| Interview

Wie sieht es bei Login aktuell aus mit der Besetzung der Lehrstellen?

«Es braucht eine Änderung der Philosophie»

Im Herbst fallen nicht nur die Blätter, sondern auch die ersten Entscheide über die Zuteilung der Lehrstellen fürs kommende Jahr. Gross die Erleichterung bei jenen, die eine Zusage erhalten, steigend die Hektik bei jenen, bei denen es mehr als einmal nicht klappt. Wie sieht die Situation auf dem Lehrstellenmarkt gegenwärtig aus – sowohl für die künftigen Lernenden wie auch für die ausbildenden Unternehmen?

kontakt.sev: Doris Kubli, man kann überall lesen, dass sich die Lehrstellensuche für die Lernenden entspannt habe, und verschiedene Betriebe beklagen sich schon, dass sie Mühe haben, ihre Lehrstellen zu besetzen. Spürt auch Login diese Entwicklung, haben auch Sie Probleme bei der Rekrutierung?

Man muss dies differenziert anschauen, Pauschalaussagen stimmen so meiner Meinung nach nicht. Man muss zum einen geografisch differenzieren: Der Lehrstellenmarkt ist nicht überall gleich. Zum andern gibt es Unterschiede je nach Beruf. Es gibt Berufe, die bei den Jugendlichen heute nicht zuoberst auf der Hitliste stehen, das ist ein Fakt. Manche Unternehmen sind bei den heutigen Jugendlichen noch nicht angekommen. Es wächst eine neue Generation heran, und gewisse Unternehmen haben die Hausaufgaben noch nicht gemacht, sich wirklich auf diese einzustellen. Was ist für die jungen Menschen wichtig? Es ist zu einfach, zu sagen, sie hätten weniger schulische Fähigkeiten und die Dossiers erfüllten die Qualität nicht. Man kann die Frage auch umdrehen und fragen, welche Fähigkeiten sie denn zusätzlich haben. So können sie mit der Vernetzung, mit den Tools, mit den vielen Informationen umgehen und haben andere Sozialkompetenzen als wir seinerzeit. Heute trampelt man oft zu sehr darauf herum, was ihnen fehlt, da braucht es aus meiner Sicht eine grundlegende Änderung der Philosophie.

Gehen wir noch einmal zurück zu meiner ursprünglichen Frage: Haben Sie heute mehr Schwierigkeiten als früher, Jugendliche zu finden?

Nein, das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI spricht von einer «stabilen Situation» und möchte, dass es zu viele Lehrstellen gibt, damit eine Wahlmöglichkeit besteht. Im letzten Jahr konnten in der Schweiz 8000 Lehrstellen nicht besetzt werden, das entspricht neun Prozent. Login rekrutiert überdurchschnittlich gut, trotzdem konnten auch wir drei Prozent der Lehrstellen nicht besetzen. Darum müssen wir uns laufend weiterentwickeln und auf die neuen Marktsituationen ausrichten.

In manchen Berufen konnte Login aber schon in der Vergangenheit nicht alle Lehrstellen besetzen.

Ja, das ist nichts Neues. Deshalb sage ich auch, dass man die Situation differenziert betrachten muss. Bei den handwerklichen Berufen ist es schwierig, und das hört man auch aus anderen Branchen.

Während vieler Jahre meldete Login jährlich einen neuen Höchststand an Lehrverhältnissen. Ist diese Zeit auch bei Login vorbei, müssen Sie froh sein, wenn Sie die Zahlen halten können?

Das Wachstum hat sich eindeutig verlangsamt. Wir gehen davon aus, dass sich die Situation konsolidiert. Es gibt auch Verschiebungen zwischen den einzelnen Berufen, weil beispielsweise eine neue Berufslehre hinzukommt.

Bleiben wir gleich bei Ihrer letzten Aussage, bei den Ver- schiebungen. In diesem Jahr werden die ersten «Fachleute öffentlicher Verkehr» ausgebildet. Wer ergreift diese dreijährige Lehre? Was sind das für Jugendliche, was haben die früher gemacht?

