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Das Interview zum Jahresanfang

Giorgio Tutis fünf freudige Tage im 2016

Vor dem SEV liegen sehr arbeitsintensive Monate, sowohl politisch als auch gewerkschaftlich. Präsident Giorgio Tuti freut sich darauf, mindestens fünf Erfolge feiern zu können.

kontakt.sev: Das Jahr 2016 hat 366 Tage; auf welchen freust du dich am meisten?

Giorgio Tuti: Ich hoffe auf mehr als einen: Schon bald kommt der Tag, an dem wir uns freuen, dass wir die zweite Gotthard-Strassenröhre zugunsten des öffentlichen Verkehrs gebodigt haben. Es könnte ein weiterer folgen, wenn wir die schädliche Pro-Service-public-Initiative ablehnen. Und die Krönung wäre, wenn wir sagen könnten, dass wir eine 10-prozentige Rentenerhöhung für aktuelle und zukünftige Rentnerinnen und Rentner erreicht haben dank AHVplus. Das ist der politische Teil. Ich freue mich aber auch auf den Tag, an dem wir einen guten GAV mit der BLS haben abschliessen können, und dann gibt es auch noch den Tag, an dem wir sagen können, dass das Programm Railfit der SBB nicht so umgesetzt wird wie angekündigt, weil man nämlich die prognostizierte Zunahme des Verkehrs sicher nicht mit weniger Leuten bewältigen kann. Das wären fünf freudige Tage!

Und welchen Tag hättest du am liebsten schon hinter dir?

(zögert lange und lacht) Den Zahnarzttermin!

Fast alles, was du genannt hast, fällt in die erste Jahreshälfte. Das gibt also eine sehr intensive Zeit. Wie will der SEV das bewältigen?

Wir sind es gewohnt, Prioritäten zu setzen und die Kräfte zu bündeln und gleichzeitig darauf zu schauen, dass wir die Dienstleistungen nach wie vor in hoher Qualität erbringen. Wichtig ist, dass es auch wieder etwas ruhigere Phasen gibt, wo die Organisation etwas heruntergefahren wird und sich erholen kann. So werden wir die ganz neuen Vorhaben eher auf die zweite Jahreshälfte verschieben. Aber das Wichtigste ist, dass ich auf sehr motiviertes und engagiertes Personal sowie auf unzählige aktive Mitglieder vertrauen kann.

Direkt vor Weihnachten ist das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts bezüglich der Crossrail-Löhne gekommen; ein voller Erfolg des SEV. Wie geht es dort weiter?

Das war sicher einer der freudigsten Tage des vergangenen Jahres! Es ist klar: Für den SEV, für das Lokpersonal, für das gesamte Personal des öffentlichen Verkehrs ist dieser Entscheid von zentraler Bedeutung. Jetzt warten wir ab, ob die Gegenparteien den Entscheid weiterziehen. Wenn nicht, ist das Bundesamt für Verkehr gefordert. Es muss eine neue Verfügung erlassen, die den branchenüblichen Mindestlohn im Güterverkehr ermittelt, und zwar auf der Grundlage des Urteils. Wir kennen diesen im Grunde bereits: Es ist der Lokführerlohn, den wir in den Gesamtarbeitsverträgen ausgehandelt haben und der nicht nach Binnenverkehr und grenzüberschreitendem Verkehr unterscheidet.

Wenn nun das Bundesamt für Verkehr seine Aufgabe richtig löst, braucht es dann noch den Gesamtarbeitsvertrag der Branche?

Wir wollen umgehend einen Gesamtarbeitsvertrag für die Branche angehen und auch die kleinen Unternehmen einbeziehen. Spätestens jetzt ist absolut klar, dass es diesen Gesamtarbeitsvertrag braucht und dass er möglichst auch für allgemein verbindlich erklärt wird.

Es reicht also nicht, dass das BAV die Branchenüblichkeit definiert?

Sicher nicht. Das BAV definiert einen Mindestlohn für eine einzige Kategorie, das Lokpersonal. Wir verstehen unter einem Gesamtarbeitsvertrag etwas anderes. Natürlich gehört auch der Mindestlohn dazu, aber noch einiges mehr!

Im letzten Frühling hat der SEV entschieden, die Zukunft des Hotels Brenscino genauer zu analysieren. Wann ist mit Resultaten zu rechnen?

Im Verlauf des Jahres 2016! Wir überlegen schon seit längerer Zeit, ob das Führen eines Hotels noch in den Aufgabenbereich einer Gewerkschaft gehört. Wir wollen nicht voreilig entscheiden und alle möglichen Optionen prüfen, um einen bewussten und durchreflektierten Entscheid zu treffen. Letztlich wird die Delegiertenversammlung der Ferienheimgenossenschaft mit der nötigen Vorbereitung und Seriosität einen Entscheid fällen müssen.

Viele «grosse Kisten» für den SEV in diesem Jahr – aber du hast es gesagt: Das Tagesgeschäft dürfe nicht leiden. Wo siehst du dort die Schwerpunkte?

