| Interview

Aroldo Cambi, Finanzverwalter des SEV und Mitglieder des Stiftungsrates der Pensionskasse SBB

Immer das liebe Geld: der Herbst ist heiss

Der SEV hat im Stiftungsrat der Pensionskasse SBB zwei Sitze verloren. Problemlos wiedergewählt in den Stiftungsrat wurde der Finanzverwalter des SEV, Aroldo Cambi. Er spricht über die Herausforderungen an die PK SBB, den Rekurs des SEV gegen die unlauteren Wahlen (siehe Seiten 2 und 3) und die finanzielle Situation des SEV nach der Genehmigung des Budgets 2017 am 14. Oktober. Das Budget weist ein Defizit von 200 000 Franken aus, doch für Cambi ist dies kein Grund zur Besorgnis.

Aroldo Cambi am letzten SEV-Kongress 2015.

Aroldo, deine Wiederwahl in den Stiftungsrat der Pensionskasse SBB verlief reibungslos. Trotzdem hat die Wahl für den SEV einen bitteren Nachgeschmack, denn er hat zwei Sitze verloren …

Aus politischer Sicht ist es wirklich hart, zwei von den vier Sitzen zu verlieren, die wir hatten. Mich belastet es aber auch, weil in nächster Zeit einige sehr wichtige Themen behandelt werden müssen. In den letzten Jahren haben wir enorm viel Energie in Arbeitsgruppen investiert, die die Situation analysierten und Strategien erarbeiteten, um die Pensionskasse besser zu positionieren. Man entwickelte eine gut funktionierende Zusammenarbeit innerhalb der Personaldelegation, aber auch mit der Arbeitgebervertretung, und dies trotz weit entfernten, wenn nicht sogar gegensätzlichen Ansichten. Im letzten Jahr war dieser Zusammenhalt vor allem in den wichtigsten Dossiers dringend nötig.

Welche Dossiers sind denn für die Versicherten wichtig?

Es handelt sich vor allem um Massnahmen, die erforderlich sein werden, um auf die tiefen Zinsen zu reagieren. Diese sind an den Märkten fast bei Null. Wir alle wissen, dass die Versichertenstruktur der Pensionskasse SBB mit 60% Pensionierten und 40% Aktiven äusserst delikat und komplex ist. Im Idealfall müsste die Zahl der Aktiven höher sein, um die Pensionierten zu finanzieren.

Hinzu kommt bei der Pensionskasse SBB eine Vergangenheit voller Sanierungen und Unterdeckung.

Die Versicherten werden also erneut zur Kasse gebeten …

Ja, das scheint leider unvermeidbar; es ist nur eine Frage der Zeit. Es sei denn, die Situation auf den Finanzmärkten verändert sich radikal, aber momentan findet man keinen einzigen Analysten, der eine solche Wende und den Wiederanstieg der Zinsen innert der nächsten 4 bis 5 Jahre voraussagt.

Wir Personalvertreter sorgen dafür, dass die Massnahmen so wenig schmerzen wie möglich sind.

Die Pensionskasse der SBB muss sich auch mit den Massnahmen im Rahmen von Railfit20/30 befassen, die der SEV skandalös findet. Ich denke vor allem an die Verschlechterung der Berufsinvalidität sowie die paritätische Aufteilung der PK-Risikoprämien in Höhe von 0,8%. Wie positionierst du dich als Mitglied des Stiftungsrates?

Man muss sich bewusst sein, dass diese Sparmassnahmen nicht von der Pensionskasse kommen, sondern von der Direktion der SBB! Aber die finanzielle Situation der Pensionskasse wird sich dadurch bestimmt nicht verbessern. Als Vertreter des Personals sind wir klar gegen diese Massnahmen und der Stiftungsrat wird sich am 9. Dezember darüber beraten.

Kommen wir zurück zu den Wahlen in die Pensionskasse. Der Vorstand des SEV zeigte sich dem Wahlreglement gegenüber sehr kritisch, vor allem weil nur auf elektronischem Weg gewählt werden konnte. Hat die Personaldelegation mit dem SEV an der Spitze etwa ein Reglement akzeptiert, das sich nun gegen das Personal der SBB wendet?

Das Reglement schreibt die elektronische Wahl nicht vor, sondern es erlaubt der Direktion der Pensionskasse, die Wahlmodalitäten festzulegen. In diesem Fall hat die Direktion der Kasse zweifellos die Konsequenzen für diejenigen Berufskategorien unterschätzt, die nicht den ganzen Tag vor dem Computer sitzen. Aus meiner Sicht hätte man es den Versicherten ermöglichen müssen, von ihrem Arbeitsort aus zu wählen, auch schriftlich. Tatsächlich habe ich erfahren, dass gut 500 Personen brieflich gewählt haben, allerdings weiss ich nicht in welchem Sektor. Diese Ungleichbehandlung hat uns geschwächt, denn wir sind in den Berufsgruppen, die während der Arbeitszeit nicht unbedingt Zugang zu einem Computer haben, gut repräsentiert.

Der Vorstand hat ein weiteres Element des Wahlreglements kritisiert, und zwar die Klausel, dass drei Gewerkschaften in der Personaldelegation repräsentiert sein müssen. Ohne diese Klausel hätte der SEV einen weiteren Sitz erhalten. Hat der SEV mit der Annahme dieses Punktes im Reglement ein sauberes Eigentor geschossen?