Der Vergleich mit früher ist schwierig, weil es heute eine andere Generation, andere Jugendliche sind und sich auch das Umfeld verändert hat. Wir suchen als Fachleute öffentlicher Verkehr Menschen, die fasziniert davon sind, im Betrieb des öffentlichen Verkehrs zu arbeiten, und die gerne Kundenkontakt haben, vor allem auch auf dem Zug. Es ist ähnlich wie früher der/die Zugbegleiter/in, aber diese Ausbildung gibt es nicht mehr. Heute lernt man Fachmann oder Fachfrau öV, wenn man direkt nach der Schule als Zugbegleiter/in einsteigen möchte.

Früher hat man dafür doch eine Lehre KV öV gemacht?

Ja, bis vor einem Jahr lief das über eine KV-öV-Lehre mit dem Schwerpunkt Zugbegleitung im dritten Lehrjahr. Diesen Werdegang gibt es in Zukunft so nicht mehr.

Die Lehre KV öV ist mittlerweile fünfzehn Jahre alt, und die Anforderungen an die Ausbildung haben sich verändert. Man muss sich immer fragen: Will man Spezialist/innen oder setzt man auf die Breite in der Ausbildung? KV-Leute haben eher die Breite, während betrieblich heute eher wieder Spezialist/innen gefragt sind.

Was gehört sonst noch zur Ausbildung zur Fachperson öV?

Vor allem Planung und Disposition. Die Idee dahinter ist, dass nicht nur die Tätigkeit auf dem Fahrzeug gelernt wird, sondern auch die Arbeiten im Hintergrund, die Disposition von Personal und Fahrzeugen. Es sind zwei Fachrichtungen, die Lernenden spezialisieren sich auf eine von beiden, lernen aber während der Ausbildungen beide kennen. Damit gibt es für diese Berufsleute auch Stellen bei Unternehmen im Lokal- und Agglomerationsverkehr.

Das ist kein handwerklicher Beruf, welches sind die Voraussetzungen, was muss ich mitbringen?

Wichtig ist die Freude am öffentlichen Verkehr und dass man sich bewusst ist, dass man im Betrieb arbeitet. Das bedeutet Einsätze in unterschiedlichen Schichten und auch am Wochenende. Wenn jemand geregelte Büroarbeitszeiten sucht, ist es sicher nicht das Richtige. Das ist wohl die wichtigste Anforderung, deswegen muss man das auch von Anfang an kommunizieren.

Bei den «Skills» verlangen wir eine Schulbildung auf mittlerem oder höherem Niveau und Kenntnisse mindestens einer Fremdsprache. Die Anforderungen sind damit etwas weniger hoch als beim KV öV.

Wie ist die Situation bei den «Dauer-Sorgenkindern», bei den Gebäudereiniger/innen und den Gleisbauer/innen?

Die Netzelektriker/innen kommen auch noch hinzu! Es sind wirklich unsere Sorgenkinder. Wir haben eine Kombination ungünstiger Voraussetzungen. Es sind keine Wunschberufe; wir bilden deshalb heute auch Fachleute Betriebsunterhalt aus, die teilweise die gleichen Aufgaben wie Gebäudereiniger/innen haben, aber der Beruf geniesst ein besseres Image. Hinzu kommen die Arbeitsbedingungen im öffentlichen Verkehr. Wenn ich schon auf dem Bau eine Lehre mache, kann ich auch Maurer werden, da wird regelmässiger gearbeitet als bei den Gleisbauern. Auch Netzelektriker haben – aus Sicht der Jugendlichen – ähnlich unattraktive Arbeitszeiten. Und schlussendlich noch die medizinischen Voraussetzungen, die bei uns manchmal höher sind als bei der Konkurrenz.

Aber die medizinischen Voraussetzungen sind doch die gleichen, ob ich eine Strasse oder eine Schienentrasse baue?

Bei den Grundvoraussetzungen schon, aber wir sind hier im sicherheitsrelevanten Bereich des öffentlichen Verkehrs, da spricht das BAV mit. Ein Logistiker im öV und ein Logistiker bei Ikea haben nicht die gleichen medizinischen Anforderungen zu erfüllen. Natürlich müssen beide einen gesunden Rücken haben, aber bei uns kommen noch weitere Aspekte hinzu.

