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SBB präsentiert zweistufiges Sparprogramm mit grossem Stellenabbau

SBB braucht mehr, nicht weniger Personal

Paukenschlag der SBB: Ihr Sparprogramm sieht bis 2020 den Abbau von über tausend Stellen vor; im Jahr 2030 will die SBB gar um20 Prozent billiger arbeiten als jetzt.

Es hatte sich abgezeichnet: Im Sommer schrieb die SBB den Auftrag für eine «Gesamtkostenanalyse» aus. Diesen Auftrag hat sie jetzt vergeben, und zwar an McKinsey, die Sanierungsfirma mit bekannter Vergangenheit als SBB-Abbauerin.

Schöne Verpackung, grässlicher Inhalt

Aber die SBB mochte die Analyseresultate nicht abwarten und gab gleich auch bekannt, was beim Programm mit dem unsäglich beschönigenden Titel «Railfit20/30» herauskommen soll: Einsparungen von 550 Millionen Franken jährlich ab 2020, und von sagenhaften 1,75 Milliarden Franken jährlich ab 2030. Damit verbunden sei bis 2020 ein Stellenabbau in unbekannter Höhe, der aber über den bereits bekannten 900 Stellen liegen dürfte, gab SBB-Chef Andreas Meyer vor den Medien bekannt. Dank geschickter Verpackung schaffte es die SBB allerdings, dass die Medien praktisch nur die Zahl 900 verbreiteten. Doch der SEV wies umgehend darauf hin, dass bei diesen Vorzeichen zweifellos ein Abbau in vierstelliger Höhe zu erwarten sei.

«Völlig unrealistisch»

Ein solcher Abbau ist für SEV-Präsident Giorgio Tuti völlig unrealistisch: «Angesichts des Angebotsausbaus, der der SBB bevorsteht, wird sie in den nächsten Jahren sicher nicht weniger, sondern deutlich mehr Personal brauchen.» Tatsächlich bringt bereits der Fahrplanwechsel im Dezember einiges an Mehrleistungen, und mit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels geht der Ausbau im nächsten Jahr weiter.

Allerdings ist absehbar, dass die Infrastruktur einen wesentlichen Teil des Abbaus tragen wird. Dort ist bereits seit einigen Monaten ein anderer bekannter Sanierer im Einsatz, Pricewaterhousecoopers (PWC), mit einem vergleichbaren Auftrag. Infrastrukturchef Philippe Gauderon schreibt denn auch in einem Brief an seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dass ein Abbau von rund 500 Stellen bei Infrastruktur zu erwarten sei.

Völlig falsche Stossrichtung

Sowohl Gauderon als auch Meyer erklären im gleichen Atemzug, dass alle diese Abbaumassnahmen für die Kundinnen und Kunden nicht spürbar sein sollen, also kein Leistungsabbau damit verbunden sei. Das hält der SEV schlicht für schönfärberisch: Wenn gleichzeitig ein Angebotsausbau und ein Stellenabbau durchgeführt werden, muss dies spürbare Folgen haben.

Der SEV hat entschieden, vorerst einzig die Pläne infrage zu stellen. «Anders als die SBB warten wir die Resultate der Analyse ab; dann sehen wir weiter», erklärt Tuti. Wenn dann gewerkschaftliche Massnahmen nötig seien, werde der SEV nicht zögern, diese zu ergreifen.

Contrat social als Sicherheit

Etwas bleibt bestehen, unbesehen was die Analyse bringen wird: Der Stellenabbau muss aufgrund des Gesamtarbeitsvertrags ohne Kündigungen erfolgen: Auch in Zukunft schützt der vom SEV vor über 20 Jahren erkämpfte Contrat social vor Entlassungen bei Restrukturierungen.

Der Idee, dass sich die SBB Gedanken darüber macht, wie der Verkehr im Jahr 2030 funktionieren soll, widersetzt sich der SEV nicht – aber auch hier hält er es für verfehlt, mit einer Sparprognose zu starten, statt ergebnisoffen an die Analyse heranzugehen.

Peter Moor

Kommentar

«Der ‹Contrat social› gibt uns Rückhalt, aber er blockiert uns nicht»

Es ist keine zwei Jahre her, seit das Schweizervolk deutlich Ja gesagt hat zu Fabi, der Finanzierung und dem Ausbau der Bahninfrastruktur. Wie es der Name sagt, war damit ein Ausbauprogramm verbunden. Dieses trägt den Prognosen Rechnung, die regelmässig rund um die Verkehrsentwicklung präsentiert werden. Sie alle sagen dasselbe: Der Verkehr wird in den nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen, etwa um 30 Prozent, und zwar stärker auf der Schiene als auf der Strasse.
Da fragt man sich schon, welcher Teufel die SBB geritten hat, dass sie in die Luft posaunt, im Jahr 2030 wolle sie ihre Aufgaben billiger erledigen. Und mit billiger meint sie nicht etwa reduziertes Wachstum, sondern sie setzt sich zum Ziel, gegenüber heute die Kosten um 20 Prozent zu senken.
Selbstverständlich wird das Leben im Jahr 2030 anders sein als heute; eine weitere digitale Revolution steht bevor. Aber weder Menschen noch Waren werden sich im Jahr 2030 per W-LAN oder durch Lichtleiter transportieren lassen. Transport bleibt ein grobes Geschäft, die Bahn wird weiterhin auf Schienen fahren.
Wir begegnen deshalb den Plänen der SBB mit allergrösster Skepsis. Wir haben aber vorerst nicht zu Protesten oder gar Kampfmassnahmen aufgerufen, weil wir sehen wollen, was die Analysen von McKinsey ergeben werden. Im nächsten Sommer wird es so weit sein. Dann wird sich zeigen, welche Mittel wir einsetzen müssen. Wir nutzen die Zeit, um uns darauf vorzubereiten.
Dabei befinden wir uns in einer besonderen Situation: Viele unserer Schwesterorganisationen reagieren auf solche Ankündigungen mit der Forderung nach einem Sozialplan, um die Folgen der Entlassungen abzufedern. Das müssen wir nicht, das können wir nicht! Wir haben den «Contrat social», der weit mehr ist als ein Sozialplan, nämlich eine Arbeitsplatzgarantie. Auch wenn wir mit dem neuen GAV eine minimale Ausdünnung zugelassen haben, bleibt der Grundsatz bestehen: Wer bei der SBB im GAV angestellt ist, kann bei einer Reorganisation nicht entlassen werden.
Das ist eine Sicherheit, die uns grossen Rückhalt gibt. Sie blockiert uns aber nicht. Wir sind überzeugt, dass die SBB die Verkehrsentwicklung nur mit mehr und nicht mit weniger Personal bewältigen kann. Und dafür sind wir auch bereit zu kämpfen.

Giorgio Tuti, Präsident SEV

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