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Wichtiges Signal an die Arbeitgeber

SEV unterzieht sich dem Lohngleichheitsdialog

Am 1. Juni hat beim SEV der Lohngleichheitsdialog offiziell begonnen. Wir sprachen darüber mit Personalleiterin Ursula Lüthi, die an der Projektumsetzung grossen Anteil hat.

kontakt.sev: Warum beteiligt sich der SEV am Lohngleichheitsdialog?

Ursula Lüthi: Weil der SEV für die Chancengleichheit der Geschlechter und für Lohngleichheit einsteht. Unsere Teilnahme ist aber auch ein wichtiges Signal nach aussen an die Arbeitgeber. Denn es sähe merkwürdig aus, wenn wir abseitsstünden und zugleich von Arbeitgebern wie der BLS oder der RhB verlangten, dass sie beim Lohngleichheitsdialog mitmachen. In der Teilnehmerliste findet man nun nach der SBB gleich den SEV. Das ist sicher gut so.

Warum ist der SEV nicht früher in den Lohngleichheitsdialog eingestiegen? Er existiert immerhin schon seit März 2009.

Die Gewerkschaften standen nicht zuoberst auf der Liste der angepeilten Arbeitgeber. Nachdem der Start aber harzig verlief, nahm sich der SGB des Themas noch einmal so richtig an und widmete den 14. Juni 2011 (20-Jahr-Jubiläum des grossen Frauenstreiks) sowie den 8. März 2011 und 2012 der Lohngleichheit. Da gab es für den SEV kein Abseitsstehen mehr. Er ist übrigens vorläufig die erste Gewerkschaft, die sich beteiligt. Auch hier versprechen wir uns eine gewisse Signalwirkung.

Projekt Lohngleichheitsdialog

Bundesverfassung und -gesetz verpflichten die Arbeitgeber schon seit Jahren, Frauen und Männer für gleichwertige Arbeit gleich zu entlöhnen. Trotzdem zeigen Untersuchungen immer wieder, dass viele Frauen beim Lohn weiter benachteiligt werden. Daher lancierte der Bund im März 2009 zusammen mit Gewerkschaftsbund (SGB), Travail.Suisse, Arbeitgeber- und Gewerbeverband das Projekt «Lohngleichheitsdialog»; damit können Unternehmen, Verwaltungseinheiten und Institutionen freiwillig überprüfen, ob ihre Löhne dem Grundsatz der Lohngleichheit entsprechen, und allfällige Ungleichheiten in der 4-jährigen Projektdauer beseitigen.

Projektablauf beim SEV

Bereits vor dem offiziellen Start per 1. Juni 2012 hat die SEV-Personalleiterin bei der nationalen Projektleitung die Anmeldung eingereicht und zusammen mit der Arbeitnehmervertretung (Peko) eine Vereinbarung erarbeitet, die von der nationalen Projektleitung im Juni genehmigt wurde. Begleitet und überwacht wird das Projekt SEV-intern von einer Begleitgruppe bestehend aus Personalleiterin Ursula Lüthi und SEV-Vizepräsident Manuel Avallone seitens des Arbeitgebers sowie aus Peko-Präsident Jérôme Hayoz und der Gleichstellungsbeauftragten Barbara Amsler seitens der Belegschaft. Nun müssen die Lohndaten zur statistischen Überprüfung in die Excel-Anwendung «Logib» eingegeben und die Ergebnisse ausgewertet werden. Allenfalls festgestellte Ungleichheiten müssen (freiwillig) bis Juni 2016 behoben werden. Die statistische Lohnüberprüfung mit «Logib» ist erst ab 50 Mitarbeitenden möglich, kleinere Unternehmen müssen mit einer Checkliste arbeiten. Der SEV erfüllt die Mindestanforderung mit seinen zurzeit 65 Mitarbeitenden, die sich an den 8 Standorten Basel, Bellinzona, Bern, Chur, Genf, Lausanne, St. Gallen und Zürich 52 Vollzeitstellen teilen. Von den 30 Frauen arbeiten 28 Teilzeit und 2 zu 100 %. Von den 35 Männern haben 11 ein Teil- und 24 ein Vollpensum.

Gibt es auch beim SEV Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern, die nicht durch objektive Faktoren wie Alter, Aus- bildung, Erfahrung oder berufliche Stellung erklärbar sind?

Dies ist nicht auszuschliessen, auch wenn der SEV grundsätzlich auf faire, gerechte Löhne und die Gleichbehandlung der Geschlechter grossen Wert legt. Dank klaren Regelungen sollte unser Lohnsystem eigentlich diskriminierenden Unterschieden entgegenwirken. Andererseits erlebe ich es beispielsweise bei Bewerbungsgesprächen immer wieder, dass Frauen tendenziell zurückhaltender sind mit der Äusserung von Lohnerwartungen. Es gibt da eine Unbekannte. Daher bin ich auf die Resultate der Lohnanalyse selber sehr gespannt.

Wann liegen die Resultate vor?

Noch im ersten Semester 2013 hoffe ich die Lohndaten im Analyseprogramm «Logib» fertig zu erfassen und der Begleitgruppe eine Grobauswertung vorlegen zu können.

Was geschieht, wenn diskriminierende Lohnunterschiede zum Vorschein kommen?

Der SEV hat sich beim Beitritt zum Lohngleichheitsdialog auf freiwilliger Basis dazu verpflichtet, allfällige Lohnungleichheiten innerhalb der vierjährigen Projektdauer zu beheben, also spätestens bis Juni 2016.

Wie viel kostet das Projekt den SEV?

Direkt nichts, denn die Teilnahme ist gratis und das Programm «Logib» ebenfalls. Weil uns die vierjährige Projektdauer genügend Zeit lässt, brauchen wir dafür niemanden freizustellen, und externe Fachpersonen müssen wir kaum beiziehen.

Könnten allfällige Lohnkorrekturen ins Geld gehen?

Bevor die Resultate vorliegen, kann man darüber höchstens spekulieren.

Interview: Markus Fischer

Mehr zum Projekt unter www.lohngleichheitsdialog.ch.

Hoffen auf Vorbildwirkung

Barbara Amsler, die Gleichstellungsbeauftragte des SEV, erhofft sich von der SEV-Beteiligung am Lohngleichheitsdialog vor allem eine Vorbildwirkung auf andere Gewerkschaften, aber auch auf weitere Arbeitgeber neben der SBB – der einzigen Bahn, die bisher mitmacht. «Die Frauenkommission SEV hat am 14. Juni 2011 auch von der BLS und der RhB die Teilnahme zugesagt erhalten, doch ist dort noch nichts gegangen. Bei den meisten Arbeitgebern stehen stets wichtigere Themen an, wenn es um Gleichstellung von Frau und Mann geht, und es bleibt bei Lippenbekenntnissen. Folglich braucht es weiterhin Gleichstellungspolitik in den Betrieben, auch wenn die Aufgabe manchmal undankbar ist. Deshalb bin ich froh, dass der SEV, mein Arbeitgeber, am Projekt teilnimmt.»

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