Im sicherheitsrelevanten Bereich ist der Konsum gewisser «Substanzen» ein Thema?

Auch, aber nicht nur. Es geht auch um «Banales» wie die Farbsichtigkeit. Bei vielen «unserer» Berufe bedeutet eine Farbenblindheit das Aus. Am Schluss entscheidet der Arzt, und wir verlieren teilweise Kandidat/innen, die wir sehr gern angestellt hätten.

Kommen wir noch einmal zurück zum Jugendlichen, der mit einem gewissen Stolz seine Login-Lehre absolviert, weil er weiss, dass ein Login-Abschluss schon ein Qualitätsausweis ist. Hat er oder sie auch gute Chancen, nach dem Lehrabschluss eine gute Stelle zu erhalten, das heisst etwa eine unbefristete Anstellung? Wie sieht’s in diesem Bereich aus? Gibt es für ausgebildete Gebäudereiniger, die beispielsweise bei der Wagenreinigung arbeiten, auch nur temporäre Anstellungen?

Grundsätzlich bilden die Unternehmen Lernende, insbesondere in den betrieblichen Bereichen, aus, weil man sie braucht. Man benötigt diese Nachwuchskräfte und will über die Berufslehren Fachkräfte heranziehen. Aber auch hier ist es nicht in allen Berufen gleich. In manchen Berufen sind die Fachleute sehr gesucht, in anderen Bereichen ist der Markt eher gesättigt. Von beiden Seiten braucht es ein Umdenken. Das Modell Ausbildungsverbund funktioniert gut, wenn es für einen grossen Teil der Lehrabgänger/innen eine Anstellung in der Branche gibt. Ich komme noch einmal auf den Anfang des Gesprächs zurück. Ich sagte, dass man sich auf die neue Generation Lernender einstellen muss; wenn etwa ein/e Lehrabgänger/in nach relativ kurzer Zeit eine Weiterbildung an einer Fachhochschule anstrebt, ist sie oder er vielleicht eher an einer Teilzeitstelle interessiert, oder vielleicht will jemand zuerst ein Jahr oder ein halbes reisen gehen. Da kann der Übergang besser gelingen, wenn von beiden Seiten eine gewisse Flexibilität vorhanden ist.

Gibt es denn auch Rückmeldungen von ehemaligen Lernenden? Positive, dass sie eine gute Stelle haben, oder auch negative, dass es nicht geklappt hat? Was überwiegt?

Der grössere Teil der Lehrabgänger/innen hat direkt eine Anstellung bei einer der Partnerfirmen. Wir fragen aber bei allen nach und möchten wissen, wie es weitergeht. Mit dem Ende des Lehrvertrags ist unsere Aufgabe nicht beendet.

Es gibt doch einen Stellenmarkt? Finden die Jugendlichen da eine Stelle?

Ja, es gibt jährlich den «Job-Markt». Da präsentieren sich die Unternehmen, und es finden Gespräche statt. Zusätzlich haben wir auch eine Plattform, wo die beteiligten Firmen ihre Stellen für Lehrabgänger/innen ausschreiben können. Wenn die notwendige Flexibilität vorhanden ist, gibt es tolle Stellen. Viele Jugendliche sind aber in einer guten Position: Sie wohnen noch zu Hause und wollen erst noch reisen gehen, bevor sie sich binden – sie gehen recht unverkrampft an diese Situation heran und sagen: «Irgendetwas ergibt sich dann schon.» Die Welt steht ihnen heute eher offen. Manchmal verliert die Branche Lernende, die sie gerne behalten würde.

Interview: Peter Anliker

BIO

Doris Kubli (39) hat nach der Diplommittelschule bei der SBB eine Lehre als Bahnbetriebsdisponentin absolviert. Nach einer ersten Stelle in Aarau im Verkauf wechselte sie auf die Generaldirektion. Nach zehn Jah- ren bei der SBB kam sie 2006 zu Login, wo sie heute als Leiterin Marketingkommunikation dafür zuständig ist, «dass sich die geeignetsten Jugendlichen für eine Lehre bei Login bewerben».

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