Man musste einen Schritt auf die Minderheiten zugehen, um sie angemessen zu respektieren. Die Arbeitgeberdelegation wünschte dies ebenfalls. Ausserdem hat dieses Reglement auch Vorteile, da Personen aus dem professionellen Apparat des SEV das Recht haben, Sitze im Stiftungsrat zu erhalten, das ist nämlich nicht selbstverständlich. In Anbetracht unseres hohen Organisationsgrades bei der SBB dürften sich Änderungen im Reglement eigentlich nicht gegen uns wenden. Diese erste Wahl hat jedoch bereits gezeigt, dass wir schlechte Chancen haben, wenn wir unsere Mitglieder nicht mobilisieren und wenn Kandidaten im Wahlkampf unlautere Mittel verwenden.

Bleiben wir bei diesem Punkt: Der Vorstand SEV hat entschieden, Rekurs einzulegen. Der Stiftungsrat der Pensionskasse selbst wird die Entscheidung darüber fällen. Was hältst du davon?

Die Benutzung geschäftlicher E-Mail-Datenbanken für den Wahlkampf ist verboten und war deshalb unlauter. Ausserdem haben diese Unregelmässigkeiten die Wahlergebnisse eindeutig beeinflusst, auch wegen der mageren Wahlbeteiligung von kaum mehr als 15%. Der Stiftungsrat hat unseren Rekurs an der Sitzung vom 24. Oktober behandelt und sein Entscheid wird morgen Freitag veröffentlicht.

Als Finanzverwalter des SEV musst du, wie immer im Herbst, das Budget unserer Gewerkschaft verteidigen. Kürzlich wurde das Budget 2017 vom Vorstand einstimmig angenommen, trotz eines Defizits von gut 200 000 Franken. Zufrieden?

Ja, denn der Vorstand hat seit einigen Jahren grosse Anstrengungen unternommen, um die Finanzen des SEV im Gleichgewicht zu halten. Eine Arbeitsgruppe untersucht, wo Sparpotential vorhanden ist. Das Hotel Brenscino wurde verkauft und die Defizitdeckungsgarantie ist mit ihm verschwunden. Ich glaube, der Vorstand hat gesehen, dass wir gehandelt haben, wo es möglich war. Jetzt ist der Handlungsspielraum eingeschränkt. Die Arbeitsgruppe setzte alles daran, Einsparungen zu machen, ohne die Leistungen zu verschlechtern. Dies wird in Zukunft schwierig sein.

Wenn man über Finanzen spricht, landet man meistens beim Thema Sparen. Die Mitgliederbeiträge machen 82% der Einnahmen aus. Du hast dich im Jahr 2012 dafür engagiert, dass sie während den fünf Jahren von 2013 bis 2017 nicht angehoben wurden. Wie sieht es ab 2018 aus?

Es gibt zwei Mittel, um die Beiträge sowie die Leistungen nicht anrühren zu müssen: In erster Linie ist dies die Erhöhung der Zinsen an den Finanzmärkten. Mit einem Zinssatz von 2 bis 3% hätte man fast eine halbe Million mehr pro Jahr. Aber leider haben wir darauf keinen Einfluss. Das andere zentrale Element, an das wir unbedingt glauben müssen, ist die Rekrutierung von Neumitgliedern, die den Sinkflug der Mitgliederzahlen bremst.

Welche Limiten hat sich der SEV bei der Verteilung der Investitionen in Bezug auf die finanziellen Erträge gesetzt?

Der SEV hat ein sehr präzises Reglement, was Investitionen betrifft. Der Aktienanteil darf 30 bis 35% unserer Wertschriften nicht übersteigen, denn dies wäre ein zu grosses Risiko. Der Rest sind Obligationen und ähnliche Wertschriften.

Kürzlich hat der SEV die Hälfte seiner Aktion der Bank Coop verkauft, welche 10% seiner Wertschriften ausgemacht hatten. Wo wurde das Geld aus dieser Transaktion reinvestiert?

Erst einmal muss man wissen, dass die Hälfte der Bank-Coop- Aktien nicht verkauft wurden, weil sie ein Risiko darstellten, sondern weil unser Investitionsreglement es verbietet, dass die Gesamtanzahl der Aktien einer Unternehmung 5% aller Wertschriften übersteigt. Das Risiko lag also nicht in den Aktien selbst, sondern in der unzureichenden Diversifizierung. Der Verkaufsertrag wurde in Schweizer Investitionsfonds angelegt, um das Risiko zu minimieren.

Es ist anzunehmen, dass eine Gewerkschaft nicht einfach planlos in irgendeine Richtung investiert. Welche Limiten gibt es diesbezüglich?

Ausgeschlossen sind Unternehmen, die Waffen, Alkohol und Zigaretten produzieren.

Letzte Frage: Welchen Eindruck hast du von der finanziellen Situation des SEV?

Unsere Situation ist solid. Wir haben keine Bankkredite, die uns gefährden und instabil machen. Wir sind aber abhängig von unseren Mitgliedern, und die Alterspyramide könnte zum Problem werden.

Um in einem finanziellen Gleichgewicht zu bleiben, müssen wir weiter den Weg der Kostenkontrolle befolgen. Investitionen müssen gezielt sein. Wir haben das Sektionscoaching ins Leben gerufen und nun eröffnen wir ein Regionalsekretariat in Olten. Aber wir können keine massiven Investitionen machen und auch keine jährlichen Betriebskosten haben, die in einem Ungleichgewicht zu den Einnahmen stehen.

Vivian Bologna/kt

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