen wir ausserdem Diskussionsgruppen lancieren mit Mitgliedern aus den SEV-Kommissionen Jugend, Frauen und Migration und aus den verschiedenen Berufsgruppen zu den vier Themen «GAV der Zukunft», «Arbeit und Freizeit», «Mobilitätsberufe der Zukunft» und «Weiterbildung ja, aber wie?».

Das erste Thema ist wegen der anstehenden GAV-Verhandlungen bei der SBB sehr aktuell. Was gilt es wegen der Mobilität 4.0 zu fordern?

Einzelne Forderungen sind der GAV-Konferenz schon beantragt worden, doch die konkreten Forderungen werden in diesem Gremium zu diskutieren sein. Es stellt sich die Frage, ob man sich während der Laufdauer des GAV etwas mehr Zeit nehmen könnte, um Probleme im Zusammenhang mit der Digitalisierung sozialpartnerschaftlich zu regeln. In den GAV gehören entsprechende Schutzbestimmungen, etwa zum Datenschutz. Denn mit der Digitalisierung fallen unzählige personenbezogene Daten an. Auch die Benutzung der Datenquellen für die Überwachung der Mitarbeitenden oder für Leistungs- und Verhaltenskontrollen ist klar zu regeln. Die meisten Fragen im Zusammenhang mit der Digitalisierung sind im Schweizer Recht eigentlich schon geregelt und müssen nur noch durchgesetzt werden. Zum Beispiel sind Plattformfirmen wie Uber eigentlich verpflichtet, Personal korrekt anzustellen und Beiträge an die Sozialversicherungen zu leisten. Einzig im Bereich Homeoffice braucht es wohl neue gesetzliche Grundlagen, damit dem Personal zu seinem Recht verholfen werden kann.

Damit sind wir beim Thema «Arbeit und Freizeit» …

Da müssen wir darauf pochen, dass das Recht der Mitarbeitenden, nicht immer erreichbar zu sein, durchgesetzt wird. Es braucht eine klare Trennung von Arbeit und Freizeit. Zugleich gilt es die Chance neuer Kommunikationsmittel zu nutzen, damit auch nicht konventionelle Familienmodelle besser gelebt werden können. Weiter stellen sich Fragen zur Finanzierung der Infrastruktur und zur Arbeitsplatzqualität.

Was forderst du zu den Mobilitätsberufen der Zukunft?

Die Unternehmen stehen in der Verantwortung, ihre Angestellten zu befähigen, mit den neuen Anforderungen Schritt zu halten, indem sie sie permanent aus- und weiterbilden oder auf andere Berufe umschulen, falls Berufe ganz verschwinden. Die Unternehmen sind auch gut beraten, die Mitarbeitenden und ihr Wissen in die Weiterentwicklung der Berufe einzubeziehen, da sie dann die neuen Berufsbilder besser mittragen. Aber auch in Digitalisierungsprojekte gilt es das Personal einzubeziehen, etwa zur Automatisation der Zugsteuerung. Das geschieht zum Beispiel aktuell in Österreich bei Versuchen auf einer 25 km langen Strecke sehr vorbildlich (www.openraillab.at). Klar ist auch, dass ein entmenschlichter öV ohne Personal in Zügen und Bahnhöfen nicht kundenfreundlich und sicher sein kann.

Markus Fischer

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