Im Vergleich zu andern Gewerkschaften, die ich ja aus früheren Tätigkeiten kenne, ist der grosse Unterschied beim SEV, dass wir nicht nur ein sehr breites Dienstleistungsangebot haben, sondern unsere Mitglieder auch eine gewisse Tiefe erwarten. Ich bin absolut überzeugt, dass wir diese Qualität in der Tiefe und Breite weiterhin erbringen müssen. Dafür zahlen die Mitglieder ihren Beitrag. Das sind einerseits die individuellen Dienstleistungen, insbesondere der Rechtsschutz, aber es sind auch die kollektiven Dienstleistungen: Unser Kerngeschäft sind die Gesamtarbeitsverträge. Wir haben Gesamtarbeitsverträge von hoher Qualität und wir müssen schauen, dass wir bei jeder Erneuerung diese Qualität halten können. Hier dürfen wir absolut keine Abstriche machen.

Schauen wir noch ein bisschen in die Runde. Du bist Vizepräsident des SGB und im Exekutivausschuss der ETF. Wie siehst du dort deine Schwerpunkte in diesem Jahr?

Europäisch sind es Themen, die schon länger Brennpunkte sind. Es gilt, die brutalen Auswirkungen im Rahmen der Liberalisierung im öffentlichen Verkehr zu bekämpfen, weil man sieht, dass sie in eine völlig falsche Richtung gehen. Wir haben zudem die Europäische Bürgerinitiative für fairen Transport und gegen Lohndumping am Laufen. Beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund gibt es zwei ganz grosse Themen: Einerseits die ganze Diskussion der flankierenden Massnahmen und der bilateralen Verträge, dies im Rahmen der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative, wobei für uns der Akzent bei den flankierenden Massnahmen liegt. Diese sind bitter nötig, damit der Arbeitsmarkt entsprechend geschützt werden kann. Andererseits steht die Initiative AHVplus in Verbindung mit der Rentenreform weit oben auf der Prioritätenliste.

Ganz allgemein verlieren die Gewerkschaften in der Schweiz nach wie vor an Mitgliedern; auch der SEV ist davon betroffen. Was gibt es dagegen zu tun?

Neue Mitglieder werben! Der SEV verliert nicht sehr viele Mitglieder wegen Unzufriedenheit und Kündigung. Aber wir verlieren Mitglieder, weil sie die Branche verlassen und anderswo arbeiten. Das grösste Problem, das der SEV hat, ist aber die recht grosse Zahl von Todesfällen. Das Potenzial für die Mitgliederwerbung besteht: Die öV-Unternehmen müssen die Belegschaften verjüngen, und da müssen wir ansetzen. Wir müssen die jüngeren Leute für den SEV gewinnen können, damit wir weiterhin mit hohen Organisationsgraden und einem guten Kräfteverhältnis das Beste heraus- holen können.

Gibt es gemeinsame Strategien der Gewerkschaften?

Immer mehr! Bereits haben einzelne Gewerkschaften begonnen, beispielsweise bei der Informatik zusammenzuarbeiten, so auch wir mit dem PVB, dem Personalverband des Bundes. Und ich bin mir sicher, dass bei der Dienstleistungserbringung für die Mitglieder indem man verstärkt zusammenarbeitet noch mehr herauszuholen ist. Richtig interessant wird es aber, wenn die Gewerkschaften zusammenspannen, um schlecht organisierte Bereiche und Branchen zu organisieren und Gewerkschaftsarbeit zu leisten. Also das Begrünen von sogenannten Gewerkschaftswüsten. So können Projekte entstehen, die der ganzen Gewerkschaftsbewegung zugutekommen.

Ist die Rolle des SEV dabei eher aktiv oder eher passiv?

Der SEV will eine aktive und gestaltende Rolle spielen. Wir haben soeben die zweite Service-public-Tagung durchgeführt. Diese geht auf eine Idee des SEV zurück. Aber wir sind ja nicht die einzige Gewerkschaft im Service public. Ich glaube es ist Zeit, einen gemeinsamen Service public in diesem Land zu entwickeln, als gewerkschaftliche Antwort auf politische Kreise, die den Service public am liebsten privatisieren und zerschlagen würden. Das sind wir dem Service public und unsern Mitgliedern, aber vor allem der gesamten Bevölkerung schuldig.

Interview: Peter Moor

Drei persönliche Fragen

Du hast oben die erste Frage aus beruflicher Sicht beantwortet; gibt es auch persönlich einen besonderen Tag in diesem Jahr?

Ja! Bereits vorbei ist der Tag, an dem meine eine Tochter 20 geworden ist, und im April folgt der Tag, an dem meine andere Tochter 18 wird. Das sind für mich zwei ganz wichtige Daten!

Du bist von der Zeiterfassungspflicht ausgenommen, wie es die neuen rechtlichen Vorgaben für deine Funktion zulassen. Was tust du, damit das Gleichgewicht dennoch stimmt?

Ich habe das Privileg, dass ich immer noch äusserst spannend und auch nützlich finde, was ich mache. Ich hatte in all den Jahren nie das Gefühl, gestresst zu sein, denn Stress bringe ich in Verbindung mit etwas, das man nicht gerne macht, das einen vielleicht sogar überfordert. Ich finde die Balance! Zudem habe ich seit ein paar Jahren ein prächtiges Mountainbike, und am Samstag oder Sonntag gehe ich mit dem Velo in die Berge, und wenn ich mit dem Velo bergaufwärts unterwegs bin, kommen mir viele sehr gute Ideen und ich erhole mich dabei ausgezeichnet. Wichtig ist mir zudem, dass ich mit Kolleginnen und Kollegen ausserhalb meines beruflichen Umfelds zusammenkomme, wo es dann um ganz andere Themen geht als Gewerkschaft und Politik.

Und die unvermeidliche Schlussfrage: Wer wird am 10. Juli Fussball-Europameister?

Italien